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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitende Kinder Deutschlands fleißige Kids

 ·  Zeitung austragen, Rasen mähen, Babys hüten: Hierzulande arbeiten viele Kinder. Weil sie sich etwas leisten wollen. Und weil sie ihre Eltern nicht anbetteln wollen.

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© Daniel Faller Ein Rädchen in Deutschlands Wirtschaft - arbeitende Kinder

Robert zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke hoch, weil es morgens um halb acht noch ganz schön kühl ist. Dann stöpselt er die Kopfhörer ins Ohr und schiebt mit dem Rollkoffer los, in dem 330 Zeitungen gestapelt sind. 13 Straßen und 316 Briefkästen warten auf ihn. „Drei Cent pro Zeitung, ein Cent für Werbung“, erklärt er. Sein Einkommen schwankt zwischen 50 und 80 Euro im Monat. Samstags ist mehr drin, weil mehr Werbebeilagen in der Zeitung stecken. „Das ist wenig Arbeit für viel Geld“, findet der Junge. In der Stadt laufe er doch sowieso herum. „Es lohnt sich, samstags ein bisschen früher aufzustehen.“

Anfangs hat Robert die Tour nicht unter drei Stunden geschafft, jetzt ist er bei anderthalb. Sein Vater hat ihm dabei geholfen, die Runde auszutüfteln. Das hessische Dorf, in dem Robert die Briefkästen bestückt, hat seine Tücken. Es geht bergauf und bergab, mit Einzel- und Doppelhäusern, manche mit langen Auffahrten, manche mit Kies bestreut, weshalb es mit Inlineskates oder Fahrrad nicht schneller ging. Jetzt macht er die Runde zu Fuß. „Ganz schöne Strecke“, sagt Robert und macht den Rücken gerade, „aber inzwischen habe ich meine Bezirke so gut im Griff wie kein anderer.“

„KInderarbeit“ - Ein Wort, reserviert für Entwicklungsländer

Was Robert macht, ist Kinderarbeit - auch wenn das Wort im Sozialstaat Deutschland fremd klingt. Kinderarbeit, dieses Wort ist reserviert für Entwicklungsländer am anderen Ende der Welt, in denen kleine Jungs und Mädchen im Bergbau, auf dem Feld oder in Ausbeuterfabriken schuften müssen, damit die Familie überlebt. Und doch arbeiten Millionen Kinder in Deutschland aus freien Stücken - und ihre Eltern finden das gut.

Bis Ende ihrer Pflichtschulzeit haben 80 Prozent der deutschen Schüler zwischen 12 und 17 Erfahrungen mit Erwerbsarbeit gesammelt. Knapp 90 Prozent würden gerne arbeiten - wenn sie nur die Gelegenheit hätten. Das ergab eine Schülerbefragung im Auftrag der Landesregierungen von 2001. Offiziell sind aber nur 6000 Kinder zwischen 13 und 14 Jahren als geringfügig entlohnte Beschäftigte registriert, meldet das Bundesarbeitsministerium. Deshalb bestehe auf dem Gebiet auch kein Grund zur Besorgnis, sagt eine Sprecherin. Aber der Deutsche Kinderschutzbund schätzt die tatsächliche Zahl der Kinderarbeiter auf 700 000.

Auf Zetteln in Supermärkten, durchs Hörensagen, auf Internetportalen hinterlassen massenweise arbeitssuchende Kinder ihre Botschaften: „Bin zuverlessig und würde gerne auf Kinder aufpassen, Hunde ausfüren oder Prospekte verteilen.“ Oder: „Gehe aufs Gymnasium, brauche dringend Geld, mache alles.“ Und: „Wie kriegt man einen Job zum Zeitungen austragen, wenn man erst zwölf ist?“

Das ist das Problem der arbeitslosen Kinder: Unter 13 ist ihnen die Arbeit hierzulande grundsätzlich verboten, über 15 ist sie grundsätzlich erlaubt - und die Kids dazwischen bewegen sich in einer Grauzone mit vielen Ausnahmen.

Geschäftstüchtig - manchmal zu sehr

Die Verbote sollen vor Ausbeutung und Gefahren schützen, die mit der Arbeit einhergehen. Nicht zu schwer, nicht zu lang, und freiwillig muss die Arbeit sein - „kindergerecht“ eben. Als typische Beispiele nennt das Gesetz Arbeiten für Privathaushalte - Babysitten, Gassigehen, Rasenmähen - oder ein Job als Zeitungsträger. Die Eltern müssen einverstanden sein.

In der Praxis können die Regeln absurde Folgen haben. Wenn eine 13-Jährige nachmittags für ein paar Euro auf das Baby von Mutters Freundin aufpasst, ist das erlaubt. Wenn sie dieselbe Aufgabe abends erfüllt, weil die Mutter zwei Stunden ins Kino gehen will, bleibt das verboten: Maximal zwei Stunden dürfen Kinder ab 13 täglich arbeiten - nicht vor acht Uhr morgens und nicht nach 18 Uhr.

Meistens sind die Kinder stolz auf ihre Arbeit und ihre Entlohnung, und von den Eltern werden sie gelobt und bestärkt, wenn sie Nachhilfestunden geben oder Botengänge erledigen. Der fünfzehnjährige Fabian, der Mittwoch- und Samstagnachmittag auf dem Wochenmarkt hilft, einen Gemüsestand aufzuräumen, nahm beim ersten Mal mehr mit als einen knisternden Geldschein - eine Erkenntnis: „Alle hier arbeiten. Und jetzt gehöre ich auch dazu. Ich habe mich so erwachsen gefühlt.“ Die Kinder von heute sind geschäftstüchtig - so sehr, dass mancher Alarm schlägt. Nicht nur, weil das Wort Kinderarbeit nach ausgebeuteten Teppichknüpfern klingt. Je mehr Kinder in Armut lebten, warnt Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers, desto mehr wachse die Zahl der illegal Arbeitenden.

Das erste selbstverdiente Geld

Und Kritik kommt noch aus ganz anderer Perspektive: Die Kids würden den Gr0ßen die Arbeit klauen, kritisiert Heinrich von der Haar in seinem Buch „Kinderarbeit in Deutschland“. Bis zu 90 000 Vollzeitstellen könnten im Niedriglohnsektor neu entstehen, wären da nur nicht die fleißigen, ewig klammen Kinder und Jugendlichen. Von der Haars Kritik basiert auf Schätzungen; wie viele Milliarden jährlich in die Hosentaschen der Kinder wandern, weiß niemand. Aktuell belastbare Zahlen fehlen.

Dabei ist das Phänomen beileibe nicht neu. Man muss nur Erwachsene nach ihren Erinnerungen an das erste selbstverdiente Geld fragen, da leuchten die Gesichter. Dann schwelgt man in Erinnerungen an eingesammelte Pfandflaschen oder an das Rasenmähen für ein paar Pfennig.

Nicht die Eltern um Geld anbetteln zu müssen und kaufen zu können, was man begehrt - das trieb die Kinder damals, das treibt sie auch heute. Aber mehr denn je treibt Kritiker die Sorge, dass die „working kids“ zu gnadenlosen Materialisten oder Konsumenten heranwüchsen. Die Soziologin und Kindheitsforscherin Beatrice Hungerland von der Hochschule Magdeburg-Stendal kritisiert, dass über arbeitende Kinder und ihre Motive hierzulande sehr von oben herab gesprochen werde. „Es ist doch nicht verwerflich, für soziale Anerkennung etwas zu tun.“ Zu arbeiten, um sich materielle Dinge leisten zu können, „das machen wir doch alle“.

Mit dem Soziologen Manfred Liebel hat sie an der Technischen Universität Berlin das Forschungsprojekt „Kinder und Arbeit“ geleitet, und 38 Kinder zwischen 9 und 15 Jahren zu ihren Erfahrungen in der Arbeitswelt befragt. Die sahen ihren Job durchweg positiv und betonten, ihnen sei neben dem Geld vor allem die Anerkennung wichtig. Auch die Vermutung, dass die schulischen Leistungen unter dem kindlichen Erwerbstrieb leiden, kann Forscherin Hungerland nicht bestätigen. „Keiner, der jobbt, sagt: Ich pfeife auf die Schule, weil ich weiß, wie man Kohle machen kann. Kinder, die arbeiten, haben den Wert der Schulbildung viel eher begriffen.“

Selbst verdientes Geld ist mehr wert

Das unterstreicht eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Demnach bleiben arbeitende Schüler seltener sitzen und schreiben ähnlich gute Noten wie ihre Klassenkameraden, die nicht arbeiten. „Kinder erzählen dem Lehrer aber eher nicht, wenn sie jobben. Auch mit Klassenkameraden sprechen sie nur sehr verhalten, weil sie Neid fürchten“, hat Beatrice Hungerland beobachtet. „Jeder ist dankbar, wenn er einen guten Job gefunden hat,“ sagt auch der 16-jährige Johnny, „das lässt man dann nicht so raushängen.“ Er schätzt, dass jeder dritte seiner Klassenkameraden jobbt. „Aber es ist besser, wenn die Lehrer das nicht mitkriegen. Sonst werden sie misstrauisch und denken, dass man die Schule vernachlässigt.“

Johnny kann das egal sein - bei einem Notenschnitt von 1,9. Er steigt seit zwei Jahren zweimal in der Woche aufs Fahrrad und liefert für eine Apotheke Medikamente aus. „Das macht Spaß“, sagt er. „Die Kunden freuen sich, wenn ich komme, und ich kriege immer noch Trinkgeld.“ 40 bis 50 Euro verdient er in der Woche, „und das Geld hat mehr Wert, weil ich es selbst verdient habe“. Also denkt er auch mehr darüber nach, wofür er sein Geld ausgibt: Er geht mit Freunden aus, lädt auch mal ein Mädchen ein, zahlt einen Teil seiner Handykosten oder kauft einfach, was ihm gefällt, ohne seine Mutter zu fragen.

Was den Kindern ein Stück Selbstbestimmung ist, bringt Kinderschützer auf die Palme. „Die billige Arbeitskraft der Kinder hat wieder mehr Konjunktur“, schreibt Buchautor Heinrich von der Haar. Er führt „Kinderrechte“ und „Kinderinteressen“ gegen raffzahnige Profitgier ihrer Arbeitgeber ins Feld. Er fordert eine „Verschärfung des Kinderarbeitsverbots“ und klagt die Rechte der Kinder ein.

„Ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch“

Der oberste deutsche Kinderschützer Heinz Hilgers ärgert sich über die Krokodilstränen, die der Deutsche über die Kinderarbeit in der ganzen Welt vergieße, wo man doch hierzulande vor dem Phänomen die Augen verschließe. „Es ist ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch“, sagt Hilgers. „Jeder sagt, das gibt’s bei uns nicht.“ Dabei habe die Kinderarbeit in Deutschland südeuropäische Ausmaße angenommen, „die der Gesundheit und der Bildung der Kinder schadet“. Er mahnt das Vollzugsdefizit des Jugendarbeitsschutzes an. „Es wird viel zu wenig kontrolliert.“

Die guten Seiten des kindlichen Erwerbstriebs - das Kind lernt, sich anzustrengen, seine Zeit einzuteilen und seine Einnahmen zu verwalten - bleiben oft ungesehen. „Den Arbeitserfahrungen ihrer Kinder weisen viele Eltern einen wichtigen pädagogischen Wert zu und ermuntern ihre Kinder sogar zur Aufnahme eines Nebenjobs“, heißt es in der empirischen Bestandsaufnahme des DIW zum 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung.

Tatsächlich können schon Mini-Jobber im besten Grundschulalter wie die neunjährige Elina das Sparen lernen. Jeden Tag, sogar am Wochenende führt Elina - verbotenerweise - den Hund der Nachbarin eine halbe Stunde lang spazieren. Ein Job, den ihr großer Bruder ihr vererbte. Dafür verdient sie fünf Euro, für Elina ein kleines Vermögen, das sie jeden Montag auf die Bank bringt und auf ihr Konto einzahlt. Denn sie hat Großes vor: Elina will ein Pony kaufen, wenn sie genug Geld zusammen hat. In ein paar Jahren könnte sie in die lukrativere Branche der kindlichen Zeitungsausträger, Flohmarkt-Verkäufer, Babysitter oder Supermarktregal-Einräumer wechseln.

Kinderarbeit nicht idealisieren oder ignorieren

Manchmal mündet Kinderarbeit auch in gemeinnütziges Engagement in Gemeinden, Vereinen oder Kirchen. Das ist den Kritikern schon eher recht. „Wo’s kein Geld gibt, dürfen Kinder arbeiten“, beschreibt der Berliner Soziologe Manfred Liebel den blinden Fleck vieler deutscher Pädagogen. Liebel selbst sieht Kinder als soziale Akteure, die einen wirtschaftlichen Beitrag leisten und soziale Anerkennung verdienen.

Die auf dem bürgerlichen Kindheitsmuster gründende Vorstellung, dass sich Kindsein und Arbeit ausschließen oder ihre Verbindung den Kindern nur zum Schaden gereiche, findet er fragwürdig. So würden Kinder aus allen ökonomischen Zusammenhängen ausgegliedert, kritisiert Liebel - mit Ausnahme des Konsums.

„Kinderarbeit ist politisch nicht genehm“, sagt Liebel, „das liegt am herrschenden Bild von Kindheit. Eigenes Geld zu verdienen gelte als Merkmal des Erwachsenseins. Kinderarbeit relativiere die Rolle der Erwachsenen, auch deshalb werde sie vehement abgelehnt. Man sollte Kinderarbeit nicht idealisieren oder ignorieren, findet der Soziologe, sondern als legitime Aktivität betrachten, deren Bedingungen zu prüfen sind. „Flyer im Akkord zu verteilen kann durchaus als Ausbeutung betrachtet werden.“

Seine Kollegin Hungerland schlägt vor, die Perspektive zu wechseln. „Wir sollten die Kinder selbst fragen, anstatt nur über sie zu reden.“ Da die meisten Kinder arbeiten wollten, sollten Rechte an die Stelle von Verboten treten. Dann könnten Kinder ausstehende Löhne einklagen und wären bei Unfällen versichert. Bislang haben sie keinen Anspruch auf die Rechte, die regulären Angestellten zustehen.

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