Wenn Hamad al Ghanem reist, dann nie allein. Stets hat er einen seiner Falken dabei. Etwa die grauweiße Sahab, ein weiblicher Saqr. Für seinen Würgfalken Sahab bucht Hamad al Ghanem ebenfalls Businessclass, und er setzt den wertvollen Vogel liebevoll auf den Fensterplatz, so dass ihn kein Passant unbeabsichtigt streift. Hebt das Flugzeug ab, nimmt er ihn in seine Hände, damit der Falke, der das Fliegen fühlt, nicht seine weiten Flügel öffnet.
Überall hat Hamad al Ghanem den Pass von Sahab dabei. Ohne den hätte er nicht einchecken und die Kontrolle nicht passieren können. In dem Pass ist alles vermerkt, was für Sahab wichtig ist: die Herkunft, das Geburtsdatum, der aktuelle Eigentümer, die aus 13 Ziffern bestehende Nummer des Mikrochips in ihrer Brust und die Ziffernfolge auf dem Ring am rechten Fuß. In jedem Jahr werden in den Vereinigten Arabischen Emiraten 5000 neue Reisepässe für Falken ausgestellt. Denn sie reisen mit ihren Herren, als ob sie Teil der Familie wären. Sie sind es auch.
In Europa nur ein Vergnügen der Aristokratie
Hamad al Ghanem verbringt jeden Tag so viele Stunden wie möglich mit seinen Falken, aber auch mit seinen Salukis, den arabischen Windhunden. Dabei ist Hamad al Ghanem weder reich noch adlig. Der pensionierte Soldat lebt auf einer Farm zwischen Dubai und der Oasenstadt al Ain. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Berater für Falken und Salukis und damit als einer, dem viel daran gelegen ist, die Traditionen der beduinischen Kultur lebendig zu halten und an die junge Generation weiterzugeben.
In Europa gilt die Falknerei als Sport der Könige und ein Vergnügen der Aristokratie. Dieses Bild hat sich gehalten, seit Friedrich II. von Hohenstaufen von 1241 bis 1248 das frühe Standardwerk über die Ornithologie und Falknerei, „De arte venandi cum avibus“, geschrieben hat. Der Falke war für sie ein Sportgerät, und bis heute ist in Europa die Falknerei ein Sport für wenige. Denn Falken setzen Geld, Zeit und ein Jagdrevier voraus.
Ganz anders in den arabischen Golfstaaten. Sultan Saeed al Falahi arbeitet in Abu Dhabi in einem Ministerium. Wenigstens dort sind die Emiratis, die in ihrem Land nur noch eine Minderheit stellen, weitgehend unter sich. Jeden Morgen fährt al Falahi von Wathba, einer kleinen Wüstengemeinde, mit einem Geländewagen 40 Kilometer zum Arbeitsplatz. Dort fachsimpeln sie über Falken und die Falknerei. „Eines Tages beschlossen wir, dass jeder am nächsten Morgen einen Falken mitbringt“, sagt der 37 Jahre alte al Falahi. Und es stellte sich heraus, dass in seiner Abteilung jeder Beamte einen Falken hat.
Mehr als 20.000 Falken soll es in den Vereinigten Arabischen Emiraten geben. Falkner finden sich in allen Schichten, in der herrschenden Familie und bei einfachen Beduinen, unter den Reichen und den Armen. Bevor das Erdöl die Golfaraber so reich gemacht hat, war ihr Speisezettel ziemlich eintönig. Sie lebten von Datteln und Kamelmilch. Das war immer verfügbar. Gingen sie mit einem Falken auf die Jagd, gelegentlich mit einem Saluki, beschafften sie sich zusätzlich etwas Fleisch - einen Hasen etwa oder eine Trappe. Die Falknerei war kein Sport, sie war für die Beduinen eine Notwendigkeit, um zu überleben. Wer wissen will, wie das Leben vor dem Erdöl war, der muss mit einem Falkner in die Wüste hinausgehen. Denn die Falknerei hat sich auf der Arabischen Halbinsel über Jahrhunderte nicht verändert.
„Ich verehre die Falken wie meine Mutter“
Muhammad Nasser al Sinani ist 30, und er arbeitet in der Oasenstadt al Ain. 16 Stunden am Tag, sagt er, beschäftige er sich, Tag für Tag, mit seinen Falken, mit den drei Wanderfalken und den drei Gyrfalken. Er füttere und trainiere sie mit Tauben und Trappen, fahre mit ihnen herum und sitze entspannt im Wohnzimmer der Familie. Er war noch ein Kind, als ihm ein Verwandter einen erfahrenen alten Falken schenkte, der nicht mehr jagen konnte, damit der Knabe von ihm lerne. Seine Mutter ist früh verstorben. „Heute verehre ich die Falken wie meine Mutter“, sagt al Sinani liebevoll. Und Sultan Saeed al Falahi beteuert, der Falke ist wie ein weiterer Sohn.
„Die Falken haben in den Familien hier wirklich den Stellenwert eines Kindes“, bestätigt die Tierärztin Margit Müller, „und das ist ein ungleich höherer Stellenwert als in Europa ein Hund oder eine Katze.“ Margit Müller muss es wissen. Seit elf Jahren leitet sie nahe von Abu Dhabi als Chefärztin das größte Falkenhospital der Welt. Jedes Jahr behandelt sie 6000 Falken, jeder Falkner in den Emiraten kennt sie. Die Regierung des Emirats von Abu Dhabi hatte das Falkenhospital gegründet, um die Falknerei zu unterstützen. Denn Margit Müller und ihre Assistenten verlangen für eine Behandlung weniger, als es ein niedergelassener Tierarzt würde. Das senkt die Haltungskosten.
Direkt subventioniert die Regierung die Falknerei aber nicht. „Nur indirekt durch die guten Gehälter im Staatsdienst, so dass sich jeder einen Falken leisten kann“, räumt der Beamte Jassim Hammadi ein. Zweimal im Monat legt er die 150 Kilometer aus der Westprovinz zum Falkenhospital zurück, um bei jeweils einem seiner Falken eine Vorsorgeuntersuchung machen zu lassen. Heute mit Falah. Das ist preiswerter, als später einen kranken Falken gesund zu pflegen, und ein gesunder Falke jagt auch besser.
5000 bis 50.000 Euro pro Falke
Ein billiges Hobby ist die Falknerei dennoch nicht. Die beiden Falkner al Falahi und al Sinani stecken die Köpfe zusammen: Wer drei Falken hat, müsse für sie im Monat schon umgerechnet 1000 Euro zur Verpflegung und medizinischen Behandlung ansetzen. „Das geben sie aus, wie sie für Schule und Kleidung eines Kindes zahlen“, sagt Müller. Bekommt man ihn nicht von einem anderen Falkner geschenkt, kostet ein Falke zwischen 5000 und 50.000 Euro. Führt man ihn aus dem Ausland ein, kommen Kosten von 600 Euro hinzu. Dann muss der Falkner aber schon ein Haus haben, in dem sich auch der Falke wohlfühlt: mit Platz für Training und einem gekühlten Raum für den heißen Sommer, wenn auch ein Falke nicht mehr jagt.
Margit Müller sieht an einem Tag mehr Falken als mancher deutsche Tierarzt im ganzen Leben. In Deutschland gibt es zudem keine Klinik, die sich allein mit Falken beschäftigt; nur einige Unikliniken haben sich auf Vögel und Greifvögel spezialisiert. Am Ende ihres Studiums, das sie nach München, Gießen und Nantes geführt hatte, war die in Weißenhorn nahe Ulm geborene Müller mit einer Arbeit über Fußerkrankungen von Falken promoviert worden. Erst in Abu Dhabi ist sie aber zur „Frau Falkendoktor“ geworden, die weit über die Grenzen der Emirate hinaus bekannt ist, mit einer Erfahrung und einem Datenpool zu Falken, der weltweit seinesgleichen sucht.
Die Männer schätzen sie als „Doktora“
In einem Wartesaal des Hospitals sitzen die Falkner im bequemen braunen Polstersessel, im nächsten die Falken mit verbundenen Augen auf einem grün bespannten Querbalken aus Holz. Sie warten, bis sie untersucht werden oder bis sie ihr Herr abholt. Denn die Falknerei ist eine Männerwelt, was Müller aber nichts ausmacht. Die Männer schätzen sie als ihre „Doktora“, die ihre Falken gesund hält oder sie gesund macht, und einiges hat sie in den elf Jahren an der Spitze des Falkenhospitals verändert. So hat sie den Falknern beigebracht, dass das Hospital nicht nur dazu da sei, kranke Falken zu behandeln, sondern auch für routinemäßige Vorsorgeuntersuchungen, den Check-up für den Falken.
Margit Müller forscht noch immer und hat zwei neue Falkenkrankheiten entdeckt. Sie ist in den Medien präsent und leistet unablässig Aufklärungsarbeit, gegenüber Emiratis wie gegenüber ausländischen Touristen. Ihre Führungen durch das größte Falkenhospital und führende Zentrum für Falkenmedizin sind ein Renner. „Im Ausland bestehen viele falsche Vorstellungen zur Falknerei“, beobachtet Müller. Mit dem Besuchsprogramm will sie diese Wahrnehmung korrigieren und einen Beitrag zur interkulturellen Aufklärung leisten. Die Menschen sollen verstehen, warum die Falken den Golfarabern so wichtig sind, sie sollen die Falken direkt erleben. Gewiss, die Fuchsjagd ist umstritten, gibt sie zu. „Die Jagd mit dem Falken aber, die ist eine natürliche Jagd.“ Sie gibt es auch ohne den Menschen, und sie trägt zur Kontrolle der Population bei. Die Falkner verzehren abends gemeinsam, meist am Lagerfeuer, was sie tagsüber - ebenfalls gemeinsam - gejagt haben.
OP auf der Fläche einer Briefmarke
Margit Müller beschäftigt 83 Mitarbeiter im Hospital, das sich auch um andere Tiere als Falken kümmert. Die schwierigen Operationen macht sie selbst. Beispielsweise einen Beinbruch, bei dem die Operation vier Stunden dauern kann, weil der Beinknochen eines Falken dünn ist, nicht einmal die Hälfte eines kleinen Fingers, und dann auch noch porös, er kann also leicht brechen. Sie operiert auf der Fläche einer Briefmarke, muss auf die Blutgefäße und die Nerven achtgeben. Gelegentlich muss sie Falken nach Unfällen retten, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit einer Beute nachgejagt sind, ihre scharfen Augen auf sie fokussiert haben, dabei aber einen Baum oder ein Auto nicht gesehen haben und mit voller Wucht gegen sie geknallt sind.
Falken sind Jagdvögel. „Das sind richtige Arbeitsvögel, nichts für die Schau“, sagt Müller voller Bewunderung. Dem Emirati Jassim Hamadi imponieren etwa die Geschwindigkeit und der Mut der Falken. Die Falkenweibchen, die größer sind als die Männchen, können Trappen mit dem Fünffachen des eigenen Körpergewichts schlagen. Am schnellsten ist der Wanderfalke, der Shahin, der Meister für die Jagd auf Vögel in der Luft. Besonders beliebt ist indes der Würgfalke Saqr, der tief fliegen kann und sich zur Jagd auf die Trappe eignet, deren Fleisch begehrt ist. Der Allroundvogel wagt sich auch an Gazellen. Seine Täuschungsmanöver und unerwarteten Abkürzungen bieten abends am Lagerfeuer viel Gesprächsstoff. Der Saqr ist das Wappensymbol der Vereinigten Arabischen Emirate, und er ziert die Flugzeuge der Fluggesellschaft Etihad. Erst in jüngster Zeit kam der aus kühleren Klimazonen stammende Gerfalke hinzu, der jedoch in dem heißen Klima am Golf anfällig ist.
Kein Zufall ist, dass die wichtigste Initiative zur Falknerei von den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgegangen ist. Am 16. November 2010 hat die Unesco die Falknerei schließlich als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Mit der Konvention zum immateriellen Kulturerbe will die Unesco kulturelles Erbe, das durch die Entwicklung der Moderne gefährdet ist, schützen und fördern. Mit ihrer Entscheidung hat die Unesco die Falknerei als ein Jahrtausende altes Kulturgut anerkannt, das sich über die Zeit kaum verändert hat. „Die Anerkennung gibt den Falknern Auftrieb, und sie verändert die öffentliche Wahrnehmung der Falknerei“, freut sich Müller.
Hamad al Ghanem hat sich zur Aufgabe gemacht, dieses Kulturgut in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in allen golfarabischen Ländern zu fördern. „Ja, heute haben wir genügend zu essen“, sagt er, mit dem Würgfalken Sahab auf dem linken Handgelenk. „Wollen wir aber unsere Kultur nicht vergessen, müssen wir daraus einen Sport machen.“ In Deutschland hat der Falkner die Kunst erst zu erlernen und Prüfungen zu bestehen. Hier aber lernt fast jeder im Kindesalter, mit Falken umzugehen, kann jeder ohne Auflagen einen Falken besitzen. Dass die Falknerei nicht in Vergessenheit gerät, daran hat al Ghanem einen wichtigen Anteil. Aus fünf Elementen setze sich die Kultur der Golfaraber zusammen, sagt er: aus der Gastfreundschaft des Beduinen, der Jagd mit Falken und Salukis, den Kamelen, den Pferden.
Die Jugend zeigt Interesse
Er kümmert sich, auch mit der Unterstützung durch die Herrscherfamilien, um die zwei Elemente der Jagd. Er berät zu Fragen der artgerechten Haltung und Gesundheit, tauscht sich mit Gleichgesinnten in anderen Ländern aus, organisiert über den Emirates Falcon Club und den Emirates Heritage Club Rennen und Schönheitswettbewerbe - mit gutdotierten Preisen, etwa Automobilen im Wert von 60.000 Euro. „Damit wecken wir auch bei der nachwachsenden Generation Interesse.“ Denn ohne Vergangenheit wisse man ja nicht, wohin man gehen solle. Das heutige Interesse der Jugend ermutige ihn. Als er 1984 in Bahrain eine Briefmarke mit Salukis entworfen hatte, habe kaum mehr jemand über die Salukis Bescheid gewusst, und in den Emiraten hätten sie die Nase gerümpft über eine Briefmarke mit einem Hund. Das geschieht heute nicht mehr.
Den Falknern erleichtert, dass Scheich Zayed Bin Sultan Al Nahyan, der 2004 verstorbene Gründer der Vereinigten Arabischen Emirate, selbst ein großer Falkner war. Viele Initiativen des Sports gehen auf ihn zurück, auch das Programm, verletzte Falken zu behandeln und sie wieder in der Wildnis auszusetzen. Scheich Zayed hatte seine Söhne die Falknerei gelehrt, und nahezu jeder emiratische Falkner nimmt seine Söhne früh auf die Jagd mit. Die findet in den Wintermonaten statt, stets mit einer Gruppe von Freunden und oft in Pakistan oder Marokko. Sultan Saeed al Falahi hatte im vergangenen Winter einen Sohn nach Mauretanien mitgenommen.
Eier werden mit anderem Falkner geteilt
Keiner geht alleine zur Jagd. Wichtig ist das Gemeinschaftsgefühl. „Es geht ja nicht mehr um das Fleisch, sondern um das Zusammensein und darum, sich Jagdgeschichten zu erzählen“, sagt al Ghanem. Überhaupt sieht er die Gemeinschaft im Mittelpunkt des kulturellen Erbes. Alle drei Jahre züchtet er selbst Falkennachwuchs und teilt die Eier mit einem anderen Falkner, dem er damit näherkommt. „Wer etwas nur für Geld tut, der baut keine Beziehung auf, und das geht gleich doch auseinander“, weiß er zu berichten. So aber stünden sie in intensivem Kontakt, unterhielten sich über den Stammbaum, die Züchtung, das Training, die Jagd, über ihre immaterielle Kultur also, nie aber über Geld.
Hamad al Ghanem ist noch ganz Beduine, also einer, der lieber draußen in der weiten Wüste lebt als in der lauten Stadt. Der Städter gehe Shopping, der Beduine erforsche die Natur, sagt er. Jeder Emirati, der in der Stadt wohnt, hat in der Wüste entweder eine Farm oder zumindest Verwandte. Jemand werde durch sein Verhalten zu einem Beduinen, durch den Respekt für andere und eine gute Behandlung der Tiere. In der Stadt kenne im Mietshaus doch keiner seine Nachbarn. „In der Wüste aber sind wir alle eine Gemeinschaft, und wir kennen uns.“ Ein Teil dieser Gemeinschaft ist der Falke.
Gottlieb Daimler ist schuld
Thomas Böhm (Thomasbaerboehm)
- 09.09.2012, 15:22 Uhr