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Gemeinsinn statt Landflucht : Kirchberg - ein Dorf mit Zukunft

Bild: Helmut Fricke

Kirchberg liegt am Rande des Harzes. Es ist eines der wenigen Dörfer der Region, das nicht schrumpft. Die Autobahn ist nah, das Internet ist schnell, und der Gemeinsinn gedeiht.

          Die betrüblichen Berichte, die über Dörfer verbreitet werden, stimmen. In meinem alten Dorf Kirchberg gibt es keinen Einkaufsmarkt mehr, keinen Bäcker, keine Bank, keine Post und - was der langjährige Ortsbürgermeister Rudi Wuttke am schlimmsten findet - keine Kneipe.

          Die Zwergschule schloss schon 1975 für immer, einen Kindergarten gab es hier nie. Heute findet sich weder Schwein noch Milchkuh auf den alten Bauernhöfen im Ort. Pferde und ein einziger Bulle grasen noch am Dorf. Ein Arzt fehlt dem Dorf, ein Friseur ebenso. Und der Pastor muss sich fünfteln: Vier evangelische Gemeinden betreut er neben Kirchberg.

          Wenn man das Offensichtliche zusammenzählt, kann es meinem Dorf nicht gutgehen. Das Berlin-Institut für Demographie und Entwicklung hat eine Deutschland-Karte herausgebracht, in der die Regionen mit den stärksten Bevölkerungsverlusten blau und dunkelblau sind. Große Teile Ostdeutschlands sind in Blau getaucht und auch einige westdeutsche Regionen. Mitten in einer dieser bedrohten Zonen liegt Kirchberg. Die Stadt Seesen, die Kirchberg 1972 gegen nicht geringen Widerstand eingemeindet hatte, verlor seit dem Jahr 2000 mehr als zehn Prozent ihrer Einwohner. Doch irgendetwas ist in Kirchberg anders gelaufen. Hier leben 554 Leute, eins unter Schnapszahl. Kirchberg ist gewachsen als eines der wenigen Dörfer der Region. Warum?

          „Should I stay or should I go“

          “Church-Hills Blasenleiden“ heißt eine Coverband in Kirchberg. Zu ihrem Repertoire gehört der Song der Punkband Clash: „Should I stay or should I go“. Bleibe ich, oder mache ich die Biege?, würde ein Kirchberger übersetzen. Für mich war die Antwort klar. Als ich mein Elternhaus vor 30 Jahren verlassen habe, da kam mir das Dorf grau und müde vor. Das lag nicht nur an den Eternitbehängen, die damals noch die Fachwerke der Häuser bedeckten.

          All die demographischen Szenarien, denen zufolge das Dorf als solches langsam veröde mangels attraktiver Arbeitsplätze und Perspektiven für junge Leute hätten damals meine Zustimmung gefunden. Mit der Arroganz des in die Welt Strebenden hatte ich mitleidig auf die Zurückgebliebenen geblickt, die mit mir Tischtennis und im Posaunenchor gespielt und Bier getrunken hatten. Was konnte Kirchberg schon bieten?

          Heute, 30 Jahre nach meinem Wegzug, kommt mir Kirchberg vital vor: Zwar nicht wie ein kraftstrotzender 18-Jähriger, aber doch wie ein fitter 40-Jähriger mit Bäuchlein, der einiges hinter sich hat, aber noch etwas reißen kann. Als Helmut Fricke, der Fotograf, und ich in das Dorf kommen, am späten Mittwochnachmittag, sind Jungs in blauen Feuerwehr-Overalls unterwegs zum wöchentlichen Treffen der Jugendfeuerwehr. Zu meiner Zeit gab es keine Jugendfeuerwehr. Die Jungs radeln zum wöchentlichen Treffen im Dorfgemeinschaftshaus.

          An gemeinschaftlichen Aktivitäten mangelt es nicht

          Und an diesem Mittwoch ist am Dorfgemeinschaftshaus der Teufel los. Auf dem angrenzenden Sportplatz trainiert der Postbote eine Jugendmannschaft. Es sammelt sich hier überdies die 6. Tischtennis-Herrenmannschaft vor dem Auswärtsspiel in Seesen. In der Sporthalle neben dem Gemeinschaftshaus übt die Zumba-Gruppe (Zumba ist eine hochmodische Mischung aus südamerikanischem Tanz, Fitness und Intervalltraining). Später ist noch Senioren-Turnen.

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