Am Mittwoch wird im Essener Landgericht der Fall mit dem Aktenzeichen 41 O 45/10 aufgerufen. Es geht um die Insolvenz von Arcandor, der einstigen Muttergesellschaft des Warenhauskonzerns Karstadt und des Versandhauses Quelle. Reserviert wurde vorsichtshalber der Saal 101; er hat 200 Plätze. Es ist der größte Verhandlungssaal im Justizgebäude. Denn verhandelt wird hier bald der größte Zusammenbruch der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte: Der frühere Vorstandsvorsitzende von Arcandor, der schillernde und wortgewandte Thomas Middelhoff, sowie zehn weitere ehemalige Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder werden mit ihrer Rolle beim Niedergang des Essener Handelskonzerns konfrontiert, und es werden schwere Vorwürfe erhoben.
Kein Geringerer als der erfahrene Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg verlangt von den Managern Schadensersatz in Höhe von 175 Millionen Euro. In den Tagen vor Prozessbeginn bringen sich nun die direkt und indirekt Beteiligten in Stellung. Middelhoff hat seinen PR-Berater gewechselt, lädt Journalisten zum Gespräch mit seinen Anwälten nach Stuttgart und parliert mit der „Bild“-Zeitung. Deren ehemaliger Chefredakteur ist sein neuer Berater Hans-Hermann Tiedje. Von ihm heißt es in der Branche, er lösche Feuer mit Benzin.
Familienkonflikte und Golfrunden
Und auch der Immobilienunternehmer Josef Esch setzt sich zur Wehr. Er ist tief in das finanzielle Desaster rund um Arcandor, die ehemalige Großaktionärin Madeleine Schickedanz und das inzwischen an die Deutsche Bank notverkaufte Bankhaus Sal. Oppenheim verstrickt. Er habe die Quelle-Erbin Schickedanz zwar beraten, sagt er nun lammfromm: „Aber ich habe nicht ihr Vermögen verwaltet.“ Dabei hatte Schickedanz Millionen verloren, als Arcandor ins Straucheln geriet. Seine damalige Aufgabe bezeichnet der Immobilienunternehmer jetzt in einem Gespräch mit dem Magazin „Der Spiegel“ als „Berater in allen Lebenslagen“. Dabei sei es um „ganz einfache Dinge“ gegangen, schildert er - Startzeiten für die Golfrunde beispielsweise. Aber auch um heikle Fragen, etwa Konflikte in der Familie.
Esch muss auf der Hut sein: Die einstige Milliardärin, die nach eigenen Angaben mittlerweile von 600 Euro im Monat lebt und sich höchstens einen Besuch in der nächstgelegenen Pizzeria leisten kann, bastelt an einer Schadensersatzklage gegen ihn wegen Falschberatung. Esch schildert den Fall so: 2004 habe er die Konzernerbin im Zusammenhang mit einer Kapitalerhöhung gedrängt, für 170 Millionen Euro Aktien der Warenhauskette zu kaufen. Letztlich habe Schickedanz alle Fragen rund um Karstadt-Quelle mit Arcandor-Chef Middelhoff und ihrem Ehemann besprochen. Er habe ihr zu der Kapitalerhöhung geraten, weil der Konzern damals noch gute Perspektiven gehabt habe. Allerdings habe Schickedanz ihr Vermögen zu einseitig in Karstadt-Quelle-Aktien investiert. So habe sie ihre Pakete auch 2006 behalten, als der Kurs der Wertpapiere gestiegen war und sich ein Investor interessiert zeigte.
Esch gibt sich siegessicher
Doch auch von Middelhoff droht dem erfolgreichen Unternehmer und gelernten Maurerpolier aus Troisdorf Ungemach. „Er überlegt, ob er irgendeine Chance hat, Schadensersatz gegen mich geltend zu machen“, bekennt Esch. Middelhoff hatte ein Gutteil seines Privatvermögens in Immobilienfonds gesteckt, die Esch - mit Unterstützung der mittlerweile gestrauchelten Privatbank Sal. Oppenheim - auf die Beine gestellt hat. Pikanterweise wurden einige dieser Objekte an Karstadt vermietet, noch bevor Middelhoff dort das Ruder übernahm. Nun muss der einstige Kaufhaus-Chef offenbar noch Geld dazu buttern.
Esch gibt sich dennoch siegessicher. „Middelhoff wird erkennen, dass es für ihn besser ist, seine Probleme mit und nicht gegen uns zu lösen“, tönt er. Dessen Geldschwierigkeiten schiebt er auf dessen Lebensstil. Für eine Luxusyacht von 33 Metern Länge mit fester Besatzung, die 1000 Liter Sprit in der Stunde verbraucht, und eine Ferienvilla in Saint-Tropez benötige der ehemalige Manager sicher einen sechsstelligen Betrag im Monat. „Das müssen Sie erst einmal verdienen“, fügt der Fondsinitiator spöttisch hinzu.
Ein zermürbender Prozessmarathon
Dass Görg und Middelhoff am Mittwoch selbst im Gerichtssaal anwesend sein werden, wird nicht erwartet. Denn die Vorsitzende Richterin Regina Pohlmann hat ein persönliches Erscheinen nicht angeordnet. Erst zu einem späteren Zeitpunkt will die Erste Kammer für Handelssachen mit der Beweisaufnahme beginnen und Zeugen anhören. Middelhoff steht so oder so ein zermürbender Prozessmarathon bevor. Denn beim Essener Landgericht liegen inzwischen drei Zivilklagen gegen ihn vor. Zum einen geht es um die eigentliche Insolvenz, zum anderen um den angeblich von Arcandor mitfinanzierten Lebensstil von Middelhoff, und zum dritten um die Schadensersatzklage eines Anlegers, der sich von Middelhoff falsch informiert fühlt.
Die Frage, wer die Schuld an der Insolvenz von Arcandor trägt, beantwortet Middelhoff seit geraumer Zeit ohnehin auf seine Art. Eine Insolvenz hätte es mit ihm „nicht gegeben“. Verantwortung müsse auch sein Nachfolger Karl-Gerhard Eick übernehmen. Dieser stand allerdings nur sechs Monate an der Spitze von Arcandor, Middelhoff hingegen war fast vier Jahre lang Konzernchef.
Aber der sieht es vor allem als großen Fehler an, einmal zu gewagte Kursprognosen abgegeben zu haben: „So habe ich nach der großen Krise des Konzerns 2004/05 die Ziele für die Arcandor-Aktie aus heutiger Sicht zu hoch angesetzt. Nachdem der Aktienkurs bereits von 4,52 Euro auf 29 Euro gestiegen war, habe ich einen weiteren Anstieg auf 40 Euro vorhergesagt.“ Wenn es mehr nicht ist.
Die Justiz knöpft sich vor
Rainald Maaß (dr.maass)
- 12.04.2011, 12:27 Uhr
