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Veröffentlicht: 12.10.2015, 16:34 Uhr

Integrationskurse Man spricht Deutsch

Flüchtlinge müssen Deutsch lernen, am besten so schnell wie möglich. Gar nicht so einfach, wenn Hunderttausende auf einmal kommen.

von
© Andreas Pein Deutsche Sprache, schwere Sprache: Menschen aus Venezuela, Syrien, Peru, Irak, Palästina und Japan im Integrationskurs für Anfänger.

Was ist eigentlich das Schwierigste am Deutschlernen? Die zwanzig Menschen aus Syrien, Irak und einem halben Dutzend anderer Länder, die an diesem Vormittag an einem Integrationskurs für Anfänger in der Inlingua-Sprachschule in Berlin-Mitte teilnehmen, müssen nicht lange überlegen. „Artikel!“, schallt es unisono aus dem Raum. „Artikel sind eine Katastrophe.“ Nach kurzem Überlegen wird die Liste zwar noch länger - „Satzbau“, „trennbare Verben“, „Grammatik“ -, aber die leidige Unterscheidung zwischen „der“, „die“ und „das“ geht den Anwesenden offenbar mit Abstand am meisten auf die Nerven. Ansonsten macht ihnen das Deutschlernen unübersehbar Spaß. Als Lehrerin Annette Joffe die Schüler um Vorschläge bittet, welche Gerichte sie bei einer Party servieren würden, kommt sie mit dem Aufschreiben kaum hinterher. Und in der Erörterung, welche Art von Eiern in den Apfelkuchen kommt, zeigen sich schon typisch deutsche Impulse: „Nur glückliche“, verlangt ein Teilnehmer. Joffe ist zufrieden: „Das ist ein toller Kurs“, sagt sie. „Die Schüler sind hochmotiviert.“

Für die Zukunft von Joffes Schülern in Deutschland ist es ein gutes Zeichen, dass sie so viel Lust haben, Deutsch zu lernen. Denn die Sprache ist der Schlüssel, um aktiv an einer Gesellschaft teilzuhaben, und mit wenigen Ausnahmen die Grundvoraussetzung für beruflichen Erfolg. So heißt es nicht nur in jeder Sonntagsrede zum Thema Flucht und Ankommen in Deutschland oder in den Willkommensnotizen an die Flüchtlinge, die wohlmeinende Bürger zurzeit an die schwarzen Bretter ihrer Gemeinden heften. Es ist auch die Summe jahrzehntelanger Erfahrung, festgehalten in vielen Studien: in Deutschland, wo mangelnde sprachliche Förderung bis heute dafür sorgt, dass nichtdeutsche Muttersprachler zu den Verlierern des Bildungssystems gehören. Aber auch in Einwanderungsländern wie Kanada, wo seit Jahrzehnten jeder Neuankömmling auf Rechnung der Regierung einen Intensivkurs in Englisch oder Französisch verordnet bekommt, um genau das zu verhindern.

Wer die Landessprache nicht spricht, wissen die Soziologen, wird im Verhältnis zu den Einheimischen fast immer ein Außenseiter bleiben. Mehr noch: Was auch immer einer an Potential mitbringt - in Annette Joffes Kurs sitzen an diesem Morgen Bauingenieure, Architekten und Ökonominnen -, droht unentdeckt zu bleiben, wenn er sich nicht mitteilen kann. Je länger das so bleibt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass er seinen Platz in der Gesellschaft findet. Deswegen ist für alle, die im Moment auf der Flucht vor Krieg und Gewalt in Deutschland eine neue Heimat suchen, kaum etwas so wichtig, wie schnell Deutsch zu lernen.

Flüchtlinge müssen oft Monate warten

Die Voraussetzungen sind gut. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge ist jung und motiviert, viele möchten schnell wieder in ihrem Beruf arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren - das erhöht den Anreiz, die Sprache schnell zu lernen. „Die Motivation ist mit Abstand das Wichtigste“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Britta Hufeisen, Leiterin des Sprachenzentrums an der TU Darmstadt. „Es kommt ganz wesentlich darauf an, wie sehr jemand lernen will.“ Es gibt kein „Talent“ für Sprachen, das vollständig erklären könnte, wie gut jemand lernt. Auch die Muttersprache spielt nur eine geringe Rolle, obwohl das deutsche Alphabet etwa für arabische Muttersprachler aus Syrien eine Hürde ist.

Doch auch wer motiviert ist, braucht Strukturen, um schnell zu lernen. Für die meisten erwachsenen Flüchtlinge sind Integrationskurse der erste Schritt zum Deutschlernen. Seit zehn Jahren werden sie im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) von Volkshochschulen und einer Vielzahl privater Träger angeboten; am Ende eines rund neun Monate langen Intensivkurses sollen die Teilnehmer in der Lage sein, sich in Alltagssituationen problemlos auf Deutsch verständigen zu können.

Das System hat den Nachteil, dass nur am Kurs teilnehmen darf, wer einen Aufenthaltstitel für mindestens ein Jahr besitzt, so dass Flüchtlinge meist mehrere Monate warten müssen, bis sie teilnehmen dürfen. Doch hat man einmal angefangen, halten Pädagogen und Sprachwissenschaftler konventionellen Sprachunterricht für effektiv. Besonders bei Teilnehmern, die schon Erfahrung mit dem Fremdsprachenlernen haben, stellen sich schnell Erfolge ein.

Deutschlernen als erste Integrationsvoraussetzung - Besuch in einem Deutschkurs für Flüchtlinge und andere Einwanderer © Andreas Pein Vergrößern Ein unerlässlicher Begleiter, falls es beim Vokabellernen hakt.

Klarere Zielvorgaben wären sinnvoll

Allerdings hat die Konzeption der Integrationskurse auch Schwächen. In den meisten Kursen geht es erst einmal darum, sich im täglichen Leben zurechtzufinden. Gerade an den Bedürfnissen akademisch gebildeter Teilnehmer gehe das oft vorbei, sagt Niel Ramsey, der Geschäftsführer der Berliner Inlingua-Sprachschule, an der Annette Joffe unterrichtet. „Für Akademiker wäre es sinnvoller, von Anfang an mit klarem Bezug auf ihr Fachgebiet unterrichtet zu werden“, sagt Ramsey. „Und auch bei den anderen brauchte man eigentlich klarere Zielvorgaben, damit sie am Ende wirklich solide Kenntnisse haben.“ Zudem halten viele Pädagogen Gruppen von 20 Schülern für zu groß, zumal, wenn die Gruppe heterogen ist: ein Flüchtling mit Hochschulabschluss hat andere Bedürfnisse als einer, der nur ein paar Jahre die Grundschule besucht hat.

Zwar gibt es mittlerweile eine Reihe von Kursen, die besser auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer zugeschnitten sind, etwa die „Deutsch für den Beruf“-Programme, die das BAMF für arbeitssuchende Ausländer organisiert, doch es sind wenige. In aller Regel sprechen die Schüler auch nach einem abgeschlossenen Integrationskurs nicht ausreichend Deutsch, um zum Beispiel problemlos eine Arbeitsstelle zu finden.

Leichter als bei Erwachsenen und Jugendlichen lässt sich der Spracherwerb kleiner Kindern organisieren. Wenn sie möglichst schnell in eine deutschsprachige Umgebung wie etwa eine Kita oder Vorschule kommen, lernen sie Deutsch wie von selbst. „Bis ungefähr zum siebten Lebensjahr lernen Kinder eine Zweitsprache genau wie ihre eigene Muttersprache“, sagt Harald Clahsen, der Direktor des Forschungszentrums für Mehrsprachigkeit an der Universität Potsdam. Für die Flüchtlingskinder biete sich damit die Chance, komplett zweisprachig aufzuwachsen, sagt Clahsen.

Deutschlernen als erste Integrationsvoraussetzung - Besuch in einem Deutschkurs für Flüchtlinge und andere Einwanderer © Andreas Pein Vergrößern Im Kurs lernen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung gemeinsam die deutsche Sprache.

Er plädiert dafür, die Kinder parallel auf Deutsch und in ihrer Muttersprache zu unterrichten, sobald sie in die Schule kommen. Tue man das nicht, lernten sie nur auf Deutsch lesen und schreiben. Dann verkümmere die Muttersprache irgendwann, wie das zum Beispiel bei vielen Kindern türkischer Einwanderer der Fall sei. „Vielleicht ist das romantisch, aber ich fände es eine Verschwendung, das bilinguale Potential dieser Kinder nicht auszuschöpfen“, sagt Clahsen.

Deutschlehrer gesucht

Im bestehenden System lässt sich dieser Wunsch bisher kaum erfüllen; schon jetzt gibt es nicht genug Lehrer, um die Integrationsklassen in Schulen und Vorschulen zu betreuen. Für konsequent zweisprachigen Unterricht wären hohe Investitionen nötig. Auch bei den Erwachsenen ist die Qualität der Sprachförderung im Moment das geringere Problem: Schon jetzt übersteigt die Nachfrage nach Deutschkursen das Angebot bei weitem. Im Jahr 2014 stellte das BAMF rund 211.000 Teilnahmeberechtigungen für Integrationskurse aus, allein im ersten Quartal 2015 waren es schon knapp 70.000, das sind 28 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Zahl der Berechtigungen für Neuzuwanderer - meist kürzlich angekommene Flüchtlinge - stieg gar um 74 Prozent. Und die Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten neu hinzukamen, sind da noch nicht einmal mit eingerechnet. Heidrun Englert, Geschäftsführerin des privaten Sprachschulnetzwerks Inlingua Deutschland, schätzt, dass sich die Anzahl der Integrationskurse in den kommenden Monaten mehr als verdoppeln muss, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.

Kurzfristig wird es wohl schwierig, das zu schaffen. Schon jetzt ist es beinahe unmöglich, Lehrer zu finden, die qualifiziert sind, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, - die wenigen, die es gibt, können sich vor Angeboten kaum retten. „Die Disziplin hat jahrelang ein Schattendasein gefristet“, sagt Britta Hufeisen aus Darmstadt. „Jetzt schnappt man mir meine Studierenden weg, bevor sie fertig sind.“ Zusätzliche Lehrer auszubilden, hält sie für dringend geboten. Das hat auch die Politik erkannt: Um schneller mehr Lehrer ausbilden zu können, hat das BAMF jüngst die Qualifikationsanforderungen für die Deutschlehrerausbildung gesenkt, weitere Erleichterungen sollen folgen.

Bis es so weit ist, tobt um die Deutschlehrer ein harter Wettbewerb. Bisher arbeiten viele von ihnen als freiberufliche Honorarkräfte zu niedrigen Löhnen. Nur wenige haben eine besser bezahlte Festanstellung, weil die Sprachschulen auf diese Art schneller auf Fluktuationen in der Nachfrage reagieren können, die bisher die Regel waren. Das könnte sich nun ändern. Heidrun Englert von Inlingua vermutet, dass es künftig wieder mehr festangestellte Sprachlehrer geben wird.

© F.A.Z., Edgar Schoepal Jugendliche Flüchtlinge: Jetzt oder nie

Mobile Lernzentren in der Entwicklung

Trotzdem werden sich wohl nicht über Nacht genug Deutschlehrer finden lassen, damit alle Flüchtlinge angemessenen Unterricht erhalten. Was tun in der Zwischenzeit? Britta Hufeisen will vor allem das Potential der vielen Ehrenamtlichen nutzen, die sich seit Monaten für die Flüchtlinge engagieren - Menschen wie Tobias Bange, Abteilungsdirektor bei der Commerzbank. Er engagiert sich schon länger bei der Berliner Initiative „Moabit hilft“, jüngst hat er mit einigen der Flüchtlinge, die er dort kennengelernt hat, spontan Deutsch-Crashkurse organisiert: erst Grammatik und Vokabeln in der Kleiderkammer des Flüchtlingsheims, dem einzigen halbwegs ruhigen Raum, dann Anschauungsunterricht auf dem Gelände, damit die Flüchtlinge beginnen können, ihre Umgebung auf Deutsch zu beschreiben: Alle schrieben eifrig mit.

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Natürlich ist das noch nicht das Gleiche wie systematischer Sprachunterricht. Aber helfen tun auch diese improvisierten Methoden. „Eigentlich ist alles gut“, sagt Hufeisen. „Gemeinsames Kartenspielen, Unternehmungen mit Leuten aus der Nachbarschaft - das sind alles kleine Puzzleteile auf dem Weg hin zur Sprachkompetenz. Und wenn es dann losgeht mit dem Kurs, lernt man umso schneller.“ Andere plädieren dafür, das Engagement systematischer zu organisieren. Der Ökonom Steffen Roth, der an der Uni Köln die Bildungschancen fremdsprachiger Einwanderer erforscht, fordert, dass Flüchtlinge vom ersten Tag an systematisch Deutschunterricht erhalten, und zwar unabhängig davon, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Das Argument, man verschwende begrenzte Ressourcen, wenn man Menschen ohne Aufenthaltstitel Deutsch beibringe, hält Roth für abwegig: „Es ist viel schlimmer, wenn Flüchtlinge, die hier bleiben wollen, monatelang untätig herumsitzen müssen, als wenn einige, die nach sechs Monaten wieder ausreisen, vorher ein bisschen Deutsch gelernt haben.“

Einige Bundesländer, unter anderem Berlin, finanzieren schon jetzt Integrationskurse für Flüchtlinge ohne Aufenthaltstitel. In vielen Flüchtlingsheimen bieten Ehrenamtliche regelmäßig Deutschkurse an. Doch diese Versuche enden oft, wenn ein Flüchtling in eine andere Unterkunft verlegt wird. Um sicherzustellen, dass die Menschen auch kontinuierlich weiter lernen können, wenn sie umziehen müssen, sind andere Ansätze nötig. Roth schwebt ein virtuelles Lernportal vor, das sich übers Smartphone bedienen lässt; entsprechend geschulte Ehrenamtliche könnten die Flüchtlinge dann als Tutoren beim Lernen unterstützen.

Einige Projekte dieser Art laufen schon. Die Sprachschule Berlitz arbeitet zum Beispiel an virtuellen Lernmethoden, die Flüchtlinge auch dort nutzen können, wo der regelmäßige Besuch eines Kurses nicht realistisch ist. Andere sind weniger praxisnah. Das Online-Lernportal „Ich will Deutsch lernen“, das die Volkshochschulen entwickelt haben, ist zum Beispiel sehr benutzerfreundlich. Allerdings nur, wenn man Computer und Kopfhörer hat - mit dem Smartphone, wie es die meisten Flüchtlinge besitzen, ist es nicht kompatibel.

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