http://www.faz.net/-gqe-89vte

IT-Beauftragter : Flüchtlinge überfordern die Computer des Staates

Flüchtlinge warten in Erfurt auf ihre Registrierung. Bild: dpa

Der neue IT-Beauftragte der Bundesregierung hat viel zu tun: Der Zustrom an Asylbewerbern legt die Missstände in den IT-Systemen des Staates offen. Die sollen so schnell wie möglich abgestellt werden.

          Die Flüchtlingskrise soll zum Katalysator werden, den politischen Handlungsdruck erhöhen: Der Zwang, die hohe Zahl der nach Deutschland geströmten Flüchtlinge endlich schnell und effizient zu erfassen, das ist die erste große Herausforderung für den neuen „Chief Information Officer“, also den IT-Beauftragten der Bundesregierung, Klaus Vitt. „Im Informationsaustausch gibt es zwischen den Behörden einige Defizite, zu viele Daten werden getrennt voneinander mehrfach erhoben“, sagt Vitt, der sein Amt am 1. Oktober angetreten hat, im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Carsten Knop

          verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen.

          Vitt will das ändern, so schnell wie möglich. Und der 63 Jahre alte Mathematiker und Informatiker, beamteter Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, hofft auf entsprechende Haushaltsmittel, um diese Aufgabe umsetzen zu können: „Wir brauchen eine schnelle Lösung, die auf den bestehenden Anwendungen aufsetzt“, so seine Strategie. Zur Programmierung von Grund auf neuer Software fehle die Zeit. „Was wir brauchen, ist ein neues Kerndatensystem, mit dem wir es schaffen, dass die Daten eines Asylbewerbers bis hin zum Fingerabdruck nur einmal erfasst werden müssen und nicht an mehreren Stellen“, sagt Vitt.

          Jüngst hatte Vitts Kollege aus Nordrhein-Westfalen beklagt, dass bei der Flüchtlingsregistrierung die Daten oft händisch von einer Excel-Tabelle in eine andere übertragen worden seien. Der Grund: Die verschiedenen Systeme der Länder und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge seien nicht kompatibel gewesen. Vitts Optimismus, zur Bewerkstelligung dieser Aufgabe entsprechende Gelder schnell bewilligt zu bekommen, speist sich allerdings nicht nur aus dem politischen Handlungsdruck, schnell zu Lösungen in der Flüchtlingsfrage zu kommen. Er stützt sich auch auf die Annahme, mit dem Argument überzeugen zu können, dass die Konsolidierung der unterschiedlichen Rechenzentren nicht nur effizient ist, sondern langfristig auch Geld spart: „Wir müssen unsere Rechenzentren standardisieren“, sagt Vitt. Der Effekt, dass dadurch auch Anwendungen zusammengeführt werden, stellt sich damit gleichsam nebenbei ein.

          „Das können wir wirklich schaffen“

          Auch in der IT-Industrie und von den entsprechenden Branchenvertretern wird die Flüchtlingskrise in dieser Hinsicht vor allem als Chance gesehen, dass Investitionen in die Informationstechnologie von Behörden in den Augen von Politikern endlich wichtiger werden. „Bisher wurden IT-Projekte im öffentlichen Bereich zur Profilierung von Politikern eher als ungeeignet erachtet“, sagt Karl-Heinz Streibich, der Vorstandsvorsitzende der Darmstädter Software AG, im gemeinschaftlichen Gespräch mit Vitt. Das könne sich angesichts des Flüchtlingszustroms nun ändern: „Wenn das jetzt richtig gemacht wird, könnte es ein Segen für Deutschland sein. Das können wir wirklich schaffen“, ist Streibich überzeugt - und spielt damit auf die entsprechende Formulierung der Bundeskanzlerin an.

          Im Fall Estlands, dem europäischen Musterland in Sachen öffentlicher Informationstechnologie, sei das nicht anders gewesen: „Das Land stand nach dem Zerfall der Sowjetunion unter einem unglaublichen Handlungsdruck die eigene Unabhängigkeit zu organisieren - und sah keine andere Option, als in eine möglichst effiziente Behörden-IT zu investieren“, sagt Streibich.

          Weitere Themen

          Der 13. November in Paris Video-Seite öffnen

          Gedenken : Der 13. November in Paris

          Es ist zwei Jahre her, dass an diesem Tag 130 Menschen getötet wurden. Die Franzosen hätten sich nicht unterkriegen lassen, sagt Jesse Hughes, Sänger der Band „Eagles of Death Metal“.

          Das Gift

          Streit um Glyphosat : Das Gift

          Kanzlerin Merkel kritisiert Landwirtschaftsminister Schmidt für sein Glyphosat-Ja. Aber eigentlich geht es um etwas anderes: Vertrauen und das Zustandekommen der großen Koalition.

          Topmeldungen

          Personaldebatte : Grüner wird’s nicht

          Bei der letzten Urwahl scheiterte Robert Habeck noch an Cem Özdemir, jetzt sieht der Hoffnungsträger vieler Grüner seine Zeit gekommen und will Parteivorsitzender werden. Aber was könnte aus den anderen grünen Spitzenpolitikern werden?
          Steuerbegünstigt.

          Abgas-Affäre : Minister verteidigt Diesel

          Der VW-Chef hat vorgeschlagen, die Steuervorteile für Diesel abzubauen. Auch Fahrverbote hält er für möglich. Große Teile der Bundesregierung sehen das anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.