Stadtteil Friedrichshain in der Nähe des Boxhagener Platzes. Espressobars, Eisdielen, kleine Restaurants, Friseurläden, ein Skateboard-Ausstatter. In einem Vorderhaus in der Grünberger Straße weist ein kleines Schild den Weg zu Sofatutor, dem Anbieter von Nachhilfe im Internet. Im zweiten Hinterhaus rechts geht es durch ein schmuckloses Treppenhaus hinauf in den fünften Stock. Im Eingangsbereich: alte Sofas, Ikea-Lacktische und eine Küchenzeile. Davon gehen zwei riesige Räume ab; der eine ist mit Schreibtischen zugestellt, in dem anderen ist noch viel Platz. Platz, der bald gefüllt werden wird, denn das junge Unternehmen soll weiter wachsen.
Stephan Bayer hat Sofatutor im Februar 2008 gegründet. Auf den ersten Blick entspricht der 29 Jahre alte Jungunternehmer ganz dem Klischee eines coolen Berliner Gründers. Barfuß läuft er an diesem letzten warmen Herbsttag durch die Büros. Ansonsten ist er aber in Jeans und blauem Baumwollhemd recht unauffällig gekleidet. Überhaupt wird im Gespräch mit ihm rasch klar, dass er für weitere Unkonventionalitäten nicht taugt. Er präsentiert sich als Geschäftsmann, der klare Vorstellungen von seinem Unternehmen und dessen Zukunft hat.
Mathe ist Nachhilfefach Nummer 1
Das junge Unternehmen, das den deutschen Nachhilfemarkt ein Stück weit aufmischt, soll weiter wachsen. „Wenn wir unsere Poleposition halten wollen, müssen wir auf Wachstumskurs bleiben“, glaubt Bayer. In der Poleposition sei Sofatutor, weil es Nachhilfe in einer Weise anbiete wie sonst niemand in Deutschland und kaum jemand auf der Welt. Zwar finden deutsche Schüler und Studenten im Internet ein weit verzweigtes Angebot von Lernhilfen. Lernvideos, wie Sofatutor sie konzipiert, bietet nach Angaben von Bayer aber niemand sonst an.
Der Schulstoff wird in viele kleine Fachgebiete gegliedert. Sie heißen dann zum Beispiel „Der Konjunktiv“ oder „Die Summenregel für Wahrscheinlichkeiten“. Über jedes Thema wird ein Film von fünf bis 15 Minuten produziert. Darin sieht man eine Hand, die den Stoff nach und nach auf ein Whiteboard schreibt, und man hört eine Stimme, die erklärt, was da zu lesen ist. Inzwischen sind mehr als 7.500 dieser Lektionen online, Ende des Jahres sollen es 10.000 sein. „Dann haben wir das gesamte Schulwissen in Deutschland, zumindest in den versetzungsrelevanten Fächern, einmal abgefilmt“, sagt Bayer. Der größte Teil der Videos widmet sich der Mathematik, dem Nachhilfefach Nummer eins in Deutschland.
Ein Abo kostet rund 15 Euro im Monat
Gut 30.000 Nutzer hat Sofatutor inzwischen, vor einem Jahr war es erst die Hälfte. Jeder Nutzer zahlt für sein Abo rund 15 Euro im Monat. Werbeeinnahmen hat das Unternehmen nicht. Man wolle die Schüler beim Lernen nicht mit Werbung ablenken, erklärt Bayer. Sofatutor verdient zudem an einer Kooperation mit dem Schulbuchverlag Klett: Aufgaben in Klett-Büchern werden mit inhaltlich passenden Lernvideos von Sofatutor verlinkt. Sofatutor bekommt dafür ein paar Prozent des Verkaufspreises.
Noch liege der monatliche Umsatz im sechsstelligen Bereich; in den nächsten zwei Jahren soll er nach Bayers Willen siebenstellig sein. Denn: „Bei 9 Millionen Schülern sind 30.000 Nutzer drei Promille - das geht noch einiges“, sagt Bayer. Man sei „sehr ambitioniert“. In manchen Phasen wachse das Team schneller als die Einnahmen. Vor kurzem wurde das Nachhilfeangebot auf die Klassen eins bis vier ausgedehnt. Ständig würden neue Filme gedreht. „Während wir hier sprechen, rollen weitere vom Band“, sagt Bayer. Gewinne schüttet Sofatutor noch nicht aus. „Alles, was wir einnehmen, investieren wir wieder in die Plattform.“
Er tat, was er gerne tut: Er filmte
Der junge Gründer, der wie ein alter Hase spricht, hätte vor fünf Jahren noch nicht gedacht, einmal zusammen mit seinem Partner Colin Schlüter ein Unternehmen mit rund 70 freien - oft Lehrern - und 40 festangestellten Mitarbeitern zu führen, denen er inzwischen ein normales Gehalt zahlen kann. Damals, im Jahr 2007, steckte er an der Berliner Humboldt Universität mitten in einem Doppelstudium aus Sozialwissenschaften und BWL. Sozialwissenschaften habe er aus reiner Verlegenheit gewählt und BWL „aus der Angst heraus nicht zu wissen, was man später mal wird“. In der Gründungsphase von Sofatutor habe ihm das BWL-Studium aber ziemlich geholfen.
Vor Bayer lag eine Mathe-Klausur zum Totalen Differential, und er hatte keine Lust zu lernen. Also tat er, was er gerne tut: Er filmte. Er hängte eine Kamera an die Decke und zeichnete auf, was er lernen musste. Den Stoff schrieb er auf ein Blatt Papier. Und er filmte seine Hand. Das fertige Produkt schickte er an ein paar Kommilitonen. „Denen hat es beim Lernen geholfen.“
Risikokapitalgeber machten es möglich
Da begann er darüber nachzudenken, eine „Plattform nur mit solchen Filmchen“ aufzubauen. Ihn habe schon immer gereizt, „eine Sache zu machen, die noch niemand gemacht hat“, sagt Bayer. Viele in seinem Umfeld sprachen ihm Mut zu. „Das waren wichtige psychologische Momente.“ Recht problemlos fand er einige „Business Angels“, private Investoren, die bereit waren, Geld in sein Start-up zu stecken. Mit 26.000 Euro Startkapital gründete man eine GmbH. „Ich musste mir meinen Teil leihen“, erzählt Bayer.
Doch dann kam die große Ernüchterung. Bayer dachte, es sei ganz einfach, solche Filme zu drehen; das könne fast jeder. „Wir sprachen Lehrer an und sagten ihnen: ,Mach doch mal ein Video‘.“ Doch es war eine zu große Herausforderung, den Lehrern das Videomachen beizubringen. Es sei fast nur Schrott gekommen. In Bayer reifte die Erkenntnis: „Wir müssen das selbst produzieren; damit haben wir die Hand auf der Qualität und keinen Wildwuchs.“ Doch das bedeutete auch, dass die Firma größer werden musste. Und ein größeres Unternehmen braucht mehr Kapital - dieses bekam Sofatutor, auch wieder recht problemlos, von Venture-Capital-Gebern. „Venture Capital demokratisiert die Gründungsmöglichkeiten“, lobt Bayer. „So ist unser Unternehmen größer geworden, als wir uns das selbst hätten leisten können. Schließlich hatten wir keine Sicherheiten, um uns Geld von Banken zu leihen und auch keine wohlhabenden Onkels, die unsere Gründungsideen finanzieren wollten.“
Untaugliches Geschäftsmodell...
Michael Arndt (Mikel1962)
- 05.11.2012, 09:33 Uhr
Grundsätzlich eine gute Idee
Konstantinos Dafalias (ruamzuzler)
- 05.11.2012, 08:41 Uhr
The Walking Dead: "Demokratisierung durch Venture-Capital"
thomas ackermann (chefmixer)
- 05.11.2012, 08:02 Uhr
...??
Radjo Radissimo (Aktienkalle)
- 05.11.2012, 01:23 Uhr
Simpler Abklatsch
Hanns-Christian Hanebeck (hhanebeck)
- 05.11.2012, 00:17 Uhr
