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Politikberater Fratzscher : Gabriels Geheimwaffe

Nicht zu links und nicht zu rechts. An der Seit des Wirtschaftsministers Gabriel setzt sich DIW-Präsident Marcel Fratzscher als moderater Visionär in Szene. Bild: Pein, Andreas

Marcel Fratzscher ist zum neuen Chefökonomen der Bundesregierung aufgestiegen. Mit Fleiß und einem untrüglichen Gespür für Macht. Seine Ökonomen-Kollegen wird er bald ins Aus gedrängt haben.

          Es passiert nicht oft, dass sich ein Minister in ein wissenschaftliches Institut bemüht. Sigmar Gabriel wird es am kommenden Freitag tun, der SPD-Chef, Vizekanzler, Minister für Wirtschaft und Energie. Er kommt eigens ins Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), um dessen Präsidenten Marcel Fratzscher zu rühmen. Denn der hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Die Deutschland-Illusion“. Es enthält eine zentrale Botschaft: Deutschland geht es schlechter als alle denken, und deshalb muss Deutschland jetzt viel mehr investieren.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das passt dem Wirtschaftsminister natürlich ins Konzept, das ist genau die Botschaft, die er selbst neuerdings predigt. Aber nicht nur das: Es ist ein gemeinsamer Kampf des Wirtschaftsministers und des Ökonomen geworden, der derzeit seinen vorläufigen Höhepunkt findet. Nicht nur Fratzschers eilig geschriebenes Buch ist auf dem Markt. Gleichzeitig hat ihn Gabriel zum Vorsitzenden einer Kommission am Wirtschaftsministerium gemacht, die genau diese Frage erörtern soll: Wie kann Deutschland mehr investieren? Konstituierende Sitzung war vor zwei Wochen.

          Marcel Fratzscher ist 43 Jahre alt. Erst seit anderthalb Jahren leitet er das DIW. Aber er hat es in dieser kurzen Zeit nach ganz oben geschafft: Er ist jetzt so etwas wie der Chefökonom des Wirtschaftsministers, vielleicht sogar der ganzen Regierung.

           Die Politiker hängen an seinen Lippen

          Und er funkt auf allen Kanälen. Zum Beispiel vergangene Woche: Samstag warnt er in der „Bild“-Zeitung vor zu hohen Hartz-IV-Sätzen. Eine moderate Hartz-Anhebung sei allerdings gerechtfertigt. Montag bestreitet der „Spiegel“ aus seinem neuen Buch eine ganze Titelgeschichte samt Interview, in dem Fratzscher sagt, zur Not müsse Deutschland neue Schulden machen. Am Donnerstag spricht Fratzscher im „Handelsblatt“ zur europäischen Investitionslücke, die er auf 200 Milliarden Euro taxiert. Am Samstag warnt er wiederum in der „Bild“-Zeitung vor einer möglichen Rezession in Europa.

          Die politische Klasse Berlins, die in der Finanzkrise ihren Glauben an die ökonomische Wissenschaft verloren hat, hängt an seinen Lippen. Schließlich liefert er ihnen genau das, woran sie selbst glauben: stets die passenden Thesen für die aktuelle Politik. Immer mit einem sicheren Gespür für die richtige Mischung von Bestätigung des politischen Kurses und Kritik – und für den geschmeidigen Ton.

          Fratzscher tanzt auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig

          Wer Marcel Fratzscher einmal getroffen hat und mit Weggefährten spricht, der weiß: Dieser Mann hat kein Glück gehabt, er hat nicht zufällig die richtigen Themen für die Koalition erwischt. Fratzscher weiß ganz genau, was er tut. Er hat ein untrügliches Gespür für Macht – und Macht bedeutet für ihn, Einfluss zu nehmen auf die Politik des Landes.

          Das paart sich bei ihm mit ungeheurem Arbeitseifer. Schon in der Zeit, als er nur ein Forscher bei der Europäischen Zentralbank war, hatte er einen selten gesehenen Ausstoß an wissenschaftlichen Aufsätzen, besuchte eine Menge Konferenzen – und galt in seiner Abteilung folglich nicht gerade als präsenter Chef. Nun will er alles gleichzeitig: ein Institut leiten, ein, zwei Forschungspapiere im Jahr schreiben, in allen Medien präsent sein und auch noch die Politik des Landes mitgestalten. Bislang gelingt ihm das.

          Dass auf einmal das ganze Land danach ruft, der Staat möge mehr Straßen bauen und die Industrie neue Fabriken hochziehen – das ist für den Ökonomen auch ein persönlicher Triumph. Gleich nach seinem Amtsantritt beim DIW setzte er das Thema ganz oben auf die Agenda, in einer Studie bezifferte er die „Investitionslücke“ in Deutschland auf rund 75 Milliarden Euro. Die SPD bastelte in einer Arbeitsgruppe unter der Überschrift „Projekt Infrastrukturkonsens“ gleichzeitig an ähnlichen Ideen und schrieb den Investitionsbedarf gleich in den Koalitionsvertrag.

          Wirtschaftsweise Bofinger verliert an Bedeutung

          Nach den Gesetzen zu Rente und Mindestlohn sehen SPD-Chef Gabriel und sein Umfeld die Investitionsdebatte als ideales Thema, um der Partei in den Augen der Wähler mehr „Wirtschaftskompetenz“ zu verschaffen. Und auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) höchstpersönlich adelte das Projekt des DIW-Präsidenten. „Alles steht und fällt mit der Frage, ob wir ausreichend Investitionen haben“, sagte sie bei einem Treffen im brandenburgischen Schloss Meseberg – das schnöde „Zukunftsgespräch“ mit Arbeitgebern und Gewerkschaften mutierte plötzlich zu einem Investitionsgipfel.

          Sogar für das Problem, dass die Regierung ihre Finanzreserven schon für die Rente verfrühstückt hat, weiß Fratzscher eine Lösung: Er will für Bau und Erhalt von Verkehrswegen privates Kapital mobilisieren. Ähnlich geschickt positioniert Fratzscher sich auch bei anderen Themen: knapp links des deutschen Ökonomen-Mainstreams, aber nicht zu links, nach allen Seiten anschlussfähig.

          Damit drängte er die stramm linken Mahner in den Hintergrund wie etwa den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. Kritik an der Regierung ist Fratzscher dabei nicht fremd, vorzugsweise an Gesetzen, deren rein wahltaktische Motivation hinter vorgehaltener Hand auch jeder Koalitionspolitiker einräumt. Dass er die Rente mit 63 als „Schritt in die falsche Richtung“ abqualifizierte, kostete ihn kaum Sympathien – im Gegenteil: Es stärkte seine Autorität als vermeintlich unabhängiger Regierungsberater.

          Fratzscher ist der Macher unter den Ökonomen

          Als Fratzscher Anfang 2013 ins Amt kam, war ein Ende der zerstrittenen schwarz-gelben Regierung schon absehbar. Für die große Koalition, die seit dem Herbst über ihr Regierungsprogramm verhandelte, war er deshalb schnell der Mann der Stunde. SPD-Chef Gabriel, der sich vor allem aus taktischen Gründen fürs Wirtschaftsministerium entschied, fehlte noch eine präzise Vorstellung davon, wie ein zugleich wirtschaftsfreundliches und sozialdemokratisches Programm für das Haus aussehen sollte. Eine Leerstelle, die Fratzscher nach kurzer Zeit füllen konnte.

          Noch besser fügte es sich für den Ökonomen, als Gabriel einen Mann ins Ministerium holte, der mit Fratzscher auf einer Wellenlänge funkt: Als Abteilungsleiter für Wirtschaftspolitik kam Jeromin Zettelmeyer, langjähriger Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds und zuletzt stellvertretender Chefökonom in der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Er und Fratzscher kennen sich seit Jahren, jetzt arbeiten sie auch fachlich zusammen. Mindestens einmal pro Woche telefonieren sie miteinander.

          Für deutsche Ökonomen ist eine solche Nähe zur Politik ungewöhnlich. Die meisten halten eher einen gewissen Abstand, sehen sich mehr als Mahner denn als Macher. Oder sie entwerfen hehre Ideen für eine bessere Wirtschaftswelt, statt zu überlegen: Was ist jetzt dran in der Politik? Was lässt sich jetzt umsetzen, mit dieser Koalition?

          „Wir Ökonomen haben auch eine Bringschuld.“

          Fratzscher macht das anders. Da ist er Stratege. Und nennt als Vorbild die Ökonomen Amerikas: „In Amerika bringen sich die Professoren viel aktiver in die wirtschaftspolitische Beratung ein als in Deutschland. Davon können wir lernen. Wir Ökonomen haben auch eine Bringschuld.“

          Einer der wenigen deutschen Wirtschaftswissenschaftler, die das ebenso vorgelebt haben, war Bert Rürup, der in der Regierungszeit von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) weitreichenden Einfluss hatte und de facto an Gesetzen mitschrieb. Er ist passenderweise der Kuratoriumsvorsitzende des DIW, hat Fratzscher mit ausgesucht. Fratzscher nennt ihn jemanden, zu dem er aufschaut.

          Die Kritik von Kollegen, Fratzscher übertreibe es etwas mit der Nähe als Quasi-Chefökonom von Gabriel, lässt der DIW-Präsident an sich abperlen. Er behauptet aalglatt: „Es ist wichtig, eine gesunde Distanz zur Politik zu wahren.“ Einige Ökonomenkollegen finden, er habe die Distanz längst verloren. „Er lässt sich instrumentalisieren“, kritisiert ein Konkurrent. Im Kampf des Wirtschaftsministers gegen die strikten Sparziele von Finanzminister Wolfgang Schäuble sei Fratzscher nur ein Instrument.

          Einer, der sich mit allen gut stellen will

          Das stimmt nur teilweise. Denn andersherum ist das Wirtschaftsministerium mit seiner Begeisterung für den jungen Ökonomen genauso zum Instrument für Fratzscher geworden. Ein Instrument, seine eigene Macht und seinen Einfluss in Windeseile voranzutreiben. So bleibt er zwar meist thematisch nah bei Gabriel, wagt aber auch mal Kritik. „Wir sollten auf keinen Fall den Stabilitäts- und Wachstumspakt aufweichen“, sagte er, als Gabriel vor drei Monaten eine entsprechende Debatte lostrat. „Das wäre Gift für die wirtschaftliche Erholung Europas.“ Damit stützte er den Kurs von Kanzlerin Merkel, was auch nie schaden kann.

          Beim populäreren Mindestlohn äußerte er sich vorsichtiger. Der Mindestlohn sei „kein verteilungspolitisches Allheilmittel“, urteilten seine Wissenschaftler. Ebenso ausgewogen fällt das Urteil des Instituts auch über die noch unerledigten Pläne aus dem Koalitionsvertrag aus. Die geplante Mietpreisbremse, urteilen die Wissenschaftler, bringe „mehr Schaden als Nutzen“. Gut sind hingegen Frauenquote, Kita-Ausbau, Familienarbeitszeit und Energiewende.

          Der Hans-Werner Sinn für 2015

          All diese Themen – und damit sich selbst – bringt Fratzscher sehr zielstrebig in die Medien. Gastbeiträge in den großen Zeitungen des Landes sind für ihn Trophäen, die er auf der Homepage des Instituts prominent ausstellt. Interviews zum neuen Buch lassen sich „kurzfristig arrangieren“, wie die Pressestelle ungefragt versichert.

          Als Ökonom ist er so binnen kürzester Zeit wichtig geworden. Im Ranking der bedeutendsten deutschen Ökonomen, das die Frankfurter Allgemeine Zeitung erstellt, belegte er in diesem Jahr hinter Hans-Werner Sinn den zweiten Platz. Im nächsten Jahr könnte er womöglich an der Spitze stehen. Dem gut zwanzig Jahre älteren Sinn, der mit seinem markanten Kinnbart seit vielen Jahren durch die Talkshows tingelt, ist er jedenfalls dicht auf den Fersen.

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