Home
http://www.faz.net/-gqe-7gw0p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.08.2013, 09:05 Uhr

Frankfurt Reich und sexy

Frankfurt verändert sich. Mit großer Dynamik und mit viel Geld. Noch nie war die Stadt so schön wie heute. Und so teuer.

© Röth, Frank Im Frankfurter Ostend sprießen die beiden Türme der neuen EZB und verwandeln das ehemalige Industrieviertel

Ulrike ist Anfang dreißig. Fünf Jahre hat sie im Berliner Kulturbetrieb gearbeitet, als sie das Angebot erhält, zu einem renommierten Frankfurter Verlag zu wechseln.

Rainer Hank Folgen: Winand von Petersdorff-Campen Folgen:

Es war ein Angebot, das sie nicht ausschlagen wollte, auch wenn der Wechsel vom kreativen Berlin, wo Freunde und Liebe zu Hause sind, ins Business-Frankfurt wie ein ziemlich schlechter Tausch aussah. Mit dem Mut der neugierig Verzweifelten zog Ulrike in eine WG mitten ins Bahnhofsviertel. Dort lebt sie seit mehr als einem Jahr und ist begeistert, nicht nur von der Arbeitsstelle. Sondern vom neuen Frankfurt.

Ulrikes Erzählung ließ uns hellhörig werden. Vor zehn Jahren wäre keine bürgerlich-gebildete junge Frau auf die Idee verfallen, ins verschrieene Drogen- und Rotlichtmilieu östlich des Frankfurter Bahnhofs zu ziehen. Und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wäre nie auf den Einfall gekommen, ein Spezial über das neue Frankfurt zu machen. Heute ist das Bahnhofsviertel am Kippen: immer noch verrucht, aber mit schicken Clubs und Restaurants, steht es kurz vor der Gentrifizierung. Genau der richtige Ort für Leute, denen Prenzlauer Berg und Friedrichshain in Berlin zu langweilig geworden sind.

„Frankfurt hat keine schlechten Viertel mehr“

Das ist ein Signal. „Frankfurt hat keine schlechten Viertel mehr“, sagt der Immobilienentwickler Max Baum. Er hat recht. Die Dynamik der Veränderung mitten in der Stadt ist gewaltig und kann - mit nur ein paar Gramm Übertreibung - verglichen werden mit dem Umbruch Berlins nach dem Fall der Mauer. „The Big Hole“, das große Loch, hatten die New Yorker um die Jahrtausendwende in Berlin bewundert. Heute könnten sie so etwas in Frankfurt besichtigen - nahe dem Kaiserdom etwa, wo eine riesige urbane Fläche neu belebt wird, oder wenige hundert Meter den Main hinunter, wo anstelle der alten Degussa Wohnungen, Büros und neue Geschäfte entstehen. Gigantisch ist allein schon das Europaviertel auf dem alten Güterbahnhof zwischen Messe und Innenstadt: dort entsteht auf 670.000 Quadratmeter Fläche quasi im Zentrum ein ganzer Stadtteil für mehr als 13.000 Frankfurter. Dort sieht es heute schon so aus, wie „Stuttgart 21“ irgendwann in vielen Jahren aussehen könnte.

„Frankfurt war immer schon Modell und Labor der Bundesrepublik Deutschland“, sagt der Historiker Werner Plumpe: Wie im Brennglas kann man hier früher erkennen, was aus Deutschland später werden könnte.

Voraussetzung für all die Veränderungen indes ist schlicht Geld, viel Geld. Weil Frankfurter Immobilien als sichere Geldanlage gelten, greifen in- und ausländische Fonds, Versicherungen, Pensionskassen und private Anleger derzeit so beherzt zu wie schon lange nicht mehr: Immobilien im Wert von 1,8 Milliarden Euro wechselten laut Jones Lang LaSalle allein im ersten Halbjahr den Besitzer. Mehr Geld wurde in keiner anderen deutschen Stadt investiert. Der „Gallileo“, ein gläserner Büroturm im Bankenviertel, gehört sechs koreanischen Pensionskassen, meldete der Lokalteil der F.A.Z. unlängst. Zirka hundert Millionen Euro hat ein israelischer Investor für ein neues Bürohaus an der Bockenheimer Warte ausgegeben.

Die Stadt arbeitet. Selbst das Jahrhundertereignis Weltfinanzkrise hat die Bankenstadt nicht gelähmt. Trotz Bankenschrumpfen und Deindustrialisierung steigt die Zahl der Arbeitsplätze von Jahr zu Jahr stetig und hat 2012 einen Höchstwert von 650.000 erreicht. Nicht schlecht in einer Stadt mit gerade einmal 700.000 Einwohnern. Auch das gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wohnen in Ostdeutschland Alle wollen wieder nach Hypezig

Im Osten blühen nicht die Landschaften, sondern die Großstädte. Von Rostock bis Leipzig steigen Mieten und Hauspreise. Und manch einer fürchtet, dass sich alte Fehler wiederholen. Mehr Von Judith Lembke

01.02.2016, 11:32 Uhr | Wirtschaft
Monheim Wettlauf um niedrige Steuersätze

Bekannt für knallharten Wettbewerb um die niedrigsten Gewerbesteuersätze ist Monheim. Die kleine Stadt am Rhein senkte in den letzten sieben Jahren ihre Gewerbesteuer drastisch – mit heute rund 25 Prozent wirbt der Bürgermeister mit dem niedrigsten Steuersatz in Nordrhein-Westfalen und lockt viele Unternehmen an. Mehr

02.02.2016, 11:06 Uhr | Wirtschaft
Mega-Hochhaus in Frankfurt Donald Trump hat nicht geliefert

Wie Donald Trump den Frankfurtern einmal das höchste Haus der Welt bauen wollte - und dann für immer verschwand. Mehr Von Peter Badenhop, Frankfurt

04.02.2016, 11:20 Uhr | Rhein-Main
Debatte auf Bundesebene Residenzpflicht für Asylbewerber und mögliches Versagen der Polizei

Der Innenminister Nordrhein-Westfalens, Ralf Jäger, hat der Kölner Polizei schwere Versäumnisse vorgeworfen. Außerdem habe das Innenministerium keine Anweisung gegeben, die Herkunft von Tatverdächtigen zu verschweigen. CDU-Fraktionsvize Thomas Strobl forderte unterdessen eine Residenzpflicht für Ausländer. Mehr

12.01.2016, 15:40 Uhr | Politik
Claudio Montanini Wer beim Marketing spart, macht einen großen Fehler

In der Vereinigung der Verkaufsexperten im Raum Frankfurt schaut man nicht durch eine rosarote Brille. Ihr Chef blickt aber durchaus zuversichtlich ins neue Jahr und hat auch einige Wünsche. Mehr Von Patricia Andreae

02.02.2016, 12:44 Uhr | Rhein-Main

Kein Vertrauen in die Porsches und Piëchs

Von Carsten Knop

Im Strafverfahren gegen Wendelin Wiedeking und Holger Härter stehen die Zeichen wohl auf Freispruch. Doch Gerichtsurteile sagen nicht alles: Die Familien haben mit Porsche und VW ihren Ruf verzockt. Mehr 2 14


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“