Wer das Buch aus beruflichen Gründen innerhalb von zwei Tagen liest, braucht erst einmal eine Pause, muss dringend an die frische Luft: In die Welt des Florian Homm einzutauchen ist anstrengend, selbst dann, wenn man nur als Leser mit auf diese Reise geht. Denn Homm, gesegnet mit sportlichem Talent und Intelligenz gleichermaßen, hat sein Leben leerverkauft: „Ich habe mir selber gar nicht gefallen. Ich fand mich schmierig, humor- und seelenlos“. Dafür hat er die Quittung bekommen. Genau so, wie er einst gewinnbringend auf fallende Kurse spekuliert und dabei andere um einiges ärmer gemacht hat, ist sein eigener Stern im Jahr 2007 vom Investmenthimmel gestürzt. Seit fünf Jahren ist er von der Bildfläche verschwunden. Es sind eine Menge enttäuschte Menschen zurückgeblieben: Anleger vor allem, in der Regel ebenfalls gierige Geschäftsfreunde, seine inzwischen sehr viel reichere, geschiedene Frau, seine beiden Kinder, sein einsames Ich.
Solche Aufzählungen können bei Homm niemals vollständig sein. Kopfgeldjäger waren schon im Spiel; die amerikanische Wertpapieraufsichtsbehörde SEC ist es noch. Aber Erfolg hatten sie mit ihrer Suche und ihren Klagen nicht. Zum einen: Homm lebt. Zum anderen: Man kann ihn treffen, und er glaubt, dass er in den meisten Fällen zu unrecht beschuldigt wird. Zudem hat er wieder etwas zu verkaufen: eben sein Buch mit dem Titel „Kopf Geld Jagd“, das jetzt im Münchner FinanzBuch Verlag erscheint.
Florian Homm sieht übrigens besser aus als auf den Fotos, die man von ihm im Internet findet. Das liegt aber nicht daran, dass er sich Gesichtsoperationen unterzogen hätte, wie auch schon vermutet wurde, und von einer Klippe gestürzt wurde er offensichtlich auch nicht. Nein, Homm ist auf den ersten Blick als er selbst zu erkennen. Die Frage nach dem Beweis für seine eigene Identität muss man ihm nicht stellen. Offenbar kann man eine sehr gesunde Gesichtsfarbe bekommen, wenn man abgetaucht ist. Auch der Bart, den Homm zum Zeitpunkt des Treffens im Oktober in einer europäischen Hauptstadt trägt, steht ihm jedenfalls nicht schlecht.
Ein einziger Reisepass reicht nicht
Mit welcher Identität er gerade unterwegs ist, mag er allerdings nicht verraten. Gerne würde er zwar wieder mit dem Pass des Florian Homm durch die Welt ziehen, sagt er. Aber noch ist es nicht so weit. Und wer weiß schon, ob es jemals klappen wird. Denn ein einziger Reisepass ist für einen Menschen wie Homm nicht genug, vielleicht ist auch die Welt einfach nicht groß genug. In Amerika gibt es ein Sprichwort. Wörtlich heißt es: „The grass is always greener on the other side of the hill.“ Es handelt von einem Bauern, der mit seinem eigenen Hab und Gut nie zufrieden ist, der immer nach Höherem, Besserem, nach dem Mehr strebt, eben nach dem grüneren Gras auf der anderen Seite des Hügels - und auf der Suche niemals glücklich wird. Fügt man diesem Bild noch eine gehörige Portion betrügerische Energie hinzu, hat man eine recht ordentliche Vorstellung von dem, was Homm, der schon in der Jugend manchen Ladendiebstahl begangen hat, früher ausgemacht hat.
Wer er heute ist, versucht er, in einem einstündigen Gespräch in einem reichlich versteckten Hotel zu vermitteln. Zurück bleibt ein diffuses Gefühl. Der Mann hat sich gewiss verändert, innerlich vielleicht mehr noch als optisch, aber wie sehr? Frische Luft tut auch nach dieser Unterhaltung gut - und das nicht nur wegen des erkalteten Zigarrendufts, der vom Vortag noch immer in der Luft gelegen hat. Zur Sicherheit hatte man in der Nacht zuvor den Rauchmelder im betreffenden Zimmer wohl lieber abgeklebt. Was aber sieht man, wenn sich der Nebel lichtet?
Zur Vorbereitung auf das Gespräch gab es nicht nur das Manuskript des fast fertigen Buchs zu lesen, sondern auch noch vier eng beschriebene DIN-A-4-Seiten unter der Überschrift „Die Wahrheit über Florian Homm“. Stutzig macht hier allerdings schon der bestimmte Artikel, erst recht dann, wenn man zuvor das Buch gelesen hat: Kann es „die“ Wahrheit über Homm überhaupt geben? Kann es sich im für Homm besten Fall dabei nicht allenfalls nur um „eine“ Wahrheit handeln? Denn Homm war in seinem Leben an so vielen umstrittenen Geschäften beteiligt, dass die Wahrheit gewiss immer eine Frage der Perspektive ist. „Ich wünschte, ich hätte so viele Freunde wie ernst zu nehmende Feinde“, sagt Homm dazu selbst. Oder: „Selbst ein reformierter Pitbull ist immer noch einer.“ Oder: „Den Nobelpreis für Geschäftsethik habe ich in diesem Leben nicht erhalten.“ Oder: „Ich hatte immer meine Prinzipien, aber die waren nicht unbedingt gesellschaftskonform.“ Oder: „80 bis 90 Prozent meiner Geschäfte waren aus der Sicht der Hedge-Fonds-Branche banal.“ Das Problem aber sind die verbleibenden 10 bis 20 Prozent.
Ein Leben auf der Achterbahn
Dass die Geschichte seiner unfeinen Aktiengeschäfte lang ist, wusste man auch schon vor seinem Buch. Er spekulierte beim Bremer Vulkan, beim Finanzdienstleister MLP und der Immobilienholding WCM auf fallende Kurse, verdiente dabei viel Geld - und geriet in Verdacht, die fallenden Kurse durch negative Analystenstudien selbst herbeigeführt zu haben. Ein ähnliches Vorgehen wurde ihm beim Autovermieter Sixt schließlich nachgewiesen: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht verpflichtete Homm zur Zahlung einer fünfstelligen Summe. Das war in den Zeitungen schon vielfach nachzulesen, ebenso Homms Aktienengagement inmitten der wirtschaftlich dunkelsten Zeiten von Borussia Dortmund, wo er allerdings auf steigende Aktienkurse setzte.
Dass der Neffe des verstorbenen Versandhauskönigs Josef Neckermann aber auch privat auf einer Achterbahn unterwegs war, die man sich für einen Roman nur mit Mühe ausdenken kann, fast kein leichtes Mädchen ausgelassen hat, folgerichtig auch an einem großen Bordell in Berlin beteiligt war - und der Verwalter seines Restvermögens letztlich den größten Teil desselben in Papieren des amerikanischen Anlagebetrügers Bernie Madoff versenkt hat (jedenfalls wenn man Homm diese Geschichte glaubt), das wusste man noch nicht. Homm selbst nennt das poetische Gerechtigkeit, die Strafe für seine langjährige Geldgier. Von dem übrigens, was man über ihn zu wissen glaube, sei auch vieles falsch. „Das Bild, das die deutschen Medien von mir zeichnen, ist katastrophal. Aber ich will mich nicht beklagen, ich habe mich ja jahrelang selbst gar nicht geäußert“, sagt Homm - und kritisiert sie doch. Journalisten, die nach seiner Ansicht nicht gut genug recherchiert haben, werden im Buch namentlich erwähnt und zum Trost in seine Gebete eingeschlossen, auch wenn sie sich diese bevorzugte Behandlung kaum gewünscht haben werden.
Was ist also „richtig“ beziehungsweise „die Wahrheit“? Nun, Homm ist nach seiner eigenen Meinung nicht geflüchtet. „Ich habe lediglich, mit Ausnahmen, jeden Kontakt abgebrochen.“ Insofern sei auch das Wort „untertauchen“ falsch. „Sechs Jahre war ich offiziell in Paris gemeldet - bis April 2012, als liberianischer Kulturattache und Unesco-Delegierter tätig.“ Ja, er benutze verschiedene Pässe. „Mein Geld war schon immer sehr gefährdet. Der zweite Grund ist die große Anzahl meiner Feinde: Oligarchen, mächtige Gesellschaften, ehemalige Mitarbeiter, Halbweltfiguren. Leider ist meine private Sicherheit auch heute noch gefährdet. Deswegen gibt es in diesem Bereich auch einige unvermeidliche Vorsichtsmaßnahmen.“ Damit ist zum Beispiel gemeint, dass man die Adresse für ein Treffen mit Homm nur über Dritte in einer Art James-Bond-Manier erfährt, dass man während des Besuchs sein Handy ausschalten muss und an Ort und Stelle einer elektronischen Leibesvisitation unterzogen wird.
Die Vorwürfe, die ihm von seinem alten Hedgefonds-Unternehmen „Absolute Capital Management Holdings“ (ACMH) sowie von der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde SEC gemacht werden, streitet Homm „komplett“ ab. Zu den „absurden“ ACMH-Vorwürfen werde es alsbald eine Pressemitteilung geben, kündigt Homm im Gespräch mit dieser Zeitung an. Und legt dann noch nach: „Ich werde mich den Vorwürfen von ACMH und der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde SEC in vollem Umfang stellen.“
Die SEC wiederum vergesse in der von ihr vorgetragenen Argumentation (Homm habe über sein Beteiligungsunternehmen Hunter World Markets den Wert kleiner amerikanischer Aktiengesellschaften nach oben getrieben und dann überteuert an die ACMH-Fonds verkauft), dass er zuvor an ebendiese Fonds ACMH-Wertpapiere im damaligen Wert von 45 Millionen Dollar übertragen habe - ohne Gegenleistung. Zudem habe er Aktien aus den Hunter-Beständen zuvor eben nicht zum Marktwert sondern - jedenfalls im Durchschnitt - mit „dramatischen“ Kursabschlägen von mehr als 50 Prozent an die ACMH Fonds verkauft. Homm räumt zwar ein, dass diese Eigengeschäfte „gewissermaßen“ unethisch gewesen seien, aber sie seien auf der Basis der Anlageprospekte legitim gewesen. „Warum hätte ich wegen 20 Millionen Dollar (in etwa die von der SEC genannte Summe; die Red.) mein damaliges Gesamtvermögen von 400 bis 500 Millionen Dollar aufs Spiel setzen sollen?“ Alles, was er damals gemacht habe, sei hochgradig transparent gewesen. „Die Leitung von ACMH und viele gehobene Mitarbeiter waren bestens informiert.“ Jahrelang hatte er zu den Vorwürfen geschwiegen, was sich mit dem Erscheinen des Buchs nun ändern soll. „Konsequenz bedeutet konsequentes Handeln. Ich stelle mich den Vorwürfen, den Medien - und arbeite karitativ“, kündigt Homm an. Die Überlegung, ob sein verbleibendes Leben dafür nicht vielleicht zu kurz sei, spielt keine Rolle mehr.
Dass mit der Hilfe mehrerer You-Tube-Videos eine Kopfgeldjagd mit einer Belohnung von 1,5 Millionen Euro auf ihn begonnen wurde bezeichnet Homm als „amateurhaft“. Wer zeige bei einer Menschenjagd schon seine Karten und setze sich zudem noch riesigem öffentlichen Erfolgsdruck aus? „Das ist doch wirklich unprofessionell.“ Das Video sei nichts anderes als ein verdeckter Mordauftrag. „In der Presse würde dann irgendwo stehen, ich sei endgültig und unauffindbar untergetaucht.“
Jetzt will sich Homm also vom Saulus zum Paulus gewandelt haben: „Was ist so unglaubwürdig daran? Ich habe monatelang in vollkommen verarmten und extrem gefährlichen Regionen gelebt, um den Sinn unserer Existenz zu ergründen und gleichzeitig von der Bildfläche zu verschwinden.“ Er bereue vieles, aber er sei doch froh, am Kapitalmarkt kein Leisetreter gewesen zu sein. „Wer hätte sonst den BVB vor der Insolvenz gerettet, Positives und Messbares in Liberia geleistet?“ Und: „Als rational denkender und scharf kalkulierender Christ kann ich bei effizienten Aufgaben im Gesundheitswesen und der Ausbildungsförderung in der Dritten Welt durchaus mit meiner Erfahrung und meiner Ausbildung glaubhaft einiges Positives beitragen.“
Deswegen glaubt er fest an sein neuestes Projekt „Maximum Impact Medicine“ (MIM), das jeweils ein Menschenleben für einen Dollar retten soll - bei, so verspricht er, geringstmöglichen Verwaltungskosten. Natürlich muss das Projekt bei Homm „maximum impact“ heißen. Homm backt normalerweise auch keine kleinen Brötchen; hier geht es ihm aber darum, mit den vorhandenen Geldmitteln den höchstmöglichen Gesundheitseffekt zu erzielen - nicht etwa die größte Stiftung schlechthin zu werden. „Unser Motto heißt ‚aim high‘ - oder sollten wir die Stiftung etwa ‚minium impact medicine‘ nennen?“, fragt er deshalb zurück. Die geschätzten operativen Kosten für die ersten zwei Jahre seien gesichert. „Somit wird jeder Euro an Spenden für die Sache und nicht für die Verwaltung eingesetzt“, versichert Homm.
Das Autorenhonorar aus dem Buch komme Homm zudem nicht selbst zugute, versichert der Verlag, der jüngst auch schon das Buch von Bettina Wulf auf den Markt gebracht hat, sondern der „Liberia Renaissance Foundation“ zur Förderung liberianischer Schulkinder. Homm ist auch in den Jahren seines Verschwindens stets als Diplomat für Liberia im Einsatz gewesen; das Projekt gibt es tatsächlich. Man muss jedoch nur recherchieren, um herauszufinden, dass die Stiftung offenbar enge Beziehungen zur kleinen PHZ-Bank in Zürich hat, wo sich auch ein Link zum Rechenschaftsbericht der Stiftung findet. An dessen Ende wiederum prangt der Name von Homms früherer Frau Susan Devine, und ihre Rolle an der Spitze der Stiftung bleibt im Buch unerwähnt. Was soll das? Hat Homm etwas mit der Stiftung zu tun? Gibt es doch noch einen Draht zu seiner Frau? Der braungebrannte Homm lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen, ist wieder ganz der Profi früherer Tage. Es sei gut, dass man danach frage, sagt er: „Die PHZ-Bank ist sehr solide, gut geführt und bestens durch die Finanzkrise gekommen. Meine Kinder waren durch einen Treuhänder jeweils mit einem Prozent an der Bank beteiligt. Und ich bin froh und dankbar, dass meine Frau trotz unserer Scheidung ihre Arbeit für die Stiftung fortgesetzt hat.“ Zwischen ihm und seiner Ex-Frau gäbe es keine wirtschaftlichen Verbindungen mehr.
Überhaupt, die Familie: Im Buch wirkt es so, dass Homm es tatsächlich bereut, seine Familie über die Scheidung verloren zu haben. Er habe seine Kinder um Vergebung gebeten, sagt er. Denn er habe sich viel zu wenig um sie gekümmert. Die Frage, was die Kinder auf die Bitte um Vergebung geantwortet hätten, lässt ihm Tränen in die Augen steigen. Er schluckt. Sie seien sehr großzügig gewesen, sagt er dann. Die Frage aber, ob das alles nur eine große Show ist, lässt sich nach dem Treffen nicht mit Sicherheit beantworten. Reich sei er jedenfalls nicht mehr. Bei ihm sei nichts mehr zu holen beteuert er. Es sei nach Abzug dessen, was noch für Anwälte und Personenschützer gebraucht werde, vielleicht noch 1 Prozent übrig. Als Ausgangssumme gemeint sind wahrscheinlich die 400 Millionen Euro, die einst kolportiert wurden. Dann wären also noch 4 Millionen Euro übrig. Aber so ganz genau will sich Homm in diesem Punkt auch nicht in die Karten schauen lassen. Er sei froh, überhaupt noch am Leben zu sein und dazu relativ gesund. Er könne jetzt auch auf 17 Quadratmetern leben und glaube „an die positive Botschaft von Christus“.
Einen Spaß ganz alter Schule hat Homm aber auch noch im Buch versteckt: Er schwärmt über ein australisches Biotechnologieunternehmen, das er nach eigenem Bekunden einst gerettet hat und dem er jetzt eine große Zukunft an der Börse prophezeit. Es dürfte spannend werden zu beobachten, wie sich der Kurs des Unternehmens nach dem Erscheinen des Buches entwickelt. Das Werk liefert auch mit solchen subtilen Elementen einen erschütternden Einblick in die dunkle, dünne Seele der Finanzjongleure. Als Antwort auf die Frage, um wie viel besser die Welt aussähe, würden hochintelligente Menschen wie er ihre Fähigkeiten zum Wohle der Realwirtschaft einsetzen, statt zur persönlichen maximalen Gewinnerzielung in Hedgefonds oder Investmentbanken, kann aber auch Homm nur fragend die Augenbrauen hochziehen: Ja, was dann wohl wäre.
Genetisch bedingte Veranlagung zum Schwachmat
Alfred Vomberg (A.Vomberg)
- 08.11.2012, 12:49 Uhr
Was für ein Schmierlappen! @ Herr Wege: Perfekter Kommentar!
Jörg Feller (Bankster2)
- 07.11.2012, 17:33 Uhr
Maximal krank
Anton Pree (Antonymus)
- 07.11.2012, 17:29 Uhr
Karlspreisverdächtig: So wie Homm "Liberia und die
Kinder" rettet , so retten andere "den Euro"
Klaus Wege (covenants)
- 07.11.2012, 16:38 Uhr
das größte Problem ist....
Michael Meier (never1)
- 07.11.2012, 15:58 Uhr
