Nach sechs Uhr abends färbte sich der Himmel rot. Aus dem Wind wurde Sturm. Um acht Uhr rannten die Menschen aus ihren Hütten und Häusern. Die Böen tosten nun, erste Masten fielen um, ein Dach wurde davongetragen. Das Brausen und Heulen übertönte jedes Wort. Um zehn hatten sich die Menschen in Kyat Pha Mwe Zaung beim alten Kloster mit seinen dicken Pfählen aus Teakholz versammelt. Der Abt aber schickte sie ins Freie, dort sei es weniger gefährlich. Nach Mitternacht zerdrückte der Zyklon das Kloster, als sei es aus Streichhölzern gebaut.
Diese Nacht Anfang Mai 2008, als der Zyklon Nargis weite Teile Burmas verwüstete und mehr als einhunderttausend Menschen ihr Leben nahm, hat tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen. Man sieht es den Menschen nicht an, und auch dem Dorf nicht mehr. Einen friedlicheren Ort als diesen im Delta des Flusses Irrawaddy könnte es kaum geben.
Der Weg dorthin führt erst über Schlaglochpisten, dann noch mal zwei Stunden mit dem Boot über die Seitenarme des großen Flusses, und nach der letzten Biegung leuchten die beiden goldenen Pagoden des Klosters Bala Thyka. Am Morgen kündigt der Duft nach Mohinga, der Fischsuppe, das nahe Dorf an, ehe man es hinter den Palmhainen sieht. Kyat Pha Mwe Zaung liegt so verborgen, dass sich hier die Mutter der burmesischen Volksheldin Aung San Suu Kyi mit ihren beiden Söhnen erfolgreich versteckte, als die Japaner während des Zweiten Weltkrieges das Land besetzten.
Vom wirtschaftlichen Aufbruch ist nichts angekommen
Die spätere Nobelpreisträgerin war damals noch nicht geboren. Bis heute leben die Menschen hier sehr einfach. Enten und Schweine haben die Bauern, Bananenstauden und einen Büffel, wenn die Reisernte sie wohlhabend gemacht hat. Das Land an der Mündung ist flach wie ein Kuchenteller, und nach dem Monsun strahlt es in sattem Grün. Es gibt keine Arbeit, außer der unregelmäßigen auf den Feldern, im Rhythmus der Ernte. Strom gibt es auch nicht, der Fluss sorgt für die Bewässerung beim Reisanbau, dient als Toilette und den Kindern als Spielplatz.
Vom wirtschaftlichen Aufbruch Burmas, das sich selbst Myanmar nennt, ist in Kyat Pha Mwe Zaung nichts angekommen. Dabei liegt die kleine Stadt nur ein paar Stunden von der Metropole Rangun entfernt. Während dort Glücksritter Geschäfte machen, Japaner und Chinesen um die Jade- und Kupfervorkommen pokern, während eine Pipeline das Land durchschneidet, um Gas vom Golf von Bengalen bis ins ferne chinesische Yunnan zu bringen, ist hier bei den Reisbauern am Fluss von der politischen und wirtschaftlichen Öffnung des Landes der vergangenen Jahre nichts zu spüren. Hier gibt es, außer Reis, nichts zu holen.
Kyat Pha Mwe Zaung, fast achttausend Menschen, hat einen Bürgermeister, einen Dorfrat, ein paar Leute, die dann und wann der Regierung berichten und einen, der die Menschen führt. Es ist Asin Ottama, der Abt des Klosters Bala Thykha. Asin Ottama ist hier groß geworden. Später schickte sein Abt ihn für vierzehn Jahre in die damalige Hauptstadt, in die besten Klöster Ranguns, um den Buddhismus zu studieren. Als er vor gut zwanzig Jahren wieder zurückkehrte, brachte er dem Dorf mehr als die heiligen Lehren: Er konnte mit dem Computer umgehen, rechnen und schreiben, und er lebte nicht, wie die anderen, in den Tag hinein, sondern blickt voraus.
Die Ausländer brachten das Licht
Dass dieser Flecken sich so verblüffend schnell erholen konnte von der Jahrhundertkatastrophe, ist ohne Asin Ottama nicht zu verstehen. Aus einem alten Karton im Regal kramt der Abt in Plastik eingeschweißte Fotos seines Dorfes hervor, aufgenommen am Tag nach dem Sturm, dem 3. Mai 2008. Die Häuser liegen flach. Einer der beiden Stupas fehlt die goldene Spitze. Das alte Kloster ist zusammengedrückt. „Alles war zerschlagen und kaputt. Da rief ich der Gemeinde zu: Es bringt doch nichts, jetzt rumzusitzen und zu trauern. Wir fangen mit dem Wiederaufbau an. Und das nicht erst morgen, sondern heute“, erinnert er sich. Die Dorfgemeinschaft, die in jener Nacht acht Menschen verlor, folgte ihrem Mönch.
Die Militärregierung Burmas war in jenen Tagen hoffnungslos überfordert, ausländische Helfer wurden nicht ins Land gelassen, die Katastrophe überzog riesige Gebiete. Allein hätten die Menschen den Wiederaufbau nicht geschafft. Als sie merkten, wie überfordert alle waren, ließen die Militärs und Minister aber doch ein paar Vertraute ins Delta: Deutsche, die seit Jahrzehnten von Rangun aus in der Schifffahrtsbranche tätig sind. Sie brachten Essen, Geld, Ideen. „Niemand hat sich damals um uns gekümmert. Alles, was uns geholfen hat, haben die Ausländer gebracht“, erzählt ein Dorfbewohner. Und am Ende brachten sie auch etwas mit ins Dorf, was sich im Rückblick wohl als die Hauptsache herausstellte: Die Ausländer brachten das Licht nach Kyat Pha Mwe Zaung.
Heute sieht Kyat Pha Mwe Zaung besser aus als vor der Katastrophe. Längst sind die Trümmer weggeräumt, und aus den Balken und Planken der zerstörten Häuser haben sie neue Hütten gebaut, die nun so bunt gescheckt dastehen, als hätte ein Designer aus dem Westen sie aus Treibholz zimmern lassen. Das große Dorf, ganz unten im Delta des Irrawaddy gelegen, hat sich aber nicht nur baulich verändert. Vor einigen Häusern hängen nun einfache, tragbare Solarleuchten. Wenn es dunkel wird, sieht man ihr helles Licht in jedem dritten Haus leuchten. Für die Stadt ist das eine technische Revolution.
Sie fördern klammheimlich eine kapitalistische Denkweise
„Klar wusste ich, dass man mit Sonne Energie erzeugen kann“, sagt der Abt. Auf BBC habe er davon im Fernsehen gehört. „Wird nicht auch die Raumstation mit Sonnenenergie betrieben“, fragt er dann, und lacht ein breites Lachen. Wieder aber brauchte der Abt fremde Hilfe: Jürgen Gessner erreichte das entlegene Dorf auf den Spuren der vielen Helfer. Gessner war lange Jahre zuvor erfolgreicher Immobilienentwickler, ein Förderer der „Tafeln“, die Hungrige in Deutschland mit Essen versorgen, er ist inzwischen die treibende Kraft der privaten „Stiftung Life“.
Gessner brachte das Licht nach Kyat Pha Mwe Zaung. Er fördert die Armen von Afrika bis Asien auch dadurch, dass er ihren Dörfern Solarlampen zur Verfügung stellt. „Bis die Lampe im Dorf brennt, kostet das die Stiftung umgerechnet rund 30 Euro“, sagt der Münchner. Jeder im Dorf kann dann ein Solarpanel und eine Lampe mit Akku aus chinesischer Fertigung für 1500 Kyat (1,28 Euro) im Monat mieten. Ein gewählter „Solar-Man“ im Dorf achtet darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht, dass jeder zahlt, genügend Ersatzteile bereitliegen. Ein Teil der Einnahmen wird gespart, um für Ersatz und Reparaturen der inzwischen gut 1200 Lampen in Kyat Pha Mwe Zaung zu sorgen.
So bringen die Lampen mehr als Licht. Sie fördern klammheimlich so etwas wie kapitalistische Denkweise. Sie bringen einen Kreislauf von Sparen und Investieren in Gang. Der Löwenanteil des Geldes fließt auf ein Sparbuch. Stolz zeigt der Bürgermeister U Myint Ky das blaue Büchlein: 8.278.666 Kyat haben sich schon in den ersten Monaten angesammelt. Was werden seine Eigentümer damit machen? Eine neue Brücke könnten sie gebrauchen, Dieselgeneratoren, vielleicht ein Boot mit starkem Motor, um schneller die Stadt zu erreichen. „Aber nein“, sagt der Bürgermeister nach kurzem Nachdenken.
„Seit wir Licht haben, ist unser Leben ganz anders geworden“
„Wir wollen es nehmen, um von nun an die Begräbnisse für die Armen kostenlos abhalten zu können.“ Die Leute nicken. Mit den Lampen hat sich auch das Dorfleben geändert. Nun herrscht hier nicht mehr die Ruhe, die früher nur das Bellen der Hunde nach Einbruch der Dunkelheit unterbrach. Zwar sind die Gassen weiterhin dunkel. Doch nicht mehr die Häuser. „Jetzt können meine fünf Kinder auch abends noch Schularbeiten machen“, sagt Htwe Kyi. Auch sie ist bettelarm. Ihre Solarlampe, deren Miete sie sich vom Munde abspart, ist mit dem Panel auf dem Palmdach ihrer Hütte verbunden. Das liegt bläulich-schimmernd auf den verblichenen Blättern, als wäre es aus einer fernen Galaxie ins Mittelalter gefallen.
Lernen die Kinder nun nicht im weißlichen Schein des Lichtes, so sitzt Htwe Kyi jetzt nachts an ihrer alten Singer-Nähmaschine und näht Hosen für die Nachbarn. Und ihr Mann verdingt sich auf den nahen Feldern. In der Erntezeit kann er die Lampe mit aufs Feld nehmen, und auch spät abends noch arbeiten. Muss er morgens früh heraus, wärmt ihm Htwe Kyi nun um vier Uhr seine Mohinga im gleißenden Licht. Es wird mehr gearbeitet seit der Naturkatastrophe. Als die Lichter angingen, setzte ein kleines Wirtschaftswunder in Kyat Pha Mwe Zaung ein. „Seit wir Licht haben, ist unser Leben ganz anders geworden“, erzählt die 42 Jahre alte Htwe Kyi.
Auch die ehemaligen Skeptiker schwärmen
Auch gesünder. „Das Kerosin der Lampe, die wir vorher hatten, hat die ganz Hütte verpestet mit seinem Gestank“, sagt Kyi. Auch Kerzen waren keine Lösung. „Sie kosten jetzt schon 100 Kyat pro Stück, brennen aber in einer Stunde nieder“, sagt sie. „Und oft sind die Hütten hier abgebrannt, wenn Stoffe oder Palmblätter Feuer fingen.“ Also schwärmt sie heute von den modernen Lampen aus China. Und doch war sie zuerst so skeptisch. Als die Lampen kamen, rief der Bürgermeister alle zu einer Versammlung ein. „Ich habe es nicht geglaubt. Dass die Sonne Strom macht, und wir nichts für den Verbrauch zahlen sollen? Keiner hat das hier geglaubt.“
Der Abt will, dass es nun weitergeht in Kyat Pha Mwe Zaung. Deshalb baut er die Klosterschule aus. Er sorgt auch dafür, dass jeder im Dorf lesen kann, dass die Hygiene besser wird, die Wasserversorgung der Menschen hier im Schwemmland des Flusses. Die deutschen Helfer brachten neben den Leuchten eine Krankenstation und drei Schulen, mit Toiletten und Computerräumen, auch wenn es hier kein Internet gibt. Dreihunderttausend Euro Spendengelder steckten Helfer aus dem Westen bislang in den Wiederaufbau. Sie stifteten auch die goldene Spitze der einen Pagode von Bala Thykha - sie glänzt heute heller als die andere, die alte. „Ohne die Spendengelder und die Ratschläge hätten wir aufgegeben“, sagt der Abt Asin Ottama.
„Ohne Asin Ottama wäre hier nichts vorangegangen“, sagen die Deutschen. Kommen sie heute zu Besuch, um nach dem Fortgang der Arbeiten zu schauen, fährt das Dorf seine besten Speisen auf. Förderer Gessner sieht einen weiteren Vorteil des Lampenprojektes: Die Dörfler fühlten sich nicht mehr als Empfänger, da sie Miete zahlten für ihre Lampen. Mit ihm lobt auch der Abt die pädagogischen Nebeneffekte des Projekts: „Ganz nebenbei erzieht das System des Verleihens der Lampen unsere Menschen auch dazu, zu sparen und zugleich eigenständige Entscheidungen über den Einsatz ihres Geldes zu fällen.“
Das alles ist Htwe Kyi egal. Sie kann nicht rechnen, nicht schreiben, das abstrakte Denken des Abtes, das fern an das schwäbisch-protestantische Arbeitsethos erinnert, ist ihr fremd. Aufschwung misst sie an ein paar Schüsseln mehr Reis. Eines aber will sie erreichen: „Meine Kinder sollen nicht mehr nähen müssen. Ich will, dass sie die Schule schaffen. Deshalb ist es wichtig, dass sie jetzt abends lesen können.“ Die fünf Kinder stehen verlegen, aber kerzengerade hinter der Mutter. Die Ankunft des Lichtes bedeutet für sie nun die Pflicht, etwas aus sich zu machen. Gerne würde Htwe Kyi noch eine zweite Lampe leihen. „Mein Mann und ich verdienen im Monat knapp 50000 Kyat“, sagt sie. „Da sitzt das einfach nicht drin.“
Vier Jahre nach der Katastrophe steht Kyat Pha Mwe Zaung damit so gut da wie nie zuvor. Es ist wie in einer griechischen Tragödie: Bevor die Dörfler die Sonne anzapften, mussten sie unter dem Zyklon Nargis ihre Katharsis durchleiden. Dann kam der Deus-ex-Machina in Gestalt des hageren Helfers aus München, der ihnen das Licht brachte. Vergessen sind Schrecken und Schauder nicht; die Menschen haben bis heute Angst, wenn der Wind zulegt, leiden unter Albträumen der Zerstörung. Und doch wissen sie, dass ihr Dorf erst durch die Katastrophe seine Chance bekam. „Vielleicht“, sagt der Bürgermeister, „musste es erst so schlimm kommen, bevor es besser wird.“
Der Blick nach vorne
Seitdem das Licht da ist, genügt es den Leuten nicht mehr, dass nun alles ein wenig schöner ist als vor der Katastrophe. Auch der Abt begnügt sich nicht mit Wiederaufbau. Er blickt nach vorn. Jetzt, wo abends Licht brennt in den Hütten entlang der Sandpfade, träumt Asin Ottama vom dritten Entwicklungsschritt seines Dorfes. Während er auf dem hölzernen Podium des Versammlungsraumes seines Klosters sitzt, ein Computer ohne Strom hinter ihm steht, die Kinder im Fluss spielen und die Eltern das Korn aus dem dürren Getreide schlagen, hat der Mönch eine Vision.
Sie bräuchten hier mehr „private Geschäftsleute“, wünscht er sich: „Zwei Jahre gab es keine Ernte, die Ersparnisse waren weg, die Häuser zerstört. Dann haben wir die Lampen bekommen. Ein neues Leben begann. Jetzt müssen wir doch etwas daraus machen.“ Nun hat er das Wirtschaftswachstum entdeckt. „Ich will, dass alle hier in fünf Jahren 15 Prozent mehr Einkommen haben“, sagt der Abt wie ein Manager.
Nun kommen schon viele Menschen aus den anderen Dörfern des Deltas nach Kyat Pha Mwe Zaung, um zu schauen, ob die Sache mit dem Licht aus der Sonne, mit dem Sparen und Investieren wirklich funktioniert. „In ein paar Jahren wird es hier ganz anders aussehen“, sagt Asin Ottama. Noch mehr Lampen. Kostenlose Begräbnisse. Schnellere Boote, erste Reishändler. Und Häuser, die der Sturm nicht mehr umweht, wenn sich der Himmel über Burma am Abend rot färbt.
Der Text ist ein erweiterter Auszug aus dem Buch „Burma - Myanmar. Der steinige Weg zur Freiheit“, das in diesen Tagen im Picus-Verlag erscheint.
