http://www.faz.net/-gqe-7ruxu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 21.07.2014, 15:33 Uhr

Ein Besuch beim Aldi-Gründer Karl Albrecht: „Ich habe Glück gehabt“

Karl Albrecht, der Mitbegründer von Aldi, der mächtigste deutsche Einzelhändler, ist gestorben. Er war der Verschwiegenste, ein geheimnisvoller Außenseiter, der Antityp eines Machtmenschen. Und doch der Erfolgreichste von allen. Kurz vor seinem Tod wollte er erstmals mit einem Journalisten reden.

von
© Privat Die Eheleute Albrecht 1997 vor der Fassade einer Filiale. Sie waren insgesamt 67 Jahre verheiratet.

Es war vor wenigen Wochen. Es war einer der ganz seltenen Besuche, die Karl Albrecht zuließ, der Mitbegründer des Aldi-Imperiums, der letzte große Nachkriegspatriarch. Und der verschwiegenste von allen. Nie ist er in den vergangenen Jahrzehnten öffentlich aufgetreten, nie hat er ein Interview gegeben, nicht einmal aktuelle Fotos gab es von ihm, dem mächtigsten deutschen Einzelhändler, der sein Leben in eine beispiellose Erfolgsgeschichte verwandelt hatte.

Mathias Müller von Blumencron Folgen:

Er saß wie so häufig an seinem Schreibtisch, ein schmächtiger älterer Herr, weißes Haar, freundliche Züge, wache Augen. Kaum trat der Gast ein, erhob sich Albrecht von seinem Stuhl, was ihm in diesen Tagen nicht leicht fiel, er war schließlich 94 Jahre alt. Seine Tochter geleitete ihn zur Gehhilfe und dann reichte er dem Besucher die Hand: „Guten Tag, hatten Sie eine angenehme Reise?“ fragte er, höflich mit leiser Stimme. Und lächelte, fast wirkte es schüchtern. Er führte hinüber in einen prachtvollen Raum seines großzügigen Hauses im Essener Stadtteil Bredeney – dort wo diejenigen wohnen, die es im Leben ganz nach oben geschafft haben.

Ein kleiner Holztisch war gedeckt, Meissener Porzellan und in der Mitte eine angeschnittene Mandeltorte, ausnahmsweise nicht von Aldi, sondern von der Konditorin um die Ecke. An den Wänden Kunst, sorgfältig arrangiert, eine Auswahl Expressionisten, leuchtende Farben: Otto Müller, Christian Rohlfs und die Russin Marianne von Werefkin. Auf dem Boden ein riesiger Teppich, Persien. Die Decke mit quadratischer Balkenstruktur gab dem Raum fürstliche Aura. Vor dem großen Fenster ein kurz gemähter Rasen, alle paar Meter ein hoher Pfosten mit Scheinwerfer und Kamera – dahinter die Aussicht über das bewaldete Hügelland des Essener Südens in der Nähe des Baldeney Sees.

Bilder eines Patriarchen Regelmäßig besuchte Aldi-Süd-Gründer Karl Albrecht Filialen mit seiner Frau, entspannen konnte er auf seiner Golfanlage in Donaueschingen. FAZ.NET zeigt Fotos aus seinem Leben. © privat Bilderstrecke 

Irgendwo hinter den Hängen lag die Villa Hügel, das mondäne Anwesen der Krupp-Dynastie. Unterschiedlicher kann sich Macht kaum gerieren. Dort drüben die monströse Behausung des extrovertierten Stahlbarons, der seinen Palast gebaut hatte, als er weitaus weniger Umsatz machte als der Aldi-Gründer. Und hier ein verstecktes Gelände, bei dem kaum jemand wusste, wer dort eigentlich wohnte. Als Karl Albrecht, der Handelstycoon, vor knapp 60 Jahren an diesen Hang zog, war er der Außenseiter, der Neureiche, der Emporkömmling aus der Krämerwelt. Den die feine Gesellschaft erst einmal schnitt.

Alles hätte man erwartet, alles außer dieser Persönlichkeit. Deutschland hatte seine Krupps, Abs und Quandts, Patriarchen der ersten Reihe, die ihre Furchen unübersehbar durch die Gesellschaft zogen. Doch anders als bei den markigen Gründergestalten drang es Karl Albrecht nicht danach, seinen Geschäftserfolg, seine unzweifelhafte Macht, auch noch lautstark und unübersehbar zu manifestieren.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Von Embolo bis Sanches Das sind die neuen Jungstars der Bundesliga

Nicht nur Dortmund holt in seinem 220-Millionen-Sommer spannende Spieler in die Bundesliga. Auch andere Klubs geben teils erstaunlich viel Geld aus für Jungstars. Bei einem kommt selbst der FC Bayern zu spät. Mehr

25.08.2016, 10:21 Uhr | Sport
Inselstaat in der Karibik Wie steht es um Kuba nach zehn Jahren Raúl Castro?

Vor zehn Jahren hat Raúl Castro das kubanische Präsidentenamt von seinem Bruder Fidel übernommen. Heute sind viele Kubaner froh über den Jüngeren der Brüder, wegen zahlreicher Reformen, die zum Beispiel die Gründung privater Unternehmen erlaubten. Mehr

01.08.2016, 14:02 Uhr | Wirtschaft
Deutsche Discounter Aldi und Lidl rollen Großbritannien auf

Die großen deutschen Discounter sind im Vereinigten Königreich weiter auf dem Vormarsch: Sie steigern ihre Umsätze deutlich. Der Marktführer schrumpft - leicht. Mehr

23.08.2016, 14:35 Uhr | Wirtschaft
Warten auf den Titanwurz Es riecht nach Stinkesocken!

Schlange stehen für eine Blume: Hunderte Menschen wollten in Washington D. C. den blühenden Titanwurz sehen. Die mehr als 2,5 Meter große Pflanze blüht in der Regel nach zehn Jahren und stirbt danach. Mehr

04.08.2016, 12:09 Uhr | Wissen
Umtauschparadies Deutschland Händler werden immer großzügiger

Zwei Wochen, zwei Monate, ein Leben lang - Umtauschfristen werden in Deutschland immer länger. Das ist nicht zuletzt dem Druck des Online-Handels zu verdanken. Doch machen Männer und Frauen davon unterschiedlich Gebrauch. Mehr

17.08.2016, 09:39 Uhr | Finanzen

Nach dem Golde drängt alles

Von Christian Siedenbiedel

Schon in Goethes „Faust“ heißt es: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“. Was aber rückt das Gold heute wieder so in den Mittelpunkt des Interesses der Anleger? Der Brexit? Sorgen um die Weltwirtschaft? Etwas ganz anderes? Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“