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Gentechnik in China : Phönix aus der Flasche

Ein Forscher im chinesischen BGI, in dem viele seiner Kollegen so hip aussehen wie junge Unternehmer aus dem Silicon Valley. Bild: Aniu/VU/laif

China lässt im großen Stil jedes Leben umbauen. Ohne Skrupel optimieren Forscher Pflanzen und Tiere, der Staat speichert das Genom des ganzen Volkes. Ein Besuch im Labor, das die Welt verändert.

          Wäre der weltweit aufregendste Ort der Genforschung ein Kind, es hätte eine schlechte DNA: Grau und schmuddelig sind die Gebäude des Gentechnikunternehmens BGI in Shenzhen, gelegen an einer Schnellstraße in der Wirtschaftsmetropole in Chinas Süden. Überall blättert der Lack. Die Treppen stauben. Verwitterte Schilder verraten noch heute: Hier wurden früher einmal Schuhe produziert.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Heute beherbergen die Mauern die größte Genfabrik der Welt. BGI steht für „Beijing Genomics Institute“, doch die Gründung im politischen Peking ist Geschichte. Durch die weiten Etagen, in denen bis heute über eine Million menschlicher Genome entschlüsselt wurden, weht ein Anflug von Anarchie. Zwei Turnringe hängen von der Decke herunter. Auf dem Flur stolpert der Reporter über ein Hoverboard, ein batteriebetriebenes Rollbrett. Zweitausenddreihundert Forscher arbeiten an den Schreibtischen, manche schlafen daneben auf Luftmatratzen.

          Es gibt eine Menge Doktoren hier und viele Studienabbrecher. Der Altersschnitt liegt bei siebenundzwanzig. Dieser Ort sieht von innen aus wie Büros im Silicon Valley, nicht wie ein Politbüro. Das „produktivste Unternehmen zur Entschlüsselung menschlicher, pflanzlicher und tierischer DNA auf der Welt“ sei BGI, schreibt ein Magazin des Massachusetts Institute of Technology.

          Globales Gen-Google?

          Der Kindergarten in Shenzhen wird ernst genommen in der Genforschung. Über die Schnellstraße rollen Besuchergruppen mit Wissenschaftlern aus aller Welt heran. Staunend blicken sie durch die Fenster auf Flaschen, Ampullen und Sequenziermaschinen, die Tag und Nacht unter Neonlicht menschliche Genome entschlüsseln für die Frage, wie man mit diesen die Welt verbessern, und wie man Kapital daraus schlagen kann.

          Auf dem Schreibtisch des Gründers liegt ein Prospekt der elitären Duke-Universität aus Amerika. Daneben ein Buch über Lungenkrebs; die Gedichte Mao Tse-tungs. Der Tisch steht mitten im Raum, von allen einsehbar. Hanteln liegen am Boden, ein Mountainbike. Gründer Wang Jian selbst ist nicht da; er ist wieder beim Klettern, ein Foto zeigt einen früheren Aufstieg zum Shishapangma im Himalaja, dem einzigen Achttausender, der vollständig auf chinesischem Territorium liegt.

          Die Sequenzierungsmaschinen des BGI kosten pro Stück eine halbe Million Dollar. Andererseits wachsen die Gehälter hier nicht in den chinesischen Himmel. Im Schnitt verdient ein Forscher bei BGI nur eintausenddreihundert Euro. Dafür erhalten manche Aktienoptionen für den Fall, dass die Firma eines Tages an die Börse geht wie einst Google. Vergleichbar sei das Institut auch angesichts seiner gigantischen Speicher voller Daten über die Bausteine des Lebens, sagen Wissenschaftler: BGI schicke sich an, zum globalen Gen-Google zu werden: Welche Krankheit schlummert in meiner DNA? Schau es online nach bei BGI.

          Riesen-Klonfabrik

          Yang Huanming, zweiter Gründer, hat diese Vision vor fünf Jahren so formuliert: „Wir haben ein historisches Projekt begonnen. Ich habe den Traum, jedes Lebewesen auf der Erde zu sequenzieren!“ Was er damals nicht sagte, war die logische Konsequenz: dass man irgendwann seine DNA nicht nur analysieren, sondern auch ändern lassen kann. Damit Alzheimer ausbleibt. Oder der Haarausfall. So weit war die Wissenschaft damals nicht. Heute ist sie es.

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