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Besetzung des EZB-Direktoriums Vier Frauen für die EZB

 ·  Männer regieren die Zentralbank. Das wäre nicht nötig: Lucrezia Reichlin, Beatrice Weder di Mauro, Hélène Rey und Anne Sibert wären nur einige Kandidatinnen für einen Posten im EZB-Direktorium.

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© dpa Vergrößern Männer unter sich: Das Direktorium der Europäischen Zentralbank im Mai in Barcelona

Das Europäische Parlament hat es getan. Erstmals in seiner Geschichte hat es am vergangenen Donnerstag den designierten Kandidaten für einen Posten für die Europäische Zentralbank (EZB) abgelehnt. Yves Mersch heißt der Unglückliche - ein Luxemburger, der Mitglied im Direktorium der EZB werden soll. Gründe für die Zurückweisung gibt es mehrere. Einer aber ist spektakulär: Das Parlament war empört, dass schon wieder ein Mann den EZB-Posten bekommen soll. Und das, obwohl im gesamten EZB-Rat schon jetzt keine einzige Frau mehr sitzt - bei 23 Mitgliedern.

Das liegt nicht daran, dass es keine qualifizierten Kandidatinnen gäbe, finden viele Ökonomen. Die F.A.S. hat sich deshalb auf die Suche gemacht und 15 renommierte Forscher gefragt, welche Frauen sie für klug und tough genug halten, ins EZB-Direktorium einzuziehen. Die meisten haben schnell und begeistert geantwortet. Nach wenigen Stunden standen auf unserer Liste 20 Namen.

Mit Abstand am häufigsten genannt wurde Lucrezia Reichlin. Die Italienerin war schon einmal bei der EZB - als erste Frau, die die Forschungsabteilung leitete. Vorher hat sie bei der amerikanischen Notenbank Fed ein Modell zur Kurzzeit-Prognose entwickelt, das heute die meisten Zentralbanken der Welt verwenden. Die Finanzkrise des Jahres 2007 konnte sie damit aber auch nicht vorhersagen, gibt sie zu. 2008 verließ sie die EZB, um Professorin an der London Business School zu werden. Sie befürwortet die Bankenunion und eine stärkere gemeinsame Fiskalpolitik in Europa.

Den Deutschen dürfte eine andere Kandidatin bekannter sein: Beatrice Weder di Mauro. Sie war die erste Frau im „Rat der Weisen“, dem Wirtschaftsberatergremium der Bundesregierung. Im Februar dieses Jahres hat sie den Rat jedoch nach acht Jahren verlassen, um in den Verwaltungsrat der Schweizer Großbank UBS einzuziehen. Sie ist Expertin für die Bankenwelt, hat zu Finanzmärkten und Bankenkrisen geforscht. Zudem ist sie vielen europäischen Ländern verbunden. Sie hat die Schweizer und die italienische Staatsbürgerschaft, hat aber in Deutschland Karriere gemacht, wo sie immer noch Professorin in Mainz ist. Ob sie allerdings wegen der jüngsten Jobwechsel überhaupt verfügbar wäre, ist fraglich.

Auch der Name einer Französin fällt gleich mehrfach. Hélène Rey ist Professorin an der London Business School, vorher lehrte sie in Princeton. Sie forscht zu Finanzmärkten und in internationaler Makroökonomie. Zudem ist sie seit 2010 Mitglied im Gremium, das den französischen Premierminister in Wirtschaftsfragen berät. Gemeinsam mit einer Kommission, der auch so bekannte Ökonomen wie Carmen Reinhart und Barry Eichengreen angehören, schrieb sie 2011 einen Bericht mit dem Titel „Zentralbanking neu denken“. Darin empfahl sie den Notenbanken der Welt, die Geldpolitik und Finanzaufsicht international zu koordinieren.

Wem diese drei Frauen zu wenig sind, dem mag noch eine vierte ans Herz gelegt werden. Anne Sibert ist Amerikanerin mit britischem Pass und Ökonomie-Professorin am Birkbeck College der Londoner Universität. Sie forscht insbesondere zu Zentralbankdesign und den Folgen der europäischen Währungsunion. Sie dürfte allerdings aufgrund ihrer Nationalität wenig Chancen haben. Großbritannien ist zwar auch Mitglied im erweiterten Rat der EZB, aber kein Mitglied des Euroraums - und damit außen vor, wenn es um die Besetzung von Posten geht, die in der Euro-Krise von besonderer Bedeutung sind. Allerdings war Sibert auch schon drei Jahre lang Mitglied im Ausschuss für Geldpolitik der Zentralbank von Island, ohne Isländerin zu sein.

In der EZB war es bisher allerdings vor allem wichtig, welche Nationalitäten in den Gremien sitzen. Deshalb kann man jetzt überlegen, ob eine Italienerin überhaupt eine Chance hat (EZB-Chef Mario Draghi ist ja schon Italiener) oder eine Französin (da gibt es ja schon Benoît Coeuré). Doch eines ist klar: Das Europäische Parlament kann in dieser Frage nichts bestimmen. Allerdings könnte es die Entscheidungsträger im Europäischen Rat nachdenklich machen. Und wenn die eine Frau wollen, dann kommt eine - und wenn zur Not jemand anderes weichen muss. Das hat bei Draghis Berufung zum Präsidenten auch schon geklappt: Damals musste das italienische Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi ausscheiden.

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27.10.2012, 19:22 Uhr

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