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Veröffentlicht: 15.01.2012, 16:40 Uhr

Gernot Lehr Der Präsidentenanwalt

Erst Johannes Rau, dann Christian Wulff: Der Bonner Presserechtler Gernot Lehr verteidigt nun schon das zweite Staatsoberhaupt.

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© dpa Rechtsvertreter und Pressesprecher: Gernot Lehr

Ein Bundespräsident als Mandant ist ein Ritterschlag für einen Rechtsanwalt. Der Bonner Presserechtler Gernot Lehr darf sich sogar doppelt ausgezeichnet fühlen: Lange bevor er nun versucht, für Christian Wulff (CDU) die Kohlen aus dem Feuer zu holen, hat er sich schon bei Johannes Rau (SPD) in die Schlacht gegen unliebsame Berichte in den Medien geworfen. Was dem 54 Jahre alten Lehr in der „Flugaffäre“ des vormaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen gelang, bereitet ihm allerdings im Dienst des einstigen Regierungschefs von Niedersachsen deutlich größere Schwierigkeiten.

Mehr noch: Der Advokat ist selbst in die Kritik geraten. Nicht nur, dass er - entgegen den Ankündigungen Wulffs in seinem vielbeachteten Fernsehinterview - am nächsten Morgen nicht die vollständigen Unterlagen über die verschiedenen Vorwürfe gegen das Staatsoberhaupt im Internet veröffentlichte, sondern nur eine gespreizt-verschwurbelte Zusammenfassung. Zur Begründung berief sich Lehr auf seine angebliche Verschwiegenheitspflicht (von der Wulff ihn freilich jederzeit entbinden kann, wenn er dies will) sowie auf die Persönlichkeitsrechte der jeweiligen Journalisten. Doch ganz ernst zu nehmen ist dieses Argument wohl doch nicht. Denn mittlerweile kam heraus, dass er zuvor längst seine Mailkorrespondenz mit der „Welt“ an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung weitergeleitet hatte.

Für Springer stritt er für die Pressefreiheit

Lehr ist Partner einer der renommiertesten Anwaltssozietäten Deutschlands, nämlich bei Redeker Sellner Dahs. Er ist ein Sohn der früheren Bundesfamilien- und Gesundheitsministerin von Helmut Kohl, Ursula Lehr. Einer seiner beiden Arbeitsschwerpunkte ist das Presserecht. Dabei steht er mal auf der Seite der Medien, mal auf jener von Managern und Politikern. Für verschiedene ARD-Fernsehanstalten und das ZDF, für den Deutschlandfunk und den Axel-Springer-Verlag stritt er für die Pressefreiheit. Für die einstige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, den jetzigen Bundestagvize Wolfgang Thierse, die ehemalige Bundesministerin für Gesundheit Ulla Schmidt und den Mainzer Ministerpräsidenten Kurt Beck focht er für das Persönlichkeitsrecht; ebenso für einen entlassenen Chefjustitiar der HSH Nordbank und manch anderen. Beck war in einer Satirezeitschrift als „Problembär“ bezeichnet worden, der „abgeknallt“ werden solle; Schmidt hatte Ärzten vorgeworfen, sie nähmen ihre Patienten in „Geiselhaft“, weil sie während einer Protestaktion ihre Praxen dichtmachten.

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Auf dem besonders umkämpften Feld der Verdachtsberichterstattung - also bei Zeitungsberichten über Ermittlungen gegen Prominente wegen mutmaßlicher Straftaten - verficht Lehr eine besonders rigorose Linie. Er will den Medien verbieten lassen, den Presseerklärungen der Justiz mehr Vertrauen entgegenzubringen als Behauptungen jedweder Privatperson. Bislang hält das Bundesverfassungsgericht jedoch an seiner Einstufung von amtlichen Stellen als einer „privilegierten Quelle“ für Journalisten fest. Lehr kann sich zugutehalten, dass er gegenüber seinen jeweiligen Kontrahenten und vor Gericht weniger rabaukenhaft auftritt als manch namhafter Wettbewerber von ihm. Als uneitel würde ihn aber wohl auch nicht jedermann bezeichnen.

Kaum Zeit zum Marathonlaufen

Lehrs Doppelfunktion als Rechtsvertreter und Pressesprecher dürfte Wulff bereits rund 100.000 Euro gekostet haben, wie Kenner der Stundensätze in Großkanzleien vorrechnen. In diesen Tagen wird der Jurist denn auch wenig Zeit für anderes finden als die vielfältigen Vorwürfe gegen Wulff rund um drei Hauskredite, diverse Urlaubsreisen sowie zwei angebliche Drohanrufe auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs und dessen Verlagschefs.

Doch irgendwann wird auch dieses Mandat enden. Dann dürfte der Jurist wieder mehr Zeit zum Marathonlaufen haben. Gern sitzt er auch im Fußballstadion oder auf einer Karnevalsveranstaltung. Und die Arbeit wird ihm auch nicht ausgehen: Lehrs zweites Rechtsgebiet ist nämlich das Glücksspielrecht. Und da richten sich seine Medienkontakte eher darauf, gewonnene Gerichtsurteile und günstige Rechtsgutachten in die Gazetten zu bringen.

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