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Burgen in der ehemaligen DDR Die Schlossretter

 ·  Hunderte von Burgen, Schlössern und Herrenhäusern in der einstigen DDR drohen endgültig zu verfallen. Es gibt zwar Heimkehrer und Idealisten, die sie retten wollen. Das aber kostet viel Geld und Nerven.

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© Lüdecke, Matthias

Als die Familie von Below das erste Mal nach der Wende nach Sachsen fährt, um ihre einstige Burg Döben zu suchen, findet sie hoch auf dem Berg nur noch Geröllhaufen und Mauerreste, alles von Gras überwuchert. Näher an der Straße stehen bröckelige Ruinen ehemaliger Wirtschaftsgebäude. Zwischen den Mauern wachsen Bäume, überall blüht Unkraut, unten im Tal schlängelt sich der Mulde-Fluss. Von der stolzen Burg Döben bei Grimma, die schon zu Kaiser Barbarossas Zeiten eine wichtige Befestigung war, ist nichts mehr übrig. Die DDR-Behörden haben sie 1971 sprengen lassen. Offizielle Begründung: Das heruntergekommene Schloss am Hang sei ein Sicherheitsrisiko. Inoffiziell war klar, dass hier ein Symbol der Feudalzeit verschwinden sollte.

Hubertus von Below wollte sich mit diesem Ende der Geschichte nicht abfinden. Der Augenarzt mit dem festen Händedruck stammt eigentlich aus Kiel. Zur Wende-Zeit arbeitete er an einer Klinik in London. Doch die Erzählungen seiner Tante vom ehemaligen Schloss Döben ließen ihn nicht los. Also zog er mit Frau und Kindern nach Sachsen und begann den Wiederaufbau jener Anlage, die seinen Verwandten bis zur Enteignung 1945 gehörte. 330000 Mark mussten sie dem Staat zahlen, um das Eigentum an dem Ruinengelände wiederzuerlangen. Diese Summe war bloß ein kleiner Anfang. Insgesamt hat die Familie 4,3 Millionen Euro in den Wiederaufbau investiert, etwas mehr als 10 Prozent davon erhielt sie als staatliche Fördermittel.

Mauern und Burggräben ausbuddeln

Insgesamt acht historische Häuser hat Below auf dem Gelände wieder aufgebaut. Angefangen haben sie mit der ehemaligen Brauerei, deren Uhrturm aus dem sechzehnten Jahrhundert originalgetreu rekonstruiert wurde. Eine alte Malztenne haben die Belows zum Wohnhaus umgebaut, dort leben sie mit ihren vier Kindern. Im Eselstall hat ein Nachbar eine Heimatstube eingerichtet. Die hässlichen Schweineställe der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) aus DDR-Zeiten sind abgerissen. Der malerische Park mit Rosenstöcken und Blick ins Tal ist für die Öffentlichkeit geöffnet.

So ist das Schloss ein kleines kulturelles Zentrum geworden. Dorothea von Below lädt regelmäßig Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein. Im Brauereigebäude finden Konzerte und Kabarettabende statt. Jeden Sommer kommen Gruppen von Schülern und buddeln mit Denkmalschützern Mauern und Burggräben aus. Das Dorf, in dem es kaum noch Kinder gab, ist wieder aufgeblüht. Allein in den sanierten und rekonstruierten Gebäuden der Belows leben neun Familien, 17 Kinder sind hier inzwischen aufgewachsen. „Operation geglückt, der Patient wurde wiederbelebt“, sagt Dorothea von Below. „Das ist meine größte Freude.“

Zuvor schon haben sie in den neunziger Jahren in Grimma einen Ruderverein und eine evangelische Schule gegründet. In seiner Klinik und für die Schlossarbeiten beschäftigt Below zwölf Menschen. „Wir dachten: Wer kann etwas dagegen haben, dass wir hier etwas aufbauen?“ Doch nicht allen gefiel es, dass hier ein Macher auftauchte, der das Schloss wiederbelebte. Kurz vor Ostern 2004 brach in der Brauerei in der Nacht ein Feuer aus. Sie brannte bis auf die Grundmauern ab. „Es gab drei Brandherde, und es wurde brennbare Flüssigkeit gefunden“, sagt Below. Er ist überzeugt, dass es Brandstiftung war. „Das Tragische war, wir hatten das Gebäude gerade fertig saniert. Aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen und alles noch mal aufgebaut.“

Fast ein Drittel der Ackerfläche neu verteilt

Im Unterbewusstsein sitzt noch die jahrzehntelange Propaganda der DDR gegen „die Junker“, gegen die nach dem Krieg so erbarmungslos vorgegangen wurde. „Rottet dieses Unkraut aus!“, stand auf dem Plakat, mit dem die Kommunisten in der Sowjetischen Besatzungszone die Enteignung und Entrechtung rechtfertigten. „Junkerland in Bauernhand“, lautete die Losung für die „demokratische Bodenreform“. Neben den Adeligen verloren auch alle anderen Bauern mit mehr als 100 Hektar Land ihren Besitz. Fast ein Drittel der Acker- und Forstfläche in Mitteldeutschland wurde neu verteilt und später in LPGs eingegliedert. Auch Zehntausende von Industriebetrieben nahm sich die DDR. Gutshäuser und Schlösser gab sie vielerorts bewusst dem Verfall preis. „Praktisch der gesamte unternehmerische Mittelstand wurde in der DDR nach und nach ausgemerzt“, sagt Below.

Der Schmerz, dass die SBZ-Enteignungen der Jahre 1945 bis 1949 anders als die Enteignungen der DDR von der Bundesrepublik nicht rückgängig gemacht wurden, treibt viele Alteigentümer bis heute um. „Das Unrecht bleibt bestehen“, sagt Manfred Graf von Schwerin. Der pensionierte Jurist und Werbefachmann baut in Plänitz bei Neustadt, einem Ort in Nordbrandenburg, in einem Gutshaus ein Dokumentationsarchiv auf. Ganz in der Nähe, in Kyritz, verkündete KPD-Chef Pieck am 2. September 1945 die Pläne zur „Bodenreform“. Berichte von fast tausend enteigneten und vertriebenen Familien haben der Graf und seine Mitstreiter gesammelt. Schwerin spricht hastig, wenn er vom endlosen Ringen mit der bundesdeutschen Politik und den Gerichten erzählt. Er kämpft dafür, den Alteigentümern jenes Land und jene Häuser zurückzugeben, die noch in Staatsbesitz sind. Die Regierung Helmut Kohl entschied aber, die SBZ-Enteignungen nicht anzutasten, da Russland dies zur Bedingung für die Wiedervereinigung gemacht habe. Allerdings dementierte Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion, dass es eine solche Bedingung gegeben habe.

Einer der Betroffenen ist Marc von Polier. Der hochgewachsene Herr mit weißem Haar spricht mit ruhiger Stimme: „Die Bundesrepublik ist ein Hehlerstaat“, sagt er, „denn er verkauft geklautes Gut.“ Er lächelt, doch es ist ein bitteres Lächeln. Zwölf Jahre war er alt, als die Rote Armee sich dem Gut Samow, 40 Kilometer östlich von Rostock, näherte. Die Familie floh, Polier wuchs in Holstein auf. Dort half er im neuen landwirtschaftlichen Betrieb. Die Sommer verbrachte er auf dem Mähdrescher. Nach einem BWL-Studium arbeitete er dreißig Jahre lang als Manager in Frankreich.

Als die DDR zusammenbrach, packte ihn das Heimweh. „Meine Pariser Freunde haben gesagt: Du bist verrückt, wenn du nach Mecklenburg gehst, doch ich wollte nach Hause.“ Dunkelbraun und düster war die Fassade des klassizistischen Hauses. Überall bröckelte der Putz, der Wind pfiff durch zerbrochene Fenster, durchs Dach tropfte Regen. „Meine Mutter ist fast krank geworden, so verlottert war das in diesem kommunistischen Paradies.“ Die DDR hatte nacheinander einen Kaufladen, eine Bücherei und einen Kindergarten im Gutshaus betrieben. 1990 gab es nur noch zwei Kinder.

Die Einwohnerzahl seit der Wende halbiert

Polier war entschlossen, das Haus zu retten. Zähneknirschend zahlte er der Treuhand einen fünfstelligen Betrag für den Rückkauf. Dann krempelte er die Ärmel hoch. Der Graf ist handwerklich begabt, er hat als junger Mann eine Schlosserlehre gemacht. Mit fünf Helfern kaufte er Baumaterial, verlegte Kabel und Rohre, verputzte und strich die Wände in dem tausend Quadratmeter großen Haus. Jetzt leuchten sie in einem fröhlichen Gelb. Im zugewucherten Park waren zwölf ABM-Kräfte zwei Jahre lang mit Aufräumen beschäftigt. Auf etwa eine Million Euro schätzt Polier seine Investitionen.

Heute strahlt das Gut Samow wie in seinen besten Zeiten. Im einen Teil des Hauses lebt Polier inmitten seiner Bücher. Im Rest des Herrenhauses und in Nebengebäuden sind Ferienzimmer mit 45 Betten eingerichtet. Hinten im Eingangssaal steht eine Holzfigur mit türkischem Fez und hält ein Tablett. „Mein einziger Diener“, sagt Polier schmunzelnd. Im Jagdzimmer hängen mächtige Hirschgeweihe, die Böden sind mit Teppichen ausgelegt. An den Abenden sitzen hier Gäste mit einem Glas Rotwein am Kamin. Kaum einer weiß, dass 1945 Hunderte Flüchtlinge im Haus lebten - „sie starben wie die Fliegen“, erzählt Polier. Von diesen Schrecken ist nichts mehr zu spüren. Auf Gut Samow werden heute Hochzeiten gefeiert, für die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern kommen Musiker sogar aus Amerika. Das bringt Leben in den verschlafenen Ort. Seit der Wende ist die Zahl der Einwohner von 140 auf 70 geschrumpft. Man sieht kaum einen, als der Graf mit seinem alten japanischen Geländewagen, der nach Heu und Hund riecht, über die Straße rumpelt.

Im strukturschwachen Nordosten der Republik gibt es eine einzigartige Dichte an Schlössern und Herrenhäusern, mehr als 2000 schätzen Fachleute. Doch nirgendwo sonst sind so viele vom Verfall bedroht. Das bauliche Erbe bröselt, bis es nicht mehr zu retten ist. „Von den gut tausend denkmalgeschützten Schlössern und Herrenhäusern sind 250 akut gefährdet“, sagt Michael Bednorz, Leiter des Landesamts für Denkmalpflege in Schwerin. „Es kümmert sich niemand darum.“ Viele Häuser kamen nach 1990 in die falschen Hände: Spekulanten und Glücksritter haben sich finanziell verhoben. Nun verkommen sie zu Geisterschlössern. Der Denkmalschützer klingt verzweifelt. Auf die Alteigentümer angesprochen, die Familiengüter zurückkaufen, ist Bednorz aber des Lobes voll. „Da kenne ich viele Glücksfälle.“

Hochzeiten und Konzerte

Ein solcher ist Detlef von der Lühe. Einen abenteuerlichen Weg über vier Kontinente hatte er hinter sich, bevor er in die ostelbische Heimat seiner Vorfahren zog. Geboren in Ostafrika, hat er nach dem Krieg in Bremen Abitur gemacht, dann in Südamerika, Florida und Afrika gearbeitet. Drei Jahrzehnte lebt er dann in Asien, hat für Kaffeefilter von Melitta neue Märkte erobert und eine Unternehmensberatung in Hongkong aufgebaut. Die Enkel sprechen chinesisch. Trotz aller Erfolge blieb ihm eine Sehnsucht: „Ich war nirgends wirklich zu Hause“, erzählt von der Lühe. „Ich wusste nicht, wo ich einmal begraben werden sollte. Aber wenn ich gefragt wurde, habe ich immer gesagt: Ich bin Mecklenburger.“ Tatsächlich gehört die Familie zu den ältesten Geschlechtern, die mit Heinrich dem Löwen vor mehr als 800 Jahren in die Gegend nördlich der Elbe vorstießen.

Kurz nach der Wende spürte er das Stammhaus seiner Familie auf: Schloss Kölzow. Was sich seinen Augen bot, war deprimierend. „Die Eingänge und Türen waren zugemauert, die Gemeinde war wohl bereit, das Schloss abzureißen.“ In der späten DDR-Zeit hatte ein Jugendklub das klassizistische Gebäude benutzt. Der acht Hektar große Park verkam als Müllkippe. Im Schlossteich fand man später einen Trabi. „Die Gemeinde ließ das Haus verfallen, bald wäre es eingestürzt.“ Doch der Unternehmer ließ sich von der Sanierungsaufgabe nicht abschrecken - und hat das Schlösschen in ein schmuckes Hotel umgebaut. Er organisiert Konzerte, Jäger und Wanderer schätzen die Gegend. Große Hochzeiten kann man im Schloss feiern. Beliebt dafür ist der Platz unter der großen Hängebuche im Park, zudem gibt es eine Kirche mit Fresken aus dem dreizehnten Jahrhundert. Im Treppenhaus und im Esszimmer hängen die Porträts der Vorfahren.

„Lange gebraucht, um auf eine schwarze Null zu kommen“

Doch wenn von der Lühe davon spricht, er habe das Schloss „fast in den Originalzustand“ zurückgebaut, dann stimmt das nicht ganz. Denn Teile der Einrichtung stammen aus China. Nicht nur die geschnitzten hölzernen Stühle und die schmiedeeisernen Betten hat er dort fertigen lassen, sondern auch die Marmorkamine. Die kosten nur 280 Euro - und unterscheiden sich kaum von edlen Stücken aus Ferrara-Marmor. Auch die beiden Löwen an der Außentreppe lächeln asiatisch. Trotz aller Kostendisziplin hat von der Lühe aber drei Millionen Euro in sein Hotel gesteckt. „Wir haben lange gebraucht, um auf eine schwarze Null zu kommen“, sagt er. Aber Geld verdienen wollte er ja nicht primär, sondern seine Heimat wiedergewinnen.

Höchst unterschiedlich sind die Motive der Menschen, die alte Herrenhäuser kaufen. „Viele sind Träumer, die der Zauber der Schlösser gefangennimmt“, sagt Wulf Brandes, Vorsitzender des Vereins privater Denkmalbesitzer in Sachsen. 60 Mitglieder hat der Verein, die Hälfte sind Adelige, die andere Hälfte Bürgerliche und Künstler, so wie er und seine Frau, die Schloss Beucha nahe Leipzig gekauft haben. Zehn Jahre Schufterei brauchte es, bis der verfallene Landsitz aus dem neunzehnten Jahrhundert wieder bewohnbar war. Jetzt ist es ein elegantes großes Haus, mit Musikzimmer, Bibliothek und Ateliers. „90 Prozent haben wir selbst gemacht“, erzählt Jana Klinger-Brandes, die ein Buch über „Schlossmenschen“ geschrieben hat. Eine Million Euro müsse man mindestens investieren, so ihre Erfahrung. Lachend verrät sie noch einen Tipp für jene, die sich auf das Abenteuer Schlosssanierung einlassen. „Suchen Sie sich einen guten Orthopäden und einen Psychologen.“ An manchen Wintertagen saßen sie im kalten Schloss und hatten schwere Stunden.

Der Finanzbedarf, um alle verfallenden Schlösser und Herrenhäuser zwischen Ostsee und Elbe zu retten, wird auf einen höheren einstelligen Milliardenbetrag geschätzt. Den Alteigentümern wurde die Rückkehr erschwert, opferbereite Idealisten sind selten. Und doch gibt es sie: „Wir wollen darauf hinarbeiten, dass in zweihundert Jahren die Burg Döben wieder steht“, sagt Hubertus von Below, während er zwischen den Steinhaufen herumklettert. „Quatsch“, erwidert lachend seine Frau, „so weit kommt es nicht, wir wollen nur erhalten, was zu erhalten ist.“

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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