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Frankfurt : Reich und sexy

Im Frankfurter Ostend sprießen die beiden Türme der neuen EZB und verwandeln das ehemalige Industrieviertel Bild: Röth, Frank

Frankfurt verändert sich. Mit großer Dynamik und mit viel Geld. Noch nie war die Stadt so schön wie heute. Und so teuer.

          Ulrike ist Anfang dreißig. Fünf Jahre hat sie im Berliner Kulturbetrieb gearbeitet, als sie das Angebot erhält, zu einem renommierten Frankfurter Verlag zu wechseln.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Es war ein Angebot, das sie nicht ausschlagen wollte, auch wenn der Wechsel vom kreativen Berlin, wo Freunde und Liebe zu Hause sind, ins Business-Frankfurt wie ein ziemlich schlechter Tausch aussah. Mit dem Mut der neugierig Verzweifelten zog Ulrike in eine WG mitten ins Bahnhofsviertel. Dort lebt sie seit mehr als einem Jahr und ist begeistert, nicht nur von der Arbeitsstelle. Sondern vom neuen Frankfurt.

          Ulrikes Erzählung ließ uns hellhörig werden. Vor zehn Jahren wäre keine bürgerlich-gebildete junge Frau auf die Idee verfallen, ins verschrieene Drogen- und Rotlichtmilieu östlich des Frankfurter Bahnhofs zu ziehen. Und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wäre nie auf den Einfall gekommen, ein Spezial über das neue Frankfurt zu machen. Heute ist das Bahnhofsviertel am Kippen: immer noch verrucht, aber mit schicken Clubs und Restaurants, steht es kurz vor der Gentrifizierung. Genau der richtige Ort für Leute, denen Prenzlauer Berg und Friedrichshain in Berlin zu langweilig geworden sind.

          „Frankfurt hat keine schlechten Viertel mehr“

          Das ist ein Signal. „Frankfurt hat keine schlechten Viertel mehr“, sagt der Immobilienentwickler Max Baum. Er hat recht. Die Dynamik der Veränderung mitten in der Stadt ist gewaltig und kann - mit nur ein paar Gramm Übertreibung - verglichen werden mit dem Umbruch Berlins nach dem Fall der Mauer. „The Big Hole“, das große Loch, hatten die New Yorker um die Jahrtausendwende in Berlin bewundert. Heute könnten sie so etwas in Frankfurt besichtigen - nahe dem Kaiserdom etwa, wo eine riesige urbane Fläche neu belebt wird, oder wenige hundert Meter den Main hinunter, wo anstelle der alten Degussa Wohnungen, Büros und neue Geschäfte entstehen. Gigantisch ist allein schon das Europaviertel auf dem alten Güterbahnhof zwischen Messe und Innenstadt: dort entsteht auf 670.000 Quadratmeter Fläche quasi im Zentrum ein ganzer Stadtteil für mehr als 13.000 Frankfurter. Dort sieht es heute schon so aus, wie „Stuttgart 21“ irgendwann in vielen Jahren aussehen könnte.

          „Frankfurt war immer schon Modell und Labor der Bundesrepublik Deutschland“, sagt der Historiker Werner Plumpe: Wie im Brennglas kann man hier früher erkennen, was aus Deutschland später werden könnte.

          Voraussetzung für all die Veränderungen indes ist schlicht Geld, viel Geld. Weil Frankfurter Immobilien als sichere Geldanlage gelten, greifen in- und ausländische Fonds, Versicherungen, Pensionskassen und private Anleger derzeit so beherzt zu wie schon lange nicht mehr: Immobilien im Wert von 1,8 Milliarden Euro wechselten laut Jones Lang LaSalle allein im ersten Halbjahr den Besitzer. Mehr Geld wurde in keiner anderen deutschen Stadt investiert. Der „Gallileo“, ein gläserner Büroturm im Bankenviertel, gehört sechs koreanischen Pensionskassen, meldete der Lokalteil der F.A.Z. unlängst. Zirka hundert Millionen Euro hat ein israelischer Investor für ein neues Bürohaus an der Bockenheimer Warte ausgegeben.

          Die Stadt arbeitet. Selbst das Jahrhundertereignis Weltfinanzkrise hat die Bankenstadt nicht gelähmt. Trotz Bankenschrumpfen und Deindustrialisierung steigt die Zahl der Arbeitsplätze von Jahr zu Jahr stetig und hat 2012 einen Höchstwert von 650.000 erreicht. Nicht schlecht in einer Stadt mit gerade einmal 700.000 Einwohnern. Auch das gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

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