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Veröffentlicht: 24.04.2016, 18:18 Uhr

Ökonom Sinn gibt keine Ruhe

Hans-Werner Sinn blüht als Rentner auf. Deutschlands bekanntester Ökonom reist von Termin zu Termin. Ökonomen-kollegen lästern schon, dass er es seinem Nachfolger viel zu schwer mache.

von
© Jan Roeder Hans-Werner Sinn, Ökonom und Vortragsreisender

Hans-Werner Sinn ist im Ruhestand. Das muss man hier einmal so deutlich schreiben, sonst würde es womöglich keiner merken. Schließlich ist der Mann mit dem Bart immer noch überall. Er schreibt Zeitungsartikel, arbeitet an einem neuen Buch, reist nach Amsterdam und London, um Vorträge zu halten. Redneragenturen vermarkten Sinn offensiv mit dem Hinweis, er sei zwar im Ruhestand, „aber trotzdem kein bisschen leise. Im Gegenteil, der meinungsstarke Ökonom mit dem markanten Bart hat nun mehr Zeit für Vorträge.“

Zum 1. April ist er offiziell abgetreten als Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. In Abschiedsinterviews erzählte er, dass er sich nun ein „Austragshäusl“ einrichte und sich darauf freue, alte Filme zu sortieren. Doch im April ging es erst einmal anders weiter. Er stand weiter auf Bühnen und Podien, machte so unterschiedliche Dinge wie Sahra Wagenknechts neues Buch vor Journalisten in Berlin vorzustellen (mit „einer Menge von plausiblen Gedankengängen“, wie er lobte) und eine Ehrung zum Hochschullehrer des Jahres entgegenzunehmen bei der Gala der Deutschen Wissenschaft, ebenfalls in Berlin.

 
Hans-Werner Sinn gibt keine Ruhe: Deutschlands bekanntester Ökonom blüht als Rentner auf.

Kommenden Donnerstag wird Sinn sogar noch einmal eine Pressekonferenz im Ifo-Institut geben, an seiner einstigen Wirkungsstätte, zusammen mit seinem Nachfolger im Amt des Ifo-Präsidenten, Clemens Fuest. Die offizielle Begründung: Es geht schließlich um „sein“ Jahr im Ifo, also um 2015, da war Sinn noch Präsident. Allerdings darf man anmerken, dass der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain kommenden Donnerstag bei der Bilanz-pressekonferenz der Deutschen Bank sicherlich nicht anwesend sein wird, obwohl es da auch um „sein“ Jahr geht.

Im Ifo-Institut hat er noch ein Büro

Nun ist Jain geschasst worden und Sinn im Guten in den Ruhestand gegangen. Das macht natürlich einen Unterschied. Aber so recht loslassen kann Sinn offenbar noch nicht. Ökonomen-kollegen lästern schon, dass er es seinem Nachfolger viel zu schwer mache. Wie soll der aus dem Schatten des Vorgängers treten, wenn Sinn weiterhin so präsent bleibt? Ein Büro im Ifo-Institut hat er schließlich auch noch, wenn auch nur ein kleineres. Allerdings hat Sinn - so viel Ehrlichkeit muss sein - den Posten des Ifo-Präsidenten auch erst vor wenigen Wochen an Fuest übergeben. Da war noch nicht viel Zeit zum Abstandgewinnen.

Wer von Sinn selbst etwas über sein neues Leben als Ruheständler erfahren will, erreicht ihn derzeit keinesfalls daheim. Man erwischt ihn im Taxi auf dem Weg zum Flughafen, zu einem Vortrag natürlich. Es geht nach Amsterdam. „Mein Terminkalender ist erstaunlich voll“, sagt er. „Zur Ruhe gekommen bin ich noch nicht.“ Allerdings ist er jetzt etwas mehr zu Hause, etwa wenn er Bücher schreibt, und sieht deshalb seine Frau Gerlinde ein wenig häufiger als zuvor.

„Ich habe ungebrochen Lust zu arbeiten“

Wirklich zur Ruhe kommen, das will er wahrscheinlich auch gar nicht. „Ich habe ungebrochen Lust zu arbeiten“, sagt er. „Als Ökonom und Wissenschaftler will man ja nicht aufhören. Das ist auch nicht gesund, so schnell von 100 auf 0 runterzugehen.“ Bislang muss er das auch nicht. Einladungen kommen offenbar noch reichlich - und er nimmt sie gerne an. „Wir haben viele Weltverbesserer“, sagt Sinn. „Ich bin ja selbst einer, und dann sprechen einen die anderen Weltverbesserer an.“

Einen Vorteil hat der Ruhestand für ihn: Die Organisationsarbeit, die Managementaufgaben, die viel Zeit einnehmen als Professor und Institutsleiter, ist er los. Jetzt kann er die Einladungen annehmen, die er früher ausgeschlagen hat. Statt Vorlesungen an der Universität hält er demnächst welche für Mitglieder des Handelsblatt-Clubs: die „Hans-Werner-Sinn-Lecture“, viermal im Jahr. Vorträge führen ihn an Universitäten oder auf Kongresse, auch nach London und vermutlich gut bezahlt von der Finanzindustrie, darüber möchte er aber lieber nicht sprechen. Etwa einen Vortrag je Woche hält er derzeit, so schätzt er selbst.

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Sein Sendungsbewusstsein - da muss man sich keine Sorgen machen - ist ungebrochen. Aus dem Stand kann er einen längeren Vortrag halten über ein Thema, das ihn aktuell umtreibt: Wie viel Strom können wir speichern, und was bedeutet das für die deutsche Energiewende? Da wird er ernst, da wird er konkret, da hat er sich, das hört man, genauestens eingearbeitet.

Doch am stärksten blüht er auf, wenn er über die vielen Bücher erzählt, die er noch schreiben will. Am nächsten arbeitet er schon. Darin will er auf 50 Jahre Wirtschaftspolitik in Deutschland zurückblicken. „Das Thema habe ich schon lange mit mir herumgetragen“, sagt er. Über die Energiewende möchte er auch noch schreiben, vielleicht auch über Demographie.

Und dann gibt es da noch einen Traum: einige seiner alten Aufsätze, die nur auf Deutsch erschienen sind, ins Englische übersetzen und als Büchlein herausgeben. Das macht er natürlich selbst, da lässt er keine unprofessionellen Übersetzer ran. Und das kann dauern. Aber dafür würden diese seine Ideen endlich auch in der Welt wirken und nicht nur in Deutschland, das ist der Traum. Ob er das alles noch schafft? „Ich habe noch viele Ideen“, sagt Sinn. „Das Leben wird nicht ausreichen, um das alles zu machen.“

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