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Interview mit Charly Hübner : Wenn ich im Osten bin, fühle ich mich wie früher

Schauspieler Charly Hübner Bild: Adrian Höllger

Schauspieler Charly Hübner hat die Kindheit in der DDR als Paradies erlebt. Erst spät erfuhr er von der Stasi-Tätigkeit seines Vaters. Ein Gespräch mit dem TV-Kommissar über 25 Jahre deutsche Einheit.

          Herr Hübner, lassen Sie uns über die deutsche Einheit sprechen.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur zu, es sind ja schon 25 Jahre.

          Aus diesem Anlass ermitteln Sie in Ihrer Rolle als Kommissar im nächsten „Polizeiruf 110“ in einem Fall, der auf echte kriminelle Geschäfte nach der Wiedervereinigung zurückgeht.

          Wir greifen illegale Geschäfte mit Treuhand und Devisenhandel auf. Da haben schlaue Ganoven um die Wende rum ganz schnell ganz viel Geld gemacht.

          Angeblich sind dadurch dem wiedervereinigten Deutschland innerhalb eines halben Jahres fünf Milliarden Mark Schaden entstanden.

          Faszinierend, nicht wahr? Menschen mit krimineller Ader sind schnell und kreativ. Genau wie bei den Ost-Immobilien. Oder bei den Privatisierungen von Firmen. Was da gelaufen ist an Klüngel, sozusagen unter dem Radar, ist längst nicht aufgearbeitet. Es gibt viele Korruptionsgeschichten, wo alte und neue Zeiten sich die Bälle zuspielen.

          TV-Kommissar Bukow und seine Kollegin König haben in Rostock also noch vieles an tatsächlichen Vorkommnissen aufzuklären.

          Auf jeden Fall. Nehmen Sie dieses Luxushotel in Rostock, da gibt es viele Gerüchte über Unstimmigkeiten. Oder den Warnowtunnel, angeblich wurden da etliche Menschen korrumpiert. Die Fälle kann man im Film nicht direkt aufgreifen, aber Anneke und ich haben uns gewünscht, diesen Machenschaften in einem konstruierten Fall nachzugehen. Das kommt demnächst.

          Sie wünschen sich als Schauspieler bestimmte Fälle für das Drehbuch?

          Wir dürfen mitreden. Das war unser Wunsch, als wir beim Polizeiruf angefangen haben, weil die Schauspieler ja irgendwann das Gesicht so einer Reihe sind. Und wir wünschten uns, dass die Fälle mit Rostock zu tun haben, mit der spezifischen Geschichte der Stadt, dem Hafen, den Menschen. Ich habe zum Beispiel gelesen, dass Rostock - ich konnte es kaum glauben - mittlerweile Hauptumschlagplatz für Kokain ist, das kommt dann im nächsten Film.

          Die Devisengaunereien zur Einheit waren auch Ihre Idee?

          Nein, die stammte von der Redaktion, die Sender haben ja so Jubiläen eher auf dem Schirm als wir Schauspieler. Aber es fasziniert mich, was damals abging.

          Für den Taxifahrer hier in Halle, der mich hergefahren hat, ist das eine klare Sache: Die Wessis haben die kriminellen Dinger gedreht, haben sich alles unter den Nagel gerissen ...

          Klar. Du Täter, ich Opfer. So lässt sich es doch gut leben.

          Sie sind in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Gab es da böse Menschen?

          Natürlich, die gibt es immer und überall. Die passen sich wunderbar an neue Umstände an. Unser Ortsparteisekretär zum Beispiel war der roteste unter den roten Genossen. Nach der Wende kam er dann als Finanzberater daher. Der hat sich in Nullkommanichts gewandelt – vom Kommunisten zum Hardliner-Kapitalisten. Was der uns alles verscherbeln wollte. Da wäre ich bis ans Ende meiner Tage ruiniert, wenn ich dem alten Fuchs, übrigens ein Freund meines Vaters, alles unterschrieben hätte.

          Charly Hübner in „Eltern“

          Ihr Vater war auch einer, der den Aufstiegschancen in der DDR erlag – und sich von der Stasi als IM anheuern ließ.

          Er hat das immer geleugnet, bis kurz vor seinem Tod. Da ist es ihm rausgerutscht. Was er aber genau gemacht hat, wen er bespitzelt hat, das wissen wir bis heute nicht.

          Sie haben doch vor zwei Jahren die Herausgabe der Akte beantragt.

          Das stimmt. Die Frist ist vor drei Wochen abgelaufen. Wir haben von der Jahn-Behörde nichts gehört. Aber mein Bruder ist da dran. Wir wollen wissen, ob es Opfer gibt, bei denen wir uns entschuldigen, wo wir etwas wiedergutmachen können – soweit das geht.

          Was sagt denn Ihre Mutter?

          Meine Mutter kommt vom Bauernhof. „Dat war eben so“, sagt sie immer. Das war eine andere Zeit. Da gab es ihren Vater, den Bauern, und die Mutter, die ist früh verstorben. Und viele Töchter, die wegheirateten. Die kleinste war dann irgendwann übrig, mit dem Vater. Sie musste Ziegen melken, Schweine füttern, Wäsche waschen. Da hat sie nicht über Strukturen nachgedacht oder gar daran, jene in Frage zu stellen. Als sie dann einen 20 Jahre älteren Mann geheiratet hat, hat sie auch nicht in Frage gestellt, was der gemacht hat. Es war schlimm für sie, als wir, die beiden Söhne, das dann eines Tages taten.

          Wie waren die ersten Wessis, die Sie kennen gelernt haben?

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