http://www.faz.net/-gqe-78jye

Das Geschäft mit dem Geld : Reiche Juden

Shylock, der böse reiche Jude aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

Antikapitalismus und Antisemitismus gehen seit jeher Hand in Hand. Aber Geschäfte mit Geld waren eben schon immer das Metier der Juden. Was soll daran verwerflich sein?

          Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, das 1985 in Frankfurt aufgeführt werden sollte, hat zur Hauptfigur einen reichen jüdischen Spekulanten, der alte Häuser aufkauft, um sie abzureißen, und seelenlose Wolkenkratzer baut, um daran zu verdienen. Gemeint war Ignatz Bubis, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Bubis’ Vater und Geschwister sind in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          “Ich war der Ausbund an Kapitalismus und Spekulantentum“, hat Bubis die Angriffe gegen ihn kommentiert: „Die Linken waren irritiert, dass ich damals gesagt habe: Ja, ich spekuliere. Na und?“ Obwohl es in Frankfurt christliche, persische und jüdische Immobilienhändler gab - lauter Spekulanten -, wurde offenbar nur der Jude für wert befunden, als Symbolfigur des Kapitalismus vorgeführt zu werden.

          Das hat eine lange Tradition: Antikapitalismus und Antisemitismus gehen seit jeher Hand in Hand. Der Soziologe und Ökonom Werner Sombart teilte Anfang des 20. Jahrhunderts die Wirtschaftsleute in zwei Gruppen ein: Auf der einen Seite gibt es jene kreativen, dem Konkreten verpflichteten Unternehmer, die echte Werte in der Realwirtschaft (Autos, Maschinen, Konsumgüter) schaffen.

          Die Ausstellung „Juden. Geld“ gibt es vom 25. April 2013 bis zum 6. Oktober 2013 im Jüdischen Museum in Frankfurt. Der Katalog erscheint im Campus-Verlag

          Auf der anderen Seite stehen die kalkulierenden, ausschließlich am Geld interessierten, abstrakten Typen der Finanzwirtschaft, denen es nur um den Profit, aber nicht um die Sache geht: „Der Jude ist der perfekte Börsenspekulant“, heißt es bei Sombart: Juden sind Nomaden ohne Wurzeln, nichts als „Wüstenmenschen“. Nicht erst die Nationalsozialisten liebten die Unterscheidung zwischen dem „schaffenden“ und dem „raffenden“ Kapital.

          Die Aversion gegen den Spekulanten offenbart die verbreitete Meinung, Geld dürfe nur Mittel zum Zweck sein, aber nie Selbstzweck. „Arbeit ist Grundlage des Wohlstands, nicht Spekulation“, verkündete BASF-Aufseher Eggert Voscherau, Chef des deutschen Chemiearbeitgeberverbandes jüngst in der F.A.Z. (4. April). Der Spekulant ist per definitionem jemand, der den Kauf und Verkauf einer Sache (oder eines Finanzproduktes) einzig und allein mit der Absicht unternimmt, von einer erwarteten Preisänderung zu profitieren. Ähnliches wirft man gerne auch dem Händler vor.

          Auch dieser kauft und verkauft, ohne das Produkt zu verbessern. Beiden gehe es nur ums Geld, heißt es. Die Unterscheidung verkennt, dass alles auf Zukunft bezogenes wirtschaftliches Handeln riskante Spekulation ist; wenn niemand mehr Chlor und Brom haben will, hat sich auch die BASF verspekuliert. Die Unterscheidung übersieht zugleich, dass der Händler als Arbitrageur Anbieter und Nachfrager zusammenbringt, mithin etwas leistet, was keine einfache Kunst ist.

          Der Centralverband des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes in einer Ausschusssitzung 1931

          “Macht nichts, der Jude wird verbrannt“, würde der christliche Patriarch in Lessings „Nathan der Weise“ antworten. Das antisemitische Urteil schert sich wenig um den Wahrheitsgehalt seiner Überzeugungen. Dass Juden Spekulanten sind, Juden in der Geschichte als vom Zinsgewinn lebende Geldleiher tätig waren und sie nicht selten dabei steinreich wurden, ist kein Vorurteil, sondern Realität. „Na und?“, würde Ignatz Bubis sagen. Antisemitisch wird das Urteil erst, wenn die Geldjuden moralisch skandalisiert werden. Antisemitisch ist die Verknüpfung jüdischen Reichtums mit den Modi seines Erwerbs: Habgier, Geiz und Trägheit (drei der sieben christlichen Todsünden), Betrug und kriminelle Machenschaften.

          Weitere Themen

          Ein hungerndes Land Video-Seite öffnen

          Venezuela vor der Wahl : Ein hungerndes Land

          Viele Venezolaner geben ihr ganzes Geld für Lebensmittel aus. Trotzdem reicht das Essen kaum. Die Regierung nutzt die wachsende Not als Druckmittel.

          Arbeiten bis zum Tod Video-Seite öffnen

          Rentner in Südkorea : Arbeiten bis zum Tod

          In Südkorea müssen zahlreiche Senioren auch nach der Pensionierung weiter arbeiten, weil ihre schmale Rente vorne und hinten nicht reicht. Von Armut betroffen ist fast jeder zweite Ältere - so wie der 71-jährige Park Jae Yeol.

          Topmeldungen

          Altkanzler Gerhard Schröder (links) mit dem russischen Ministerpräsidenten Medwedew und dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Gazprom, Wiktor Subkow, bei der Amtseinführung Putins.

          Abschuss von MH17 : Ausgerechnet Schröder

          Der Kreml weiß selbst am besten, wer für den Abschuss von MH17 verantwortlich ist. Ein ehemaliger Bundeskanzler aber beklagt lieber die Eigensucht Amerikas. Ein Kommentar.
          Nils Petersen spricht bei einer Pressekonferenz des DFB am Sportzentrum Rungg in Südtirol.

          Nationalmannschaft : Der Überraschungsfaktor Petersen

          Nils Petersens Vorteil im Kampf um einen Platz im WM-Kader: Für viele Gegner ist er ein unbeschriebenes Blatt. Der Angreifer steht in Südtirol im Fokus, dennoch ist er voller Lob für zwei Kollegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.