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Arbeitende Kinder : Deutschlands fleißige Kids

  • -Aktualisiert am

Ein Rädchen in Deutschlands Wirtschaft - arbeitende Kinder Bild: Daniel Faller

Zeitung austragen, Rasen mähen, Babys hüten: Hierzulande arbeiten viele Kinder. Weil sie sich etwas leisten wollen. Und weil sie ihre Eltern nicht anbetteln wollen.

          Robert zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke hoch, weil es morgens um halb acht noch ganz schön kühl ist. Dann stöpselt er die Kopfhörer ins Ohr und schiebt mit dem Rollkoffer los, in dem 330 Zeitungen gestapelt sind. 13 Straßen und 316 Briefkästen warten auf ihn. „Drei Cent pro Zeitung, ein Cent für Werbung“, erklärt er. Sein Einkommen schwankt zwischen 50 und 80 Euro im Monat. Samstags ist mehr drin, weil mehr Werbebeilagen in der Zeitung stecken. „Das ist wenig Arbeit für viel Geld“, findet der Junge. In der Stadt laufe er doch sowieso herum. „Es lohnt sich, samstags ein bisschen früher aufzustehen.“

          Anfangs hat Robert die Tour nicht unter drei Stunden geschafft, jetzt ist er bei anderthalb. Sein Vater hat ihm dabei geholfen, die Runde auszutüfteln. Das hessische Dorf, in dem Robert die Briefkästen bestückt, hat seine Tücken. Es geht bergauf und bergab, mit Einzel- und Doppelhäusern, manche mit langen Auffahrten, manche mit Kies bestreut, weshalb es mit Inlineskates oder Fahrrad nicht schneller ging. Jetzt macht er die Runde zu Fuß. „Ganz schöne Strecke“, sagt Robert und macht den Rücken gerade, „aber inzwischen habe ich meine Bezirke so gut im Griff wie kein anderer.“

          „KInderarbeit“ - Ein Wort, reserviert für Entwicklungsländer

          Was Robert macht, ist Kinderarbeit - auch wenn das Wort im Sozialstaat Deutschland fremd klingt. Kinderarbeit, dieses Wort ist reserviert für Entwicklungsländer am anderen Ende der Welt, in denen kleine Jungs und Mädchen im Bergbau, auf dem Feld oder in Ausbeuterfabriken schuften müssen, damit die Familie überlebt. Und doch arbeiten Millionen Kinder in Deutschland aus freien Stücken - und ihre Eltern finden das gut.

          Bis Ende ihrer Pflichtschulzeit haben 80 Prozent der deutschen Schüler zwischen 12 und 17 Erfahrungen mit Erwerbsarbeit gesammelt. Knapp 90 Prozent würden gerne arbeiten - wenn sie nur die Gelegenheit hätten. Das ergab eine Schülerbefragung im Auftrag der Landesregierungen von 2001. Offiziell sind aber nur 6000 Kinder zwischen 13 und 14 Jahren als geringfügig entlohnte Beschäftigte registriert, meldet das Bundesarbeitsministerium. Deshalb bestehe auf dem Gebiet auch kein Grund zur Besorgnis, sagt eine Sprecherin. Aber der Deutsche Kinderschutzbund schätzt die tatsächliche Zahl der Kinderarbeiter auf 700 000.

          Auf Zetteln in Supermärkten, durchs Hörensagen, auf Internetportalen hinterlassen massenweise arbeitssuchende Kinder ihre Botschaften: „Bin zuverlessig und würde gerne auf Kinder aufpassen, Hunde ausfüren oder Prospekte verteilen.“ Oder: „Gehe aufs Gymnasium, brauche dringend Geld, mache alles.“ Und: „Wie kriegt man einen Job zum Zeitungen austragen, wenn man erst zwölf ist?“

          Das ist das Problem der arbeitslosen Kinder: Unter 13 ist ihnen die Arbeit hierzulande grundsätzlich verboten, über 15 ist sie grundsätzlich erlaubt - und die Kids dazwischen bewegen sich in einer Grauzone mit vielen Ausnahmen.

          Geschäftstüchtig - manchmal zu sehr

          Die Verbote sollen vor Ausbeutung und Gefahren schützen, die mit der Arbeit einhergehen. Nicht zu schwer, nicht zu lang, und freiwillig muss die Arbeit sein - „kindergerecht“ eben. Als typische Beispiele nennt das Gesetz Arbeiten für Privathaushalte - Babysitten, Gassigehen, Rasenmähen - oder ein Job als Zeitungsträger. Die Eltern müssen einverstanden sein.

          In der Praxis können die Regeln absurde Folgen haben. Wenn eine 13-Jährige nachmittags für ein paar Euro auf das Baby von Mutters Freundin aufpasst, ist das erlaubt. Wenn sie dieselbe Aufgabe abends erfüllt, weil die Mutter zwei Stunden ins Kino gehen will, bleibt das verboten: Maximal zwei Stunden dürfen Kinder ab 13 täglich arbeiten - nicht vor acht Uhr morgens und nicht nach 18 Uhr.

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