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Syrer in Mainz : Ich bin euer Arzt

Mainz bleibt Mainz: Fadi Abdin bemüht sich, den Karneval wunderbar zu finden. Aber ihm gehen auch andere Gedanken durch den Kopf. Bild: privat

Als die ersten Flüchtlinge ins Land kamen, wurde der syrische Zahnarzt zum Symbol. Er stand für die Chancen der Einwanderung. Dann wurde Köln zum Symbol für den Untergang Europas. Auch der syrische Zahnarzt ist in Sorge. Eine Diagnose.

          Fadi Abdin hätte für sein Leben lieber ein anderes Drehbuch geschrieben. Es ging ihm gut in Syrien. Nun sitzt er in Mainz und bemüht sich, dem Karneval etwas Gutes abzugewinnen. Er bringe ja immerhin Menschen aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen, meint Abdin, der syrische Zahnarzt.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Auch Abdin bringt, wenn man so will, in sich selbst zwei soziale Schichten zusammen: Zahnarzt und Kriegsflüchtling, Akademiker und Sozialhilfeempfänger. Das ist für ihn keine einfache Konstellation. Er kam schon ein Jahr früher nach Deutschland als die Million Einwanderer des vergangenen Jahres. Abdin spricht schlecht Deutsch und ist daher zum Beobachten gezwungen. Er besucht die Sprachschule, ist unter Syrern und schaut sich dieses Land genau an, das seine Heimat werden soll: die Cafés, die Zeitungen, den Karneval, die Türken, die Deutschen, den Fußball, die Flüchtlingsströme, die er wie alle im Fernsehen und Internet sieht.

          Nachdem wir uns trafen, schrieben wir uns einige Mails – über die Flüchtlingspolitik, den Karneval, den Islam. Zu der Immigrationswelle schrieb Abdin auf Englisch diese Sätze: Mir kam in den Sinn, als ich Deutschlands Umgang mit dem reißenden Flüchtlingsstrom beobachtete: Je größer die Macht eines Landes ist, desto größer ist dessen Verantwortung. Warum dürfen sie alle einfach so über die Grenze? Warum? Ist das Menschlichkeit oder kühle Politik? Eine inszenierte Vorführung, um Deutschlands Nazi-Stigma abzuschütteln? Meine Antwort auf die quälenden Fragen: Es ist eine Mischung aus allen dreien.

          Fadi Abdin hätte, wäre der Krieg nicht gekommen, jetzt womöglich Familie und eine kühle Zahnarztpraxis in der Nähe des Mittelmeeres. Er lebte in Latakia, der Hafenstadt. Nun sitzt er in seiner Mainzer Mietwohnung und lernt Deutsch. Das quält ihn. Der Karneval taugt nicht zur Erheiterung. Ist ihm zu viel Kotze, Gebrüll, Müll und Lärm: „Vielleicht sind wir alt geworden.“ Er tröstet sich mit John Lennon: „Das Leben ist das, was dir passiert, während Du andere Pläne schmiedest.“

          Nur eine geläufige politische Metapher

          Die Geschichte des syrischen Zahnarztes ist eine andere als die mancher krimineller Kriegs- und Armutsflüchtlinge, die seit der Kölner Silvesternacht in den Schlagzeilen sind. Abdin spricht exzellent Englisch, ist gebildet und hat einen Mangelberuf erlernt. Er kam gezielt nach Deutschland, weil er hier eine konkrete berufliche Perspektive hat, und er kann auch einschätzen, wie lang der Weg sein wird, den er gehen muss, bis sein Wunsch wahr wird, hier als Zahnarzt zu arbeiten.

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