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Jungfrau, Prinz und Bauer : Ein Knochenjob im Dreigestirn

Jungfrau Jörg Hertzner, Prinz Thomas II. Elster und Bauer Ulrich Anton Maslak posieren in Köln in ihrem Hotel. Bild: dpa

Kölner Dreigestirn, das ist das Höchste, was ein Karnevalist werden kann. Doch von sechs Wochen Party und Küsschen kann nicht die Rede sein. Jungfrau, Prinz und Bauer gehen in den sechs Wochen Hochsaison an ihre Substanz.

          Der Kölsche Jung an sich hat zwei Träume. Einmal dabei sein, wenn der FC deutscher Fußballmeister wird. Und einmal im Leben Dreigestirn werden. Für alle, die nicht aus der karnevalistischen Hochburg am Rhein sind: Das ist während der närrischen Zeit die höchste Institution. Symbolisch übernehmen die drei die Amtsgeschäfte im Rathaus, ganz Köln ist aus dem Häuschen, sobald Prinz, Bauer und Jungfrau auftauchen. Sie sind Popstars aus dem Nichts und auf Zeit.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Innerhalb der Stadtgrenzen werden sie auf Händen getragen, außerhalb interessiert sich kein Hund für sie. Zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch herrscht in Köln ein anderes Leben als im übrigen Land. Wer im November nach der Auftaktfeier am Heumarkt mit 10.000 Piraten, Krankenschwestern und Biene Majas beschwingt mitsamt Mottoschal am Hals und Herzchen auf der Wange in den ICE steigt, kommt sich ganz schön blöd vor, sobald der Zug den Hauptbahnhof Richtung Normalität verlässt.

          Thomas Elster, Ulrich Maslak und Jörg Hertzner kennen sich seit ihrer Kindheit, und wenn schon der FC niemals mehr Meister werde, so wollten sie doch wenigstens ihren anderen Traum erfüllen: Dreigestirn. Das ist eine Entscheidung von Tragweite. In ihre Rolle müssen die Herren der Narren nicht nur jede Menge Zeit investieren, weshalb sich oft selbständige Unternehmer dafür melden, sondern auch viel Geld. Die Summe hütet das Festkomitee wie ein Staatsgeheimnis, wer je Person 50.000 Euro für Ornat, Orden, Wurfmaterial und Lokalrunden annimmt, dürfte nicht allzu falsch liegen. Abzüglich der während der Session eingesammelten persönlichen Spenden bleibt für jeden immer noch ein erkleckliches Sümmchen übrig oder, wie es die Gattin eines Dreigestirns ausdrückt: Das war unser Oldtimer.

          Ausruhen ist nicht: Von einer Veranstaltung geht es zur nächsten. Manchmal sind es über ein Dutzend pro Tag.
          Ausruhen ist nicht: Von einer Veranstaltung geht es zur nächsten. Manchmal sind es über ein Dutzend pro Tag. : Bild: dpa

          Auf der Habenseite stehen das einzigartige Erlebnis, fortan engste Verbindungen in die Kölner Gesellschaft wie in die Politik zu haben und die Hoffnung, die Prominenz werde sich auf das Geschäft umsatzbelebend auswirken. Jungfrau Johanna betreibt im richtigen Leben das charmante Landhotel Amapola auf Mallorca, dortselbst wurde mit dem Fernsehproduktionstechnik verleihenden Bauer Anton die Bewerbung ausgeheckt. Seit der Zusage im Sommer vergangenen Jahres drehen sich die Gedanken von Thomas, Uli und Jörg - im Karneval sind von der Putzfrau bis zum Direktor alle per du - nur noch um die Session, wie das Fenster des Feierns heißt. Die Jungs sind erfahren, haben lange Jahre in Garden gedient und kennen das Geschehen aus nächster Nähe. Doch dass sich ihr Leben derart verändern wird, dass ihr zweites Ich auf Zeit derart Besitz von ihnen ergreifen wird, das haben sie nicht geahnt.

          Von wegen: Wir feiern die ganze Nacht

          Unglaubliche 370 Auftritte stehen auf dem Programm, an Wochenenden und in der heißen Phase um Weiberfastnacht bis zu 14 am Tag. Von ihren Familien sehen sie sechs Wochen lang nichts. Und das ist noch kurz, denn die Session 2016 dauert nur 33 Tage von der Prinzenproklamation bis Aschermittwoch. In der ersten Januarwoche sind die drei in ihre Hofburg eingezogen. Sie ist von Mythen umgebener Anfangs- und Endpunkt jeden Tages als Dreigestirn, im realen Leben handelt es sich um das Hotel Pullman, das die Etage für Prinz und Hofstaat zur Verfügung stellt. Ein Zimmer wird zur Speisekammer, bis zur Decke stapeln sich die Gaben des Kölner Einzelhandels: Chips, Gurken, Graubrot, Fleischsalat, Fertigpizza, Snickers, Haribo, Cola, Kölsch.

          Seine Tollität Prinz Karneval: In diesem Jahr heißt der Prinz Thomas II.
          Seine Tollität Prinz Karneval: In diesem Jahr heißt der Prinz Thomas II. : Bild: dpa

          Fällt das Dreigestirn nach vollbrachter Arbeit gegen 2Uhr früh hier ausgehungert ein, bringt eine Mikrowelle alles auf Temperatur, und die Szenen sind die einer Männer-WG. Johanna in Badelatschen, fragt nach der Frikadelle, Adjutant Karl-Theo, im Bademantel reicht den Senf dazu. K.o. und chaotisch, aber froh und zufrieden. Bauer Anton sitzt derweil nebenan und erledigt noch ein paar Mails, das Geschäft muss weiterlaufen.

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