Home
http://www.faz.net/-gql-75v3z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Genossenschaftliche Rinderzucht Ochse nach bayerischem Reinheitsgebot

Bauern, Wirte und Gäste aus München und dem Umland haben eine Genossenschaft gegründet. Sie zieht den echt bayrischen Ochsen auf. Von dem gibt es noch zu wenige.

© Jan Roeder Vergrößern Sitzt mein Nasenring? Der bayerische Bulle Wonderland (links) mit seiner Gefährtin Mimi beim Foto-Shooting

Wonderland schreitet ins Freie. Wenn der 900 Kilo-Bulle den Stall verlässt, heißt das für den Rest der Herde: bitte folgen! Schon nach ein paar Minuten stampfen sämtliche Rindviecher durch den tiefen Schnee hier draußen am Tegernsee. Auslauf gehört für die 60 Milchkühe von Bauer Georg Westenrieder zum Programm. Wer ein echter „bayerischer Ochs“ werden will - Kühe fühlen sich in diesem Fall gar nicht diskriminiert, wenn man sie dazu zählt - muss raus.

Nadine Oberhuber Folgen:  

Wonderland verdankt seine Bewegungsfreiheit Münchner Innenstadtwirten. Sie wollen besseres Fleisch auf die Teller legen. Dafür haben sie mit oberbayerischen Bauern eine Genossenschaft gegründet. Diese Organisation züchtet die Rindviecher nach strengen Vorgaben. Das Prädikat heißt „BayernOx“. Es bekommt hier nicht jeder. Ein zertifiziertes Rindvieh muss der Genossenschaftssatzung zufolge in Bayern gezeugt, großgezogen, geschlachtet und zerlegt worden sein. Bis ans Ende seiner Tage soll es Futter ohne Soja und möglichst viele Tage auf der Weide genossen haben. Auf wessen Mist diese Vorgaben gewachsen sind? Zum Beispiel auf dem von Georg Westenrieder. Der Bauer am Tegernsee, Chef der Erzeugergemeinschaft im Landkreis Miesbach und einer der beiden Vorstände der BayernOx-Initiative. Sein Vorstands-Kompagnon ist Peter Schmutzer, Gastronom des Münchner Wirtshauses „Augustiner am Dom“.

50 Cent mehr pro Kilo Fleisch

Im Oktober haben die Münchner Innenstadtwirte und 25 Miesbacher Bauern sich zusammengetan und die Genossenschaft gegründet, um Tiere wie Wonderland großzuziehen. „Deren Fleisch hat eine Qualität, die man nicht nur sieht, sondern auch schmeckt“, schwelgt Augustiner-Chef Schmutzer.

Georg Westenrieder - Der Vorstandsvorsitzende von Bayern Ox, einer Initiative der Münchener Gasttwirte, um  Rindfleisch aus der unmittelbaren Region anzubieten, stellt sich in Gmund den Fragen von Nadine Oberhuber © Jan Roeder Vergrößern Der Fotobeweis: Im Hofbräuhaus sind doch nicht nur Japaner

Doch wie sieht die Rechnung für Bauer Westenrieder aus? Schließlich müssen seine Kühe mindestens drei Monate am Stück draußen stehen und an 190 Tagen im Jahr Auslauf auf der Weide bekommen. Die Einhaltung der Kriterien kontrolliert eine staatliche Überwachungsstelle. Machen ihm die ganzen Auflagen nicht eher die Arbeit schwer? „Überhaupts net“, sagt der und gibt einem Rind einen Klaps aufs Hinterteil, das später mal zu einem dicken, saftigen Braten wird. Mit freilaufenden Kühen habe er sogar viel weniger Arbeit als mit einem Anbindestall, so heißt die Aufbewahrungsstätte für Stehendvieh im Landwirtschaftsjargon. Dort muss er pro Kuh und Jahr etwa 80 Stunden Hand anlegen. Laufen die Kühe frei herum, suchen sie sich ihr Futter selbst und legen sich nur zu den Ruhezeiten ins Heu, dann hat er nur 50 Stunden Arbeit pro Tier. Zudem werden freilaufende Kühe seltener krank, und sie produzieren viel mehr Milch, behauptet der Bauer. Trotzdem werden 60 Prozent aller bayerischen Rindviecher in Anbindeställen gehalten, sagen Agrarfachdienste.

Nicht nur die arbeitsökonomischen Argumente sind es, weswegen die Miesbacher Bauern bei der Genossenschaft mitmachen. Es lohnt sich für sie auch finanziell: Im Schnitt bekommen sie für ein Kilo Rindfleisch einen Marktpreis von 3,80 Euro. Haben sie das Rind nach europäischen Bio-Richtlinien großgezogen, sind es 20 bis 30 Cent mehr. Für ein Stück Vieh nach BayernOx-Vorgaben aber kassieren sie 50 Cent zusätzlich pro Kilo, rund 200 Euro pro Tier. Das sind insgesamt 120.000 Euro mehr. Die zahlen ihnen die Innenstadtwirte freiwillig, damit sie besseres Fleisch bekommen. So sichern sie sich treue Lieferanten.

Ochsenschwanz, Rinderwade und Ochsenbrust auf Sterne-Niveau

Umgekehrt heißt das nicht, dass die Gastronomen fürs Fleisch mehr bezahlen und dass auch der Gast fürs Tellerfleisch vom Tegernsee mehr auf den Tisch legen muss. Denn an anderer Stelle spart die Genossenschaft: Die Bauern zerlegen das Vieh auch selbst im Miesbacher Schlachthof, den sie vor ein paar Jahren in Eigenregie übernommen haben, als die Stadt ihn abstieß. „Deshalb fallen bei uns Großhändler und Zwischenhändler wie Zerleger und Portionierer weg“, sagt Westenrieder, - und Schmutzer ergänzt: „Das ist eine Win-win-Situation für alle: Bauern, Wirte und Gäste.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zurück zu den Ursprüngen des Geschmacks Knollenziest und Zuckerwurz

Immer perfekter, immer normierter und oft auch immer fader wird das Gemüse, das uns von der Nahrungsmittelindustrie aufgetischt wird. Dagegen wehren sich Bauern wie der Südtiroler Harald Gasser, der alte Gemüsesorten wieder kultiviert. Mehr

17.09.2014, 19:19 Uhr | Reise
Bauern spüren russischen Importstopp

Die deutschen Milchbauern leiden unter den Sanktionen Russlands. Die EU-Agrarminister beraten deshalb den Umgang mit den Folgen des Importstopps für Agrarprodukte. Mehr

02.09.2014, 23:04 Uhr | Politik
Ausflugsfahrt Weiß-blaue Käferstündchen

Er läuft und läuft und läuft: Ein Ausflug durch Oberbayern als Zeitreise in die Urlaubswelt der siebziger Jahre - unterwegs in VW-Käfern. Mehr

16.09.2014, 18:01 Uhr | Reise
Obsterzeuger spüren Russland-Sanktionen

Die deutschen Landwirte spüren die Einfuhrverbote Russlands für westliche Agrar-Erzeugnisse. Die hiesigen Bauern exportierten vergangenes Jahr Obst und Gemüse im Wert von rund 60 Millionen Euro nach Russland. Mehr

19.08.2014, 15:01 Uhr | Wirtschaft
Saalbaukino in Pfungstadt Damit der Vorhang nicht zum letzten Mal fällt

Die Digitalisierung bedeutet für viele Kinos das Aus. Um das letzte Lichtspielhaus in Pfungstadt zu erhalten, gründeten Bürger eine Genossenschaft. Doch gerettet ist das Kino damit noch nicht. Mehr

14.09.2014, 14:20 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.01.2013, 10:51 Uhr

Paris braucht Druck

Von Christian Schubert, Paris

In Berlin wirbt Premierminister Valls um Verständnis dafür, dass Frankreich erneut von den europäischen Defizitzahlen abweicht. Er sollte diese Nachsicht nicht bekommen. Mehr 38 44


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Alibaba lässt Amazon und Ebay alt aussehen

Alibaba geht an die Börse. Die Erwartungen an den Internetriesen sind groß. Das ist nicht unberechtigt: Die Chinesen haben schon jetzt mehr aktive Nutzer und einen höheren Gewinn als Amazon und Ebay. Mehr Von Anne-Christin Sievers 2

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden