Da ist diese Geschichte aus der Schule. Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen, Anfang der Sechziger. „Das Blitzlicht“ hieß die Schülerzeitung, ihr Chefredakteur ist Martin Kannegiesser. Seine ersten Lebensjahre hatte er in Posen verbracht, war 1941 in der Hauptstadt der „neuen Ostgebiete“ geboren worden. 18 Jahre später gehörte Posen wieder zu Polen, und Kannegiesser war ein Fabrikantensohn in Ostwestfalen.
Zwischen Minden und Höxter leben die meisten Schäferhunde Deutschlands. Die Menschen hier halten es auch mal vier Stunden lang ohne ein Wort aus. Dogmen halten dafür ein Leben lang. Im „Blitzlicht“ schrieb Kannegiesser einen flammenden Aufsatz: Nie wieder dürften die Ostgebiete zu Deutschland gehören, niemals, nur in einem vereinten Europa. Im Nachkriegsmief verstand das mancher als Provokation, und genau so war es auch gemeint.
Am Ende kriegt er das, was er will
Der Schüler musste zum Rapport: was er sich da anmaße. Konsequenzen lagen in der Luft, aber Kannegiesser redete drauflos. Am Ende waren alle besänftigt. Er flog nicht, aber der Artikel war in der Welt. Kannegiesser hatte sein Ziel erreicht, am Ende kriegt er immer das, was er will: 70 Jahre ist der Mann alt, als Unternehmer umgarnt er die Kunden aus den Großwäschereien, bis die seine teuren Waschstraßen kaufen, durch die Tonnen an Bettwäsche aus Hotels und Krankenhäusern läuft. Als Arbeitgeberpräsident der Metallindustrie redet er auf die Gewerkschafter ein, bis denen das S-Wort vom Streik nicht mehr über die Lippen kommt.
In der Nacht zum gestrigen Samstag redete Kannegiesser noch um vier Uhr in der Früh. 18 Stunden saßen sich Arbeitgeber und Gewerkschafter in der Stadthalle Sindelfingen gegenüber, Kannegiesser im Nebenzimmer, dann stand fest, dass die 3,6 Millionen Beschäftigten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie vier Prozent mehr Lohn erhalten. Das ist mehr als die Inflation, aber die IG Metall hat trotzdem nicht gewonnen: Zwar müssen die Betriebe wie gefordert künftig Ausgebildete unbefristet übernehmen, aber nur, wenn der Arbeitgeber sie benötigt. Ob dem so ist, darüber entscheidet er zuvor allein.
Wie bei „Sterntaler“
Vor allem aber bei der Leiharbeit standen die Verhandlung auf Messers Schneide. Die Arbeitgeber setzten sich durch. Leiharbeiter werden übernommen - nach zwei Jahren. Das ist weit weg von dem, was die Metaller wollten. Das würde Kannegiesser niemals so sagen. Er sagt: „Wir sind wirklich aufeinander zugegangen.“
Kommunikation ist Kannegiessers leichteste Übung. Er kann einnehmend sein. Als Kannegiesser auf der Wäscherei-Messe Texcare Anfang Mai seine Maschinen ausstellte, war er die kompletten fünf Tage dabei. Die Amerikaner und Franzosen, die über seinen Stand streiften, wollten den Firmenchef treffen. Mittwochnacht, als die Tarifgespräche in Sindelfingen das erste Mal feststeckten, stand Kannegiesser morgens um viertel nach drei auf der Terrasse der Stadthalle und redete auf IG-Metall-Chef Berthold Huber ein, fünf Minuten lang. Dann lief es wieder.
6,5 Prozent mehr Lohn wollte die IG Metall. „Wenn dem Esel zu wohl ist, dann geht er aufs Eis tanzen“, sagt Kannegiesser. So redet er. Wirft mit Sprichwörtern und schlingt Wortgirlanden. Die Gewerkschafter dürften nicht „das Schaufenster einwerfen“. Die 17 Millionen Euro für VW-Chef Martin Winterkorn? Wie bei „Sterntaler“ - ein Einzelfall. Die IGMetall erinnerte ihn an den „Rattenfänger von Hameln“.
Er hält die Gewerkschafter bei Laune
Daraufhin warf die Gewerkschaftsjugend eine nasse Plüschratte ans Gesamtmetall-Haus in der Berliner Voßstraße, aber sonst passierte nicht viel. Kannegiesser ist kein Scharfmacher. Er ist ein Versöhner. Viel zu lasch springe er mit den Gewerkschaftern um, heißt es aus anderen Verbänden. Früher hat er sich in Krisenjahren auf Einkommenssteigerungen eingelassen, für die andere Funktionäre geflogen wären.
Er nicht. Am Ende wissen die Unternehmer, was sie an ihm haben. Immer wieder hat Kannegiesser betriebliche Öffnungsklauseln durchgedrückt, die Tarifverträge aufgeweicht. Er geht mit seinem Erfolg nur nicht hausieren. Stattdessen hält er die Gewerkschafter bei Laune. Kurz vor Weihnachten forderte er zur Rente mit 67, es müsse auch künftig möglich sein, kürzer zu arbeiten.
Als die IG Metall Kannegiesser im November zum 70. Geburtstag gratulierte, schrieb sie, der Arbeitgeberführer rede wie ein Gewerkschafter: „Schade, dass er von der anderen Seite ist.“ Dass die Konzerne still und leise in den vergangenen Jahren Sonderzahlungen abgeschmolzen hatten, war nicht zu lesen.
Mehr Action ist nicht
Um Kannegiessers Image steht es bestens. Seinen Ehrentag im November nutzte er für eine Verbandstagung in Berlin. Vor fünf Jahren, als er 65 wurde, arbeitete er den Tag durch und flog anschließend nach Italien. Zur Wäscherei-Messe.
Kannegiesser ist keiner aus dem Elfenbeinturm, Kannegiesser ist aus Vlotho. Das Fachwerkstädtchen ist mit 20.000 Einwohnern noch kleiner als Bad Oeynhausen. Vlotho hat zwei Mal Schlagzeilen gemacht: 1951, als beleidigte Vlothoer einen britischen Armeeoffizier anfielen, weil er eine unkonventionelle Fahrtroute wählte. Und vor drei Jahren, als Wahlhelfer in der Vlothoer Grundschule auf der Wahlurne eine Zigarrenkiste mit Schlitz plazierten. Als Kaffeekasse.
Mehr Action ist nicht. Nur alle zwei Jahre ist in Vlotho und Umgebung kein Hotelbett zu bekommen, da veranstaltet Kannegiesser seine Hausmesse, zu der 4000 Menschen nach Ostwestfalen reisen. Sie wollen die riesigen Waschmaschinen sehen. Kannegiesser hat sich den Markt mit einem einzig verbliebenen Konkurrenten aufgeteilt.
Wooosh, macht die Maschine
Das macht den Funktionär Kannegiesser glaubwürdig: Dass er Unternehmer ist, monatlich 1300 Menschen Lohn und Gehalt überweist und zusehen muss, dass die teuren Waschstraßen, die er den Großwäschereien dieser Welt verkauft, nicht zu teuer werden: Wooosh, macht die Maschine und saugt die Bettwäsche und Handtücher aus den Hotels und Krankenhäusern vorne in den chromblitzenden Schacht. Hinten fällt sie sortiert und gefaltet wieder raus. Kannegiessers Transportsysteme sehen aus wie Sessellifte. Wunderwerke der Technik, ständig feilen seine Ingenieure an neuen Ideen, wie die Wäsche schneller gewaschen werden kann.
Die chromblitzenden Ungetüme mit Trommeldurchmessern von zwei Metern kosten schnell mal eine halbe Million Euro, das müssen sie ihren Käufern erst mal wieder einspielen. Auf der Frankfurt Messe kam ein Osteuropäer auf den riesigen Kannegiesser-Stand in Halle D, sah sich die Maschinen an, sah in die Preisliste und fragte: Ob man sich im Klaren sei, dass in seinem Herkunftsland eine Wäscherin 400 Euro monatlich kriege. Brutto.
Wenn auf der Welt die Löhne hoch sind, dann ist das gut für den Unternehmer Kannegiesser, der als Funktionär für niedrige Löhne kämpft. Gehen in den Schwellenländern die Löhne hoch, kaufen die Firmen seine Maschinen, die den Menschen ersetzen und die Arbeit billiger machen. Dass Kannegiessers Waschmaschinen noch so selten nach China verschifft werden, hat auch damit zu tun, dass in den Pekinger Hotels die Chinesen die Wäsche noch von Hand waschen. Kannegiessers Waschstraßen sind so teuer, dass die Lohnstückkosten in Vlotho zwar wichtig sind für die Kalkulation, wirklich entscheidend sind sie aber eher bei der Montage.
Das bedeutet nicht, dass Kannegiesser so viel zahlt wie in die Industrie. Mag er noch so beliebt sein, seinen Leuten, heißt es in Vlotho, verlange er alles ab. Sich selbst auch. „Hobbys? Hab ich nicht“, sagt Kannegiesser. Lieblingsschriftsteller? Fällt ihm keiner ein. 70 Prozent Unternehmen, 70 Prozent Verband, hat mal einer über seine Zeiteinteilung gesagt. Freitags, wenn Kannegiesser aus Berlin zurück ist, treten die Führungskräfte an. Wer nicht auf Zack ist, hat ein Problem. Er hasse es, sagt Kannegiesser, wenn sich Mitarbeiter „nicht mit vollem Herzen“ engagierten. Er selbst verbringt die Wochenenden „im Turm“, seinem Arbeitszimmer am Kannegiesser-Ring.
Mit großem Verantwortungsgefühl
Wenn Messe ist, kauft Kannegiesser kein externes Catering ein, er lässt die Auszubildenden bedienen - die wären sonst beleidigt, heißt es. Dafür ist die Ausbildungsquote mit zehn Prozent doppelt so hoch wie bei Daimler. In der Regel werden alle übernommen. Kannegiesser beschäftigt auch Leiharbeiter. „Da ist die Schere in den vergangenen Jahren auseinander gegangen“, sagt er über die Gehaltslücke zum festen Angestellten. Er hat nichts dagegen, die Schere wieder weiter zuzuklappen, aber nur freiwillig.
Ludwig Erhard war mal in Vlotho und hat die Firma besucht, Martin Kannegiesser studierte einst in Köln bei Alfred Müller-Armack, dem Erfinder des Begriffs Soziale Marktwirtschaft. Kannegiesser ist der Inbegriff jenes Unternehmertypus: mit großem Verantwortungsgefühl, aber entscheiden will er selbst.
Er wollte Journalist werden
Nach der Schülerzeitung wollte er Journalist werden. Er liebäugelte mit einem Job bei Bertelsmann. Später hätte er sich fast mal in eine große Regionalzeitung eingekauft.
Der Vater starb früh. Sohn Martin, bereits im Betrieb, wurde mit 29 Chef. „Im Rückblick würde ich mich nicht noch einmal in jungen Jahren zu einseitig auf berufliche Fragen fixieren“, sagt Kannegiesser. Seine Tochter studiert Wirtschaft, aber der Vater zwingt sie zu nichts. Zurück nach Vlotho beispielsweise. „Das würde nie funktionieren“, sagt Kannegiesser. „Hätte es bei mir damals auch nicht.“ Glaubt man ihm sofort.
Der Mensch
Martin Kannegiesser wird am 10. November 1941 in Posen geboren und wächst in Ostwestfalen auf. 1948 gründet Vater Herbert das Familienunternehmen, das rasch wächst. Sohn Martin studiert in Köln Betriebswirtschaftslehre. Er zögert, in das Unternehmen einzutreten, will Journalist werden, interessiert sich für Politik. Als der Vater erkrankt, übernimmt Martin die Firma, baut sie um zum Weltmarktführer für Wäschereitechnik. Daneben steigt er 2000 zum Präsidenten der Metall-Arbeitgeber auf. Mit Ehefrau Jutta hat er eine Tochter. Kannegiesser ist ständig auf Achse. „Der Familie habe ich über weite Strecken einen nicht ausreichenden Stellenwert gegeben“, hat er einmal gesagt.
Das Unternehmen
Der Kannegiesser-Konzern im ostwestfälischen Vlotho bei Bielefeld ist Weltmarktführer für Komplettsysteme mit gigantischen Waschstraßen, Schleudern und Trocknern, mit denen Großwäschereien Bettbezüge und Handtücher aus Hotels und Krankenhäusern reinigen - bis zu vier Tonnen die Stunde. Das hochspezialisierte Unternehmen beschäftigt weltweit 1300 Mitarbeiter und hat 2011 einen Umsatz von 260 Millionen Euro erzielt. In den 90er Jahren baute Kannegiesser um und spezialisierte sich auf das heutige Sortiment - für einige Jahre war die Situation der Firma prekär. Kannegiesser war einst kurz davor, ein Werk in China aufzumachen - doch dann blies er die Verlagerung wieder ab.
Guter Journalismus
Caspar Mendrzyk (Buergersicht)
- 20.05.2012, 06:37 Uhr
