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Bernie Ecclestone Der allmächtige Formel-I-Boss

 ·  Bernie Ecclestone ist ein harter Knochen. Feinde umzingeln ihn. Zu Fall bringen konnte ihn noch keiner. Jetzt wird es eng.

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© Imago Bernie Ecclestone

Am gestrigen Samstag spaziert Bernie Ecclestone durchs Fahrerlager in Valencia, glattrasiert wie stets, das Funkgerät in der Hand für die nächste Verkündigung. Doch diesmal schweigt der allmächtige Formel-1-Boss - kein Satz über Sorgen, er müsse bald hinter bayerische Gitter.

Mehr noch als das Rennen interessiert dessen 81 Jahre alter Impresario, der ein Faible für junge Frauen hat und sein Monopol: Seit vierzig Jahren handelt Ecclestone als Formel-I-Organisator per Handschlag die Verträge mit aktuell 12 Formel-I-Teams aus, mit noch mehr Rennveranstaltern, einigen Autokonzernen, Sponsoren, 100 Fernsehsendern aus allen Winkeln der Welt.

Eh alles Lug und Trug

Ginge es nach dem Rechtsempfinden vieler, müsste der Mann am heutigen Sonntag nicht in seinem gigantischen Bus sitzen, sondern in München in Untersuchungshaft. Das Geständnis des ehemaligen bayerischen Landesbankers Gerhard Gribkowsky am vergangenen Mittwoch in München mit der sensationellen Aussage, Ecclestone habe ihn bestochen, ist ein Paukenschlag, der dem Formel-I-König zum Verhängnis werden kann.

Gribkowskys Strafmaß wird diese Woche verkündet. Gegen Ecclestone ermittelt die Münchener Staatsanwaltschaft schon seit dem vergangenen Jahr, noch zögert sie, Haftbefehl zu erlassen, ist die Gefahr, sich bei der Jagd auf Ecclestone zu blamieren, doch groß.

Schließlich kokettiert der Mann seit jeh damit, in der Formel I sei eh alles Lug und Trug. Doch niemand hat ihm bisher etwas anhaben können: rachsüchtige Gefährten nicht, deren Karriere er beendet hat, mächtige Konzernbosse nicht, die als Teambesitzer bisher nur magere fünfzig Prozent der Formel-I-Einnahmen erhielten, ängstliche Politiker nicht, die Ecclestone wegen Milliarden-Schmiergeldern drankriegen wollten. Eine Million Pfund spendete Ecclestone der Labour Partei des britischen Premiers Tony Blair, wohl um ein Verbot von Tabakwerbung während der Rennen zu verhindern; dieser Tage wurde berichtet, Ecclestone habe den Konservativen Geld versprochen, wenn sie einen Rennsport-Freund aufstellten.

Ecclestone durfte ungestraft Hitler loben, der „Dinge geregelt gekriegt hat“, nahezu unwidersprochen trauerte er Saddam Hussein nach. Glaube keiner, solche Ausfälle seien nicht kalkuliert: Die Attitüde des Paten ist seit jeh Ecclestones Erfolgsprinzip, der aus ein paar Hinterhofschraubern der 70er Jahre ein Reich geformt hat, dessen Bewohner an den Herrscher wie in jedem Staat Steuern entrichten müssen, allerdings ohne Mitspracherecht und für Veranstalter wie die Hockenheimring GmbH in existenzbedrohender Höhe.

Er sei nicht wie die Mafia, sagte Ecclestone einmal, er sei die Mafia - und nährt so die Legende, die Formel I sei ohne den Paten nicht zu führen, so dass selbst jetzt kein Einziger im geschwätzigen Formel-I-Zirkus wagt, offen gegen den Beschuldigten Stellung zu beziehen.

„Handy, Aktentasche, Ende“

Der ehemalige Riksikovorstand der Bayern LB, Gerhard Gribkowsky, hat zugegeben, von Ecclestone 44 Millionen Dollar Schmiergeld angenommen zu haben. Der Banker war einer von Ecclestones Gegenspielern im Kampf um die Macht in der Formel I, dann wurde er zu dessen Komplizen. Bei einem Treffen in Ecclestones Londoner Büro in der feinen Adresse 6 Prince’s Gate habe dieser den Deutschen mit den Worten empfangen: „Ich erkläre dir jetzt mal, wie das Leben ist.“ Das war im Mai 2005. Dann begann jene Kumpanei, die Gribkowsky nun für mehrere Jahre ins Gefängnis bringt. Glaubt man Gribkowsky, dann ist das einträgliche Motorsportgeschäft „ein Schlangennest“, mittendrin Bernie Ecclestone, „der alles besitzt, um die Formel 1 zu betreiben“.

Gribkowsky war 2005 der Verhandlungsführer, als die Bayern LB ihre Anteile an der Formel 1 verkaufte, die sie aus dem untergegangenen Kirch-Imperium geerbt hatte und die sie schnell zu Geld machen wollte. „I create your value“, soll der Formel-1-Boss den Landesbanker erinnert haben - nur er, Ecclestone, schaffe den Wert. Oder vernichte ihn eben. Geschriebene Verträge gebe es entweder nicht, oder Ecclestone halte sich nicht daran. „Er ist kein Mann des Papiers“, sagte Gribkowsky. Ecclestones Büro? „Handy, Aktentasche, Ende.“

Immer am Drücker

Kommen die Verträge - etwa mit dem Fernsehen - doch zu Papier, zeige Ecclestone einen Hang zum Nachverhandeln, heißt es über den Paten, und auch Korruption ist laut Gribkowsky fester Bestandteil des Rennzirkus’. Heute weiß der Banker, dass es falsch war, sich auf Ecclestone einzulassen. Doch noch während seines Geständnisses stellte er sich eine Frage, die er auch in der Rückschau nicht genau beantworten kann: „Welchen Knopf hat der kleine Mann bei mir gedrückt, dass ich die Augen zugemacht habe?“

Am Drücker ist Ecclestone immer. Kaum waren die Korruptionsvorwürfe in der Welt, erhielten ausgewählte Journalisten einen von Ecclestones berühmten 30-Sekunden-Anrufen und notierten, der Pate sei sich keiner Schuld bewusst, auch wenn es „etwas blöd“ gewesen sei, Gribkowsky Geld zu zahlen - das Millionen geflossen sind, streitet Ecclestone nicht ab.

Er sieht sich allerdings als Opfer. Gribkowsky habe ihn bei den britischen Steuerbehörden anschwärzen wollen, deshalb habe er gezahlt. „Er hat mich erpresst, und ich wollte kein Risiko eingehen“, sagte Ecclestone vergangenen November vor Gericht - doch eigentlich sei er gar nicht zu erpressen. Ihm sei nur daran gelegen gewesen, Gribkowsky „friedlich, freundlich und ruhig“ zu halten, „damit er nicht auf dumme Gedanken kommt“ - der Banker habe Ecclestone angeblich an die britischen Steuerbehörden verpfeifen wollen. „Mehr als zwei Milliarden Pfund“ hätten für Ecclestone auf dem Spiel gestanden. Nicht einmal seine Armbanduhr wäre ihm geblieben.

Erst unabhängig, dann reich, dann ehrlich

Das Motto des Mannes, der sich nicht auf das Taschengeld von Mutter und Vater, einem ärmlichen Fischer, verlassen wollte und Kekse aufkaufte, die er dann als Monopolist auf dem Schulhof mit einem Preisaufschlag von 25 Prozent weitervertrieb, ist das eines Pokerspielers: das Beste machen aus dem Blatt auf der Hand. Ecclestones anderes Motto: „Erst unabhängig werden, dann reich und danach ehrlich.“

Ecclestone, dem ein sagenhaftes Gedächtnis und Rechentalent nachgesagt wird, verhökerte mit 16 Jahren Motorräder und später Sportwagen, auf denen kein Körnchen Staub lag, dafür ein saftiger Aufschlag zum Einkaufspreis. Früh wurde er vermögend und trat selbst als Rennfahrer an, kaufte sich später einen Rennstall. Abseits der Piste begriff er schnell, dass die Praxis der Teambesitzer, mit den Veranstaltern der Rennen jeweils eigene Verträge auszuhandeln, weniger lukrativ war als seine Idee: Fortan sprachen die Rennställe mit einer Stimme - Ecclestones.

Ecclestone bestimmt, wo Könige und Prinzen sitzen, Staatspräsidenten müssen sich vor seinem Wohnmobil gedulden, und Vorstandsvorsitzende von Dax-Konzernen, die ihre 300.000-Mitarbeiter-Unternehmen straff durchorganisiert haben, tanzen Polonaise durch Ecclestones undurchsichtiges Reich wie Daimler-Chef Jürgen Schrempp, der im Mercedes-Zelt vor Monacos Hafenmauer schunkelte. „Sie tun mit 60, was wir mit 20 gemacht haben“, kommentierte das ein Ecclestone-Freund einmal: Der Engländer verkauft Träume an die Vorstände. Die zogen Sponsoren mit und kauften 2500-Dollar-Karten für den Paddock-Club, in dem eine Ecclestone-Firma den VIPs Haute Cuisine und Massagen bietet.

Der heutige Daimler-Chef Dieter Zetsche lehnt zwar nicht in Lederjacke an der Boxenmauer, doch dass Mercedes im Krisenjahr 2009, während im Daimler-Werk in Sindelfingen kurzgearbeitet wurde, Altstar Michael Schumacher verpflichtete, hat nach Ansicht der Daimler-Aktionäre so wenig mit Rationalität zu tun wie Schrempps Eskapaden der 90er, wo die Silberpfeile wenigstens Titel holten - heute schaut eine Milliarde Menschen zu, wie Mercedes verliert.

Ecclestone macht mit seinem glamourösen Rennzirkus selbst kühle Rechner verrückt, bis zu ihrem Ausstieg verbrannten Toyota, Honda und BMW Milliarden. Dass Volkswagen seine Formel-I-Pläne begrub, soll weniger an den Vorständen gelegen haben als an Ferdinand Piëch, dem allmächtigen Aufsichtsratschef war Ecclestone seiner selbst wohl zu ähnlich. 2005 drohten die Autokonzerne zwar, eine eigene Rennserie zu gründen. Gribkowskys Bayern LB, die die Formel-I-Anteile aus dem Kirch-Vermögen überlassen bekommen hatte, brachte Ecclestone eine juristische Niederlagen bei, es hieß, der Pate verliere die Macht - doch der hatte sich durch sein verschachteltes Firmenimperium, dessen Konstruktion sich ständig ändert, unentbehrlich gemacht.

Ecclestone drohte halb im Scherz - mit einem Aschenbecher

Als die Wirtschaftsführer Ecclestone zu einem besseren Finanzausgleich zwingen wollten, tauchten Unterhändler in dessen Wohnmobil auf und redeten Tacheles. Daraufhin drohte Ecclestone halb im Scherz, sie mit einem Aschenbecher zu erschlagen. Den Widerstand der Konzerne brach Ecclestone am Ende mit Papier: Weil er wusste, dass die Formel I niemals ohne den legendären Rennstall Ferrari funktioniert, versprach er den Italienern 40 Millionen Dollar mehr. Ferrari scherte aus der Widerstands-Allianz der Konzerne aus, innerhalb eines Tages war diese passé, am gestrigen Samstag umarmt Ferrari-Chef Luca di Montezemolo auffallend herzlich. Auch das Red-Bull-Team des deutschen Weltmeisters Sebastian Vettel hat sich Ecclestone mit Sonderkonditionen gefügig gemacht.

Beobachter mutmaßen, so könnte er auch mit den Staatsanwälten verfahren, vor einer Anklage: ein Strafbefehl mit Bewährungsstrafe, ein paar Millionen Bußzahlung - und Ecclestone wäre weiter unbesiegt.

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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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