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Anshu Jain Der Favorit für die Ackermann-Nachfolge

 ·  Der Inder Anshu Jain hat für die Deutsche Bank Milliarden verdient und will jetzt ihr neuer Chef werden. Das Zeug dazu hat er auf jeden Fall. Doch Frankfurt zögert noch.

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Als eine angesehene Finanzzeitschrift der Deutschen Bank im Frühjahr den Preis des Branchenprimus „Bank of the Year“ verlieh, geschah etwas Merkwürdiges. Der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann nahm die Trophäe in Empfang und ließ bei der Dankesrede – fast wie beiläufig – den Satz fallen: „Anshu Jain war von einigen der Namen hier heute Abend nicht gerade begeistert.“ Die Banker trauten ihren Ohren nicht. Denn was Ackermann damit sagen wollte, war klar: Anshu Jain, der Chef des Investmentbanking der Deutschen Bank, fand hier einige Anwesende nicht preiswürdig. Das mag ja stimmen, doch so etwas sagt man nur laut, wenn man den eigenen Vorstandskollegen düpieren will.

Der Seitenhieb gegen Jain war kein Zufall. „Die sind nicht gerade miteinander befreundet“, heißt es in der Londoner Bankenmeile. Ackermann sperrt sich gegen die Berufung von Jain zum Vorstandsvorsitzenden der Bank. Nicht von ungefähr wird aus der Zentrale in Frankfurt gegen Jain gestichelt. Er sei unter deutschen Politikern nicht vernetzt, raunt es da, obwohl Jain auf dem internationalen Parkett, etwa als Berater der britischen Regierung, hoch geschätzt wird. Obwohl immer mehr Weltkonzerne ihre Vorstandsposten mit ausländischen Kräften besetzen, gehe dies mit Jain bei der Deutschen Bank nicht – wegen seiner mangelnden Deutschkenntnisse. Ihm werden gar falsche Prioritäten vorgeworfen, wenn er in der Zeitschrift „Newsweek“ zu Beginn des Cricket World Cup in einem Fachartikel darauf tippt, dass Indien den Cup gewinnen könnte – der Cup ging in der Tat an Indien. Und man freut sich, wenn Geschichten auftauchen wie die Klage gegen die Deutsche Bank um die amerikanischen Hypothekengeschäfte von Mortgage IT, für deren Kauf einst Jain verantwortlich gewesen ist.

Schweigen als Stilmittel

Die Vorstandskollegen von Ackermann teilen dessen Bedenken gegen Jain aber offenbar nicht. Dem Vernehmen nach haben sie sogar einen Brief an den Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank, Clemens Börsig, verfasst, in dem sie für den 48 Jahre alten Jain als Vorstandsvorsitzenden plädieren, wenn der Vertrag Ackermanns mit der Hauptversammlung der Bank im Mai 2013 ausläuft. Offiziell bestreitet die Bank diesen Brief. Offiziell gibt es den Dissens nicht. Offiziell läuft in der Nachfolgefrage alles seinen „geordneten“ Gang. Hauptsache, Anshu Jain schweigt. Er ist der einzige Vorstand der Deutschen Bank, von dem seit Jahren keine offiziellen Interviews zu lesen sind. Wer den Sprecher der Deutschen Bank, Stefan Baron, um ein Interview mit Jain ersucht, erhält eine kategorische Absage.

Jetzt hat der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, einen Vertrag als künftiger Verwaltungsratsvorsitzender bei UBS angenommen. Damit hat Ackermann seinen favorisierten Nachfolgekandidaten verloren. Das ist gut für Anshu Jain. Denn nun ist er der Favorit für die Nachfolge Ackermanns. Und er verfügt über mehr interne Hausmacht als jeder andere Vorstand des Instituts.

Wie alle Chefs im Londoner Investmentbanking arbeitet er mit Blick über einen der gigantischen Handelssäle der Deutschen Bank, von seinen Mitarbeitern nur durch Glastüren getrennt, im direkten Kontakt zum Handel und sehr zugänglich. Im Gespräch ist er warmherzig und entwaffnend ehrlich. Er denkt analytisch, ist selbstkritisch, ehrgeizig und hat hohe Ansprüche. Jain vergeudet keine Zeit. Sein Gesprächspartner muss gut vorbereitet sein. Jain ist es selbst. Er kennt sein Gegenüber und beherrscht die Details. Wer sich auf eine Diskussion mit ihm einlassen will, muss fachlich versiert sein und sicher argumentieren können. Klappt das nicht, kann Jain ungeduldig werden. Er scheut keine Kritik, im Gegenteil: Er sucht seine Gegner, um deren Vorwürfe entkräften zu können. Gerade deshalb ist es so schade, dass er sich in der öffentlichen Diskussion nicht äußern kann.

Jain wird gerbraucht

Er weiß, dass die Deutsche Bank ihn braucht. Die Londoner City weiß es. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie abhängig die großen Universalbanken von ihrem Investmentbanking sind – Bankerschelte hin oder her. Im vergangenen Jahr machte der Vorsteuergewinn der von Jain gesteuerten Corporate & Investment Bank 86 Prozent des Konzern-Vorsteuergewinns (vor Sondereinflüssen) aus. Jain, der 1995 mit einer großen Truppe um Edson Mitchell von Merrill Lynch zur Deutschen Bank stieß, gilt heute als der beste Banker, der außerhalb der Position eines Vorstandsvorsitzenden für eine Bank arbeitet.

Der Chef der Deutschen Bank muss allerdings mehr sein als ein exzellenter Fachmann. In London ist die Kluft zwischen Politik und Banken nicht annähernd so groß wie in Deutschland. Letztlich raufen sich Regierung und Banken überraschend klug zu einer realistischen Politik zusammen. Dies ist in Deutschland nicht der Fall. Ackermann sieht sich hier als Vermittler – sei es zum Thema Hedgefonds, Leerverkäufe, Bankenrettung oder Griechenland-Krise. Das Bundesfinanzministerium muss immer wieder zum Einlenken bewogen werden. Gleichzeitig darf nicht der Anschein erweckt werden, als ob die Politik nach der Pfeife der Banker tanze.

Diese Vermittlerrolle gehört heute zum Profil des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank. Doch es ist nicht sicher, dass Jain sie nicht ausfüllen kann. Schon in Zeiten der Labour-Regierung gehörte er zu einem Elitekreis von Londoner Bankern, die dem Treasury vor und während der Finanzkrise beiseitestanden. Auch er hat die Erfahrung gemacht, dass ein Finanzminister primär auf seine Chancen beim Wähler achtet. Von der neuen britischen Koalitionsregierung wurde Jain als einziger nicht-britischer Banker in einer Regierungsdelegation nach Indien mitgenommen.

Doppelspitze als mögliche Lösung

Und falls es doch nicht passt: es ist gut vorstellbar, dass Jain sich eine Teilung der repräsentativen und diplomatischen Vermittleraufgaben in Deutschland mit einem entweder starken Aufsichtsratsvorsitzenden vorstellen könnte oder – zumindest übergangsweise – eine andere Form der Doppelspitze. Jain ist kein mit einem Ferrari durch die Gegend rasender Investmentbanker, der nur an seinen eigenen Bonus denkt – auch wenn er mit 12 Millionen Euro im vergangenen Jahr ein höheres Gehalt als Ackermann eingestrichen hat. Er gehört auch nicht zu den Bankern, die von Regulierung und Staatseinfluss nichts wissen wollen. Im Gegenteil. Ein von ihm empfohlenes Buch ist „Animal Spirits“ der amerikanischen Ökonomen George Akerlof und Robert Shiller. Sie kritisieren, dass die Wirtschaftswissenschaft menschliche Verhaltensweisen, Stimmungswechsel und Fehleinschätzungen unberücksichtigt lässt – und dadurch Krisen nicht rechtzeitig erkennt. Akerlof und Shiller fordern, dass der Staat eingreifen muss, um das Wirtschaftsgeschehen in einem Rahmen zu lenken, der solches Verhalten berücksichtigt.

Menschliche Verhaltensweisen erkennen und Selbstdisziplin ausüben, das ist ein zentraler Glaubensinhalt der indischen Jain-Religion. Anshu Jain, geboren in Jaipur in Rajasthan, ist – wie der Name schon sagt – Jain. Die Religion kennt keinen Gott, sondern besagt, dass Kosmos, Zeit und Raum unendlich sind und dass jegliche Existenz in dieser Unendlichkeit „göttlich“ und deshalb schützenswert sei. Es gibt keinen Gott, der vergibt. Jeder muss sein Gegenüber in Eigenverantwortung schützen. Der Glaube der Jain ist extrem friedliebend. Das Verbot zu töten gebietet, dass Angehörige der Jain strenge Vegetarier sind und keine Berufe in der Landwirtschaft ausüben können. Dies erklärt, warum die Jain so stark im Handel und in Finanzgeschäften vertreten sind – der Cousin von Anshu Jain, Anjit Jain, wird gar als Nachfolger von Warren Buffett bei Berkshire Hathway gehandelt.

Die Furcht vor dem Handtuchwurf

Die Religionsgruppe legt Wert auf Bildung. Anshu Jain ging sofort nach seinem Wirtschaftsstudium in Neu-Delhi in die Vereinigten Staaten, um dort 1985 seinen Master an der Universität in Massachusetts Amherst zu machen. Heute studiert sein Sohn an einer der Eliteuniversitäten in Amerika. Seine Tochter besucht die beste Mädchen-Oberschule Großbritanniens in West-London, wo die Familie wohnt. Für Jain sind seine Aufgaben bei der Deutschen Bank im Investmentbanking abgeschlossen: er hat das Geschäft – schneller als viele Konkurrenten – nach der Krise neu ausgerichtet. Die verantwortliche Managementebene unter ihm steht. Der Apparat läuft. Es gibt keinen Grund, warum Jain bei der Deutschen Bank bleiben müsste. Es sei denn, er könnte das Zepter in die Hand nehmen und von der Konzernspitze her die Teile der Bank auf Vordermann bringen, die zu wenig zum Gewinn beisteuern.

Die Gewinne des Investmentbanking haben der Deutschen Bank über die Jahre zu einer Kapitalstärke verholfen, mit der sie die Krise ohne direkte Staatshilfe überstehen konnte – ähnlich wie dies bei Barclays und HSBC der Fall war. Dort allerdings sind die Chefs des Investmentbanking, Bob Diamond und Stuart Gulliver, mittlerweile zu Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen.

Darauf warten die Aktionäre der Deutschen Bank, von denen 53 Prozent im Ausland sitzen. Sie haben schon vor der diesjährigen Hauptversammlung der Deutschen Bank darauf gepocht, dass Börsig endlich seine aktienrechtliche Aufgabe wahrnehme und die Nachfolgefrage löse. Die Aktionäre fürchten, dass Anshu Jain sonst das Handtuch werfen könnte.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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