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Fettsucht in Schwellenländern : Die dicken Kinder von Schanghai

Schülerin in einem Fitness-Camp für übergewichtige Kinder in der Nähe von Schanghai Bild: IMAGO

Jeder dritte Chinese hat Übergewicht. Typisch für Schwellenländer: Mit dem Wohlstand wächst der Appetit.

          Über die Fettsucht in Entwicklungsländern geben Studien Aufschluss wie jene des Pekinger „Hauptamts für Körperkultur und Sport“, das die Fitness von 40000 Chinesen geprüft hat. Jeder zehnte davon ist übergewichtig, ist dort zu lesen. Das betrifft aber nur die Altersklasse von 20 bis 39 Jahren. Insgesamt sind ein Drittel der Chinesen dick bis fett. Besonders unter Kindern und Jugendlichen steigt die Rate der Fettleibigen exponentiell.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und bald kommt es noch dicker. Die Kette mit den meisten Schnellrestaurants der Welt namens Yum hat ebenfalls Studien betrieben, in diesem Fall zur Frage, wo in der Welt neue Fastfood-Filialen etwa von Kentucky Fried Chicken (verkauft in Öl frittiertes Huhn) und Pizza Hut (in Öl gebackene Pizza) den Gewinn am schnellsten in die Höhe treiben. Das Ergebnis steht auf der firmeneigenen Website: „Wir glauben, China bietet mit einer Verdoppelung der Konsumentenzahl auf 600 Millionen bis zum Jahr 2020 die größte Wachstumschance des Jahrhunderts.“

          Bild: F.A.Z.

          Zahl der Übergewichtigen in Schwellenländern verdreifacht

          Und die Bäuche wachsen mit. China, wo zwischen 1958 und 1962 nach der weithin anerkannten Berechnung des Historikers Frank Dikötter 45 Millionen Menschen den Hungertod starben, ist ein halbes Jahrhundert später auf dem besten Weg, zum Weltrekordhalter in der Zahl der Übergewichtigen zu werden. Bei der Zahl der Diabeteskranken hat das Reich der Mitte den Meistertitel schon sicher, in der 1,3-Milliarden-Nation lebt jeder dritte Zuckerkranke der Welt.

          Das Verfettungs-Schicksal verbindet China mit den anderen Schwellenländern dieser Erde. Die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Erwachsenen in Entwicklungsländern hat sich in den vergangenen dreißig Jahren verdreifacht, während sich die Zahl in den Industriestaaten nur verdoppelte, wie das britische Overseas Development Institute in einer neuen Studie feststellt. Indem der Wohlstand steigt, steigt auch die Fettsucht der ehemals Hungernden: Fleisch, Fett und Zucker verdrängen in der täglichen Ernährung das Getreide. Obst und Gemüse, in den Industrienationen mittlerweile Ausdruck des gesundheitsbewussten Lebensstils der Oberschicht, bleibt in den Schwellenländern ein Relikt aus den Zeiten der Unterversorgung.

          Es gibt eine klare Maßzahl für die Definition, wer übergewichtig ist oder nicht, den Body-Mass-Index (Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat, Beispiel: 58 Kilo/(1,70 Meter)²=20). Liegt der Wert über 25, ist man übergewichtig. In den Entwicklungsländern überschreiten 900 Millionen Menschen diese Zahl. Und die Milliardengrenze ist in Reichweite angesichts der Tatsache, dass auch in Lateinamerika Übergewicht längst zu einem Problem vor allem der Ärmeren geworden ist.

          Südamerika verfettet: Kinder in einem Schwimmbad in Mexiko-Stadt
          Südamerika verfettet: Kinder in einem Schwimmbad in Mexiko-Stadt : Bild: ddp images/Benedicte Desrus/Sipa

          Durchschnittlicher Body-Mass-Index in Brasilien stark verändert

          Die Anzeichen finden sich in den Schulen, am Strand, im Bus. Dort genießen Brasilianer seit neuestem ein Dicken-Privileg: Mehrere Sitze im vorderen Teil des Busses sind nicht nur für Schwangere, Senioren oder behinderte Menschen reserviert, sondern auch für „Obesos“ – Fettleibige.

          Dass selbst die städtischen Busbetreiber Fettleibigkeit als brasilianisches Gesellschaftsphänomen erkannt haben, zeigt: Übergewicht kennzeichnet nicht mehr die reichen Eliten, sondern längst auch Teile der unteren Klassen. In kaum einem anderen Land der Welt hat sich der durchschnittliche Body-Mass-Index in den vergangenen 30 Jahren so stark verändert wie in Brasilien: Für Männer ist er um mehr als drei Prozent gestiegen, für Frauen um nahezu zwei Prozent. Fast die Hälfte aller Brasilianer gilt als übergewichtig und gut 16 Prozent der Bevölkerung als fettleibig – davon sprechen die Fachleute, wenn der Body Mass Index einen Wert von 30 überschreitet.

          Die Einkommen der ärmeren Bevölkerungsschichten steigen, die Menschen konsumieren wie verrückt, verhalten sich aber wie früher: Bei jedem Einkauf wollen sie das Maximum herausholen. Ein Vorteil für Getränkehersteller wie Coca-Cola, die ihre Produkte vergleichsweise billig anbieten können. In Mexiko hat es der nationale Coca-Cola-Präsident sogar bis zum Präsidenten des gesamten Landes gebracht: Bevor Vicente Fox im Jahr 2000 Staatschef wurde, steigerte er den Absatz der schwarzen Brause um fünfzig Prozent, indem er die Preise pro Flasche in armen Dörfern radikal senkte.

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