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David Folkerts-Landau : Anshus Chefökonom

Heute ist er das genaue Gegenteil eines mathematischen Volkswirts, sagt er: David Folkerts-Landau, der neue Chefvolkswirt der Deutschen Bank Bild: Jonas Wresch

Ein reservierter Ökonom, der mehr nach innen als nach außen wirkt: Der neue Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, hält sich noch im Hintergrund.

          Über „Anshus Armee“, die Investmentbanker-Garde, die mit dem Antritt Anshu Jains als Co-Chef die Macht in der Deutschen Bank besetze, ist schon viel geschrieben worden. Wenig war bislang vom neuen Chefvolkswirt David Folkerts-Landau zu hören, einem Vertrauten Jains. Der 62 Jahre alte bisherige Leiter Markets Research in London, wo er etwa 800 Mitarbeiter führt, ist von Jain auch in den erweiterten Vorstand (Group Executive Committee) berufen worden. Seit zwei Monaten leitet der hochgewachsene blonde Ökonom auch noch die 90-köpfige DB Research und verdrängt dort Thomas Mayer, den bisherigen Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Durch den Zusammenschluss sollen Kompetenzen gebündelt werden, hieß es.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Der Übergang rumpelte aber, es gab Misstöne. Norbert Walter, der langjährige Chefvolkswirt der Bank, grantelte über den Verlust der Unabhängigkeit von DB Research. In Kommentaren hieß es, Mayer sei ein zu eigenständiger Kopf in der Bank gewesen, Folkerts-Landau dagegen eher ein marktorientierter Verkäufer. Solche Aussagen können den gebürtigen Friesen auf die Palme bringen. Auf seine geistige Unabhängigkeit lässt der frühere Ökonomie-Professor nichts kommen.

          Verlockende Offerte

          In Pressearchiven findet sich fast nichts von ihm, nur ein wissenschaftliches Papier zu Währungssystemfragen ist dokumentiert. Kein Vergleich mit den früheren Chefvolkswirten Walter und Mayer, die sich auch in Fernseh-Talkshows setzten. Folkerts-Landau ist noch nicht sicher, ob er sich das antun soll. Passend zur Debatte über die Sprachkenntnisse von Jain hat auch der neue Chefvolkswirt einen Akzent, hörbar britisch. Nach wenigen Minuten Gespräch kippt er vollends ins Englische. Die angelsächsische Prägung sitzt tief. Zwar wurde er 1949 im Dorf Upleward in Ostfriesland nahe am Deich geboren (noch heute ist er seinem Heimatort verbunden, spendet Geld für die neue Kirchturmglocke oder stellt eine große Wiese als Eislauffläche zur Verfügung). Doch schon mit 14 Jahren schickten ihn die Eltern auf ein schottisches Internat.

          Seine akademische Ausbildung hat Folkerts-Landau an amerikanischen Elite-hochschulen erhalten. Er studierte Mathematik und Ökonomie an der Harvard-Universität, machte 1978 einen Doktor in Princeton und lehrte dann drei Jahre in Chicago an der Graduate Business School. Seine damalige Forschung über Gleichgewichtsmodelle war sehr theoretisch - „totaler Unsinn“, sagt er heute und lacht dabei selbstironisch. Seitenlang gibt es in seinen damaligen Aufsätzen und Büchern komplizierte mathematische Formeln und Symbole. Heute ist er das genaue Gegenteil eines mathematischen Volkswirts, sagt er. Ein guter Ökonom müsse die Institutionen und auch Finanz- und Währungsgeschichte kennen.

          Von 1983 bis 1997 arbeitete Folkerts-Landau beim IWF. Erst war er in der volkswirtschaftlichen Abteilung des Währungsfonds beschäftigt, dann übernahm er die Abteilung für Kapitalmarktüberwachung mit 30 Leuten. Wo immer es in Ländern finanzielle Schwierigkeiten gab, schwärmten die IWF-Leute aus. 1997 erhielt er von Anshu Jain, damals einem jungen, aufstrebenden Investmentbanker, ein Angebot, in die Deutsche Bank zu wechseln. Drei Monate lang überlegte er. Fast hätte er in dieser Zeit eine Stelle bei Lehman Brothers angenommen, doch die Offerte von Jain war doch verlockender. Im Oktober 1997, gerade war die Asien-Krise ausgebrochen, fing er bei der Deutschen Bank an. Leute, die ihn seit langem kennen, loben seinen tiefen analytischen Zugriff. Die anderthalb Jahrzehnte beim IWF haben dabei seinen Blick für Zahlungsbilanz- und Währungskrisen geschärft.

          Scheu vor zu viel Öffentlichkeit

          Jetzt steht Europa vor einem Schuldenabgrund ungeahnten Ausmaßes. Folkerts-Landau sieht nur zwei mögliche Auswege: entweder eine Vergemeinschaftung von Staatsschulden, sei es über Eurobonds, große EZB-Anleiheankäufe oder eine Bankenabwicklung zu gemeinschaftlichen Lasten. All dies bedeutet einen massiven realen Transfer vom Kern des Kontinents, also hauptsächlich Deutschland, in die Euro-Peripherie. Auch die 730 Milliarden Euro Target-Salden der Bundesbank erwähnt er in diesem Zusammenhang. Er hat Zweifel, wie lange die Deutschen die Rolle des Zahlmeisters akzeptieren werden.

          Der zweite Weg wären überzeugende Reformen der Peripherie, um wieder wettbewerbsfähig zu werden und Schulden senken zu können. Aber tun die Südeuropäer genug? Bei dieser Frage kann er wütend werden, sofern sein nordisch-kühler Stil das zulässt. Überhaupt nicht genug würden die Südeuropäer liefern, findet er. Und die deutsche Regierung verliere an der Propagandafront.

          Er selbst scheut bislang aber den Gang in die Medienöffentlichkeit. Während seine Vorgänger es auch mit kontroversen Aussagen zu großer Bekanntheit brachten, hält er sich zurück. Manche in der Bank finden es gut, dass nun ein reservierter Ökonom mehr nach innen als nach außen wirkt. Die Bank hält ihn im Hintergrund, derzeit ist sie mit der Aufarbeitung des Libor-Skandals beschäftigt. Nicht mehr lange, dann soll der neue Chefvolkswirt aber auch in der Öffentlichkeit aufgebaut werden.

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