http://www.faz.net/-gqe-7bs6a

Bernanke-Nachfolge : Schreckgespenst Summers

Larry Summers Bild: AFP

Wer wird Nachfolger von Ben Bernanke auf dem Chefsessel der amerikanischen Notenbank? Amerikanische Medien ernennen den umstrittenen Harvard-Ökonomen Larry Summers zum Favoriten. Doch der Amerikaner gilt als nur eingeschränkt teamfähig.

          Wenn im Sommer in den Hauptstädten die Politiker in den Urlaub aufbrechen und die harten Nachrichten seltener werden, nehmen die Spekulationen zu. Ein bei amerikanischen Journalisten besonders beliebtes Objekt der Spekulationen ist in diesen Tagen der Wechsel in der Führung der amerikanischen Notenbank Fed, der in den ersten Monaten des kommenden Jahres stattfinden soll. Dann wird es den gegenwärtigen Vorsitzenden Ben Bernanke zurück an seine Heimatuniversität Princeton ziehen. Bisher verliefen die Nachfolgespekulationen der Journalisten eher träge, aber nunmehr sorgt das Gerücht für Aufregung, Larry Summers gelte mittlerweile als Favorit des Weißen Hauses für den Chefsessel im Gebäude der Fed.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Kaum ein führender amerikanischer Ökonom polarisiert so stark wie der 58 Jahre alte Summers. Es sind weniger die Ansichten des Harvard-Professors, die Anstoß erregen. Summers zählt zu den zahlreichen der Demokratischen Partei nahestehenden Ökonomen von der amerikanischen Ostküste, die einerseits Märkte zwar nicht immer für perfekt halten und Eingriffe zur Stabilisierung der Konjunktur befürworten, aber in ihrem Grundverständnis von Ökonomie ungleich marktwirtschaftlicher denken als viele europäische Ökonomen, die sich politisch der moderaten Linken zurechnen würden.

          Es sind auch nicht Zweifel an der fachlichen Qualifikation, die für Aufregung sorgen. Summers, ein Neffe der Nobelpreisträger Paul Samuelson und Kenneth Arrow, hatte schon als junger Wissenschaftler unter anderem auf dem Gebiet der Finanzmarktforschung für Aufsehen gesorgt. Zugleich verfügt er über reiche Erfahrung als Politikberater: Summers war in den neunziger Jahren als Chefökonom der Weltbank und als hochrangiger Mitarbeiter im amerikanischen Finanzministerium tätig. Zwischen 2009 und 2010 besaß er als führender Wirtschaftsberater Barack Obamas ein Büro im Weißen Haus.

          Abfällig empfundene Äußerungen über Frauen

          Nein, es ist die Persönlichkeit Summers’, die für Gesprächsstoff sorgt. Der Amerikaner gilt nicht nur als sehr schwierig im persönlichen Umgang und als nur eingeschränkt teamfähig. Vor einigen Jahren musste er die Präsidentschaft der renommierten Harvard-Universität unter anderem wegen als abfällig empfundener Äußerungen über Frauen niederlegen. Summers hat auch Kritik wegen enger Beziehungen zu Finanzunternehmen auf sich gezogen.

          In amerikanischen Medien werden aber auch Gründe genannt, die für Summers sprechen könnten. So soll er sich der Wertschätzung Obamas erfreuen, der angeblich in Summers’ Robustheit eher eine Stärke als eine Schwäche sieht. Summers gilt auch als Garant für eine Geldpolitik, die sich stark am Zustand des Arbeitsmarktes ausrichtet.

          Im Duell mit Janet Yellen

          Manche Beobachter sehen Summers in einem Duell mit der 66 Jahre alten Ökonomin Janet Yellen um den Vorsitz der Notenbank. Yellen ist seit dem Jahr 2010 Vizepräsidentin der Fed in Washington; zuvor war sie mehrere Jahre lang Präsidentin der regionalen Fed in San Francisco gewesen. In den neunziger Jahren hatte sie vorübergehend als führende Wirtschaftsberaterin von Präsident Bill Clinton gearbeitet. Yellen unterscheidet sich mit Blick auf ihre ökonomische Denkweise kaum von Summers; auch steht sie der Demokratischen Partei nahe. Im Falle ihrer Ernennung zur Nachfolgerin Bernankes dürfte auch Yellen eine Geldpolitik befürworten, die sich stark an der Entwicklung des Arbeitsmarktes ausrichtet. Öffentliche Unterstützung erhält Yellen unter anderem von dem Nobelpreisträger Paul Krugman.

          Janet Yellen
          Janet Yellen : Bild: AP

          Dieses unfreiwillige Schaulaufen in der Sommerpause droht Summers wie Yellen zu beschädigen; möglicherweise verbirgt sich hinter dem aktuellen Medienspektakel in Washington auch eine solche Absicht. So suchen die einen in der Vita von Summers nach möglichst vielen ungeschickten Äußerungen, währende andere wispern, für Yellen spreche eigentlich nur die politische Korrektheit, die eine Berufung einer Frau verlange. Wenn zwei sich streiten, freut sich vielleicht ein Dritter. Als eventuelle Ersatzkandidaten nennt die Gerüchteküche den früheren Finanzminister Tim Geithner und den Princeton-Professor Alan Blinder.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.