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Einwanderung : Verdienen an den Flüchtlingen

  • -Aktualisiert am

Für Flüchtlinge werden auch in einem Gewerbegebiet Unterkünfte geschaffen, hier in Baden-Württemberg Bild: dpa

Wieder sind im Mittelmeer Hunderte Flüchtlinge ums Leben gekommen. Doch selbst wenn sie Europa erreichen, gibt es Probleme. Die Städte wissen nicht mehr, wohin mit den Asylbewerbern. Hoteliers und Hausbesitzer helfen – und leben gut vom Geschäft mit der Not.

          Das Hotel Hamm in Bergisch Gladbach nahe Köln ist bekannt für seine gutbürgerliche Küche. Der Politiker Wolfgang Bosbach sei hier einst regelmäßig eingekehrt, berichtet die Lokalpresse. Das Hotel hat eine Website, auf der man die Zimmerpreise nachlesen kann: 60 Euro je Nacht im Einzelzimmer, 80 Euro im Doppelzimmer.

          Doch buchen kann man hier nicht mehr. Seit April 2014 wohnen in dem Hotel Asylbewerber, mittlerweile 48 von ihnen. Der Eigentümer Helmut Hamm hat extra für sie umgebaut. „Er ist schon im Rentenalter, hat keine Nachfolger“, erzählt Manuela Müller, die einzige Angestellte, die ihm nun noch geblieben ist. Ein Jahr lang habe er über das Angebot der Stadt nachgedacht, dann habe er sich entschlossen, das Restaurant geschlossen, umgebaut – und als Flüchtlingsheim wieder eröffnet.

          Nun verdiente das Hotel nicht mehr als vorher, aber regelmäßiger, sagt Müller. Zwischen 11 und 16 Euro liege der Betrag je Flüchtling und Tag. Macht für das Hotel sichere Einkünfte zwischen 190.000 und 280.000 Euro im Jahr. Das ist nicht ungewöhnlich viel. Ungewöhnlich ist aber der Pachtvertrag, er läuft über sagenhafte zehn Jahre. Ob es 2024 noch so viele Flüchtlinge gibt wie jetzt, ist zwar nicht klar. Aber derzeit strömen so viele von ihnen nach Deutschland, dass die Städte gar nicht mehr wissen, wohin mit ihnen. Ihre Verhandlungsposition ist dementsprechend schlecht.

          Nicht nur Bergisch Gladbach muss neue Lösungen finden. Städte und Kreise in ganz Deutschland sind aktiv. Sie mieten leerstehende Häuser, alte Kasernen oder Bürogebäude an. Ehemalige Altenheime und geschlossene Kliniken werden umgewidmet, ja sogar alte Baumärkte. Grundschulen, die mangels Nachwuchs geschlossen wurden, verwandeln sich in Flüchtlingsheime. Bergisch Gladbach kaufte zuletzt kurzerhand ein altes Verlagsgebäude für 2,2 Millionen Euro und baute es um, um dort bis zu 140 Flüchtlinge unterzubringen.

          Das sind gute Zeiten für die Besitzer schlecht laufender Hotels oder leerstehender Häuser. Viele von ihnen können umsteigen auf ein einigermaßen sicheres Geschäftsmodell: ihre Immobilien an Flüchtlinge vermieten. Das hat Vorteile. Die Flüchtlinge stellen selten hohe Ansprüche und zahlen verlässlich (das Geld stammt von der Kommune). Außerdem kommen sie sicher. Allein im ersten Quartal 2015 kamen 85.400 von ihnen nach Deutschland, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

          Man rechtfertigt unter Notstandsargumenten fast alles

          Trotzdem lohnt sich das Vermieten an Flüchtlinge nicht für jeden. Was gezahlt wird, geht weit auseinander. Das liegt daran, dass jedes Bundesland es anders regelt, wie viel Geld es seinen Kommunen für die Flüchtlinge gibt. Und nicht jede Kommune versteht sich gleich gut aufs Verhandeln. So kommt es, dass in Thüringen ein Flüchtling eine Gemeinde durchschnittlich 5799 Euro im Jahr kostet, aber eine andere mit 10.311 Euro fast das Doppelte.

          Nicht die Größe, sondern die Bereitschaft des Bundeslandes ist entscheidend, wer die meisten Flüchtlinge aufnimmt
          Nicht die Größe, sondern die Bereitschaft des Bundeslandes ist entscheidend, wer die meisten Flüchtlinge aufnimmt : Bild: F.A.Z.

          Eines steht aber angesichts des Flüchtlingsandrangs fest: Demnächst werden die Kommunen eher mehr zahlen müssen, wenn sie noch Wohnraum auftun wollen. Das Flüchtlingsbusiness lohnt sich für immer mehr Immobilienbesitzer. Die Zeit drängt, da werden Verhandlungen schnell geführt, manchmal schlampig. Die Städte vergeben viele Aufträge auch aus Zeitnot unter der Hand und halten die Verträge oft geheim – teils aus Angst die Preise zu verderben, teils aus Sorge, dass auffliegt, wie schlecht sie verhandelt haben. „An Vertragsinhalte zu kommen ist fast überall schwierig“, sagt Bernd Mesovic von der Organisation Pro Asyl.

          Die besonders engagierten Städte und Kreise versuchen noch private Wohnungen für Asylbewerber aufzutreiben. Der Rest sucht vor allem nach Großunterkünften. „Da rechtfertigt man unter Notstandsargumenten mittlerweile fast alles“, sagt Mesovic.

          Dummerweise sind gerade die Großunterkünfte, wenn sie von Privaten angemietet werden, oft teurer als private Wohnungen. So kosteten 2012 beispielsweise in Jena die Gruppenunterkünfte fast doppelt so viel im Monat wie dort angemietete Wohnungen. Doch viele Städte haben keine Wahl: Die Zahl der Vermieter, die ihre Wohnungen gerne an Flüchtlinge vermieten, ist begrenzt. Vielerorts ist der Markt längst leer gefegt. Zudem gelten Obergrenzen dafür, was die Gemeinden an Miete für Wohnungen zahlen. Nicht mehr als für Hartz- IV-Bezieher ist die Regel.

          Je mehr Asylbewerber kommen, desto mehr Fehler passieren

          Diese Grenzen gelten nicht für Notunterkünfte, meist die besagten Großunterkünfte. Hier kann es richtig teuer werden. Normalerweise bewegen sich die Preise zwischen 11 Euro je Flüchtling und Tag und 16 Euro. Doch sie steigen. In Berlin erhält etwa ein Betreiber von Traglufthallen, in denen Flüchtlinge untergebracht sind, 27,18 Euro am Tag je Person. Teilweise wird von bis zu 35 Euro je Tag und Flüchtling berichtet.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Je mehr Asylbewerber ins Land streben, desto stärker eilt es und desto mehr Fehler passieren – zwangsläufig, manchmal aber auch ganz gezielt. In Berlin etwa steht der Chef des Landesamtes für Gesundheit und Soziales unter Verdacht, die Firma seines Patensohns bevorzugt zu haben bei der Vergabe von Aufträgen für Flüchtlingsunterkünfte. Außerdem seien dort nicht nur viele Verträge unter der Hand vergeben worden, sondern einige Aufträge sogar gleich ganz ohne Verträge, hat die Senatssozialverwaltung zugegeben.

          Anderswo läuft es besser. In Mörfelden-Walldorf beispielsweise ist man vorbildlich transparent. Dort kann man dem Asylbericht entnehmen, dass das Hotel Albatros, das etwa 100 Flüchtlinge unterbringt, im Jahr 464.000 Euro bekommen soll für Kaltmiete, Betriebskosten, Hausmeister, Reinigung und Ausstattung. Ein Hotel der gleichen Größenordnung kann zwar am freien Markt deutlich mehr einnehmen, selbst wenn es schlecht besucht ist. Es hat aber auch viel höhere Kosten. So lohnt es sich für den Eigner. Der Erste Stadtrat Franz Urhahn hat ihn zum Geschäft mit den Flüchtlingen überredet – und weiß sehr gut, dass ihm das nicht bei jedem Hotelier gelingt: „Wenn ich morgen zum Holiday Inn Express hier gehe, werden die mir das nicht für 400.000 Euro vermieten, den Deal würde ich nicht hinbekommen.“

          In den meisten anderen Kommunen herrscht über solche Preise maximale Intransparenz. Das sorgt für ordentlich Zoff. Stets steht der Verdacht im Raum: Bereichert sich da einer auf Kosten der Flüchtlinge und der Steuerzahler?

          Transparenz: Ist es an der Zeit, die Verträge offenzulegen?

          Zum Beispiel in Lorch. Dort hat der Logistik-Unternehmer Stephan Schwank ein einstiges Bundeswehr-Sanitätsdepot gekauft – und wandelt es gerade in ein Asylbewerberheim um. Bis zu 347 Menschen können darin Platz finden. Doch Schwank fand schon früh klare Zeichen der Empörung seiner Mitmenschen vor seinem Haus: Kuhmist, Schafsmist. Bald zeigten sich die Lorcher auch öffentlich empört. Die direkten Nachbarn des einstigen Bundeswehr-Depots, die Inhaber des Weinguts Laquai, gründeten eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Asyl mit Herz“. Sie fordern, dass weniger Flüchtlinge kommen und dass sie dezentral untergebracht werden.

          Die Empörung hat drei Gründe: erstens gibt es in Lorch einige leer stehende Wohnungen, der ein oder andere hätte gern selbst mitverdient an den Flüchtlingen. Zweitens ist Lorch klein, hat nicht einmal 4000 Einwohner. Bis zu 347 Flüchtlinge sind da sehr viel – das findet man selbst bei Pro Asyl. Drittens gibt es den Verdacht, der Unternehmer würde Millionen mit dem Geschäft verdienen. Er selbst weist das zwar weit von sich, will aber keine Zahlen offenlegen.

          Vielleicht wäre es an der Zeit, die Verträge offenzulegen. Nicht nur in Lorch, sondern überall. Schließlich geht es um Steuergeld.

          Quelle: F.A.S.

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