Home
http://www.faz.net/-gql-74r4u
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Angst vor der Jugendarbeitslosigkeit Die Träume und Sorgen von Schülern und Studenten

 ·  Der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz und die Angst vor Hartz IV beschäftigen die jungen Leute. Fünf Schüler und Studenten berichten von den Sorgen, die sie bewegen, und ihren Träumen.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)
© privat Kathrin Grabysch

Kathrin Gabrysch (20) „Ich fühle mich abgehängt“

Nach dem Abi war ich orientierungslos. Ich habe mich gefragt: Studium oder Ausbildung? In welchen Bereich will ich? Was liegt mir eigentlich? Ich habe mich dann für BWL an der Uni beworben, aber mit meinem schlechten Notenschnitt von 3,5 hatte ich keine Chance. Weil ich nichts gefunden habe, musste ich mich beim Jobcenter melden, jetzt beziehe ich vorerst Arbeitslosengeld II. Zuletzt habe ich mich bei der Stadt als Veranstaltungskauffrau beworben, nach dem Eignungstest kam die schriftliche Absage. Da habe ich schon Respekt bekommen, auch wegen der Krise: Wenn man schon als Abiturientin keinen Ausbildungsplatz bekommt, wie soll es dann insgesamt weitergehen? Besser wird die wirtschaftliche Lage bestimmt nicht.

Ich habe eine Freundin, die hat einen guten Realschulabschluss, aber sie sucht auch schon länger. Ich bekomme bei sehr vielen Bekannten mit, wie schwer es derzeit ist. Ich selbst habe über das Jobcenter einen Platz in einem theaterpädagogischen Projekt bekommen, in dem ich mit anderen jungen Arbeitslosen eine eigene Theaterinszenierung umsetze und auch mit einer Bewerbungstrainerin zusammenarbeite. Das hilft mir, zu erkennen, was ich kann und was nicht. Ich will am liebsten mit Menschen arbeiten. Am Ende des Projektes werde ich ein Praktikum machen und dann wahrscheinlich ein Studium der Sozialpädagogik oder eine Ausbildung in dem Bereich beginnen. Im Moment bin ich noch relativ gelassen, aber wenn es im nächsten Sommer auch nicht mit einem Ausbildungs- oder Studienplatz klappt, bekomme ich bestimmt Panik. Ich weiß, dass es schwierig wird, weil im Sommer ein Doppeljahrgang die Gymnasien verlässt. Wenn ich mit ehemaligen Mitschülern spreche, die einen besseren Abschluss haben und einen Platz gefunden haben, fühle ich mich schon ein wenig abgehängt. Aber entmutigen lassen will ich mich nicht, ich war immer zielstrebig im Leben und werde es schon schaffen.

Johanna Schlotterbeck (18) „Ein festerJob ist ganz wichtig“

Wenn man beobachtet, wie viel Geld die Europäische Zentralbank in Umlauf bringt, dann mache ich mir schon Sorgen. Für uns Junge sind ja vor allem die Langzeitfolgen der Krise relevant - und das viele Geld kann ja auch in einigen Jahren noch für Inflation sorgen. Wenn es den Euro vielleicht irgendwann nicht mehr gibt und die Wirtschaft instabil wird, dann würde uns das besonders treffen. Großes Mitleid habe ich mit den jungen Arbeitslosen in Südeuropa, sie können ja nichts für die Entwicklung, und auf sie wird jetzt alles abgewälzt. Ich bin, was die Krise angeht, ganz gut auf dem Laufenden, weil einer meiner Leistungskurse in der Schule Sozialwissenschaft ist. Da haben wir die Rolle der EZB durchgenommen, die Rettungspakete sind auch oft Thema. In den Medien kommt es ja so rüber, dass Deutschland momentan stabil ist, aber wer weiß, ob das so bleibt. Die wahren Folgen zeigen sich ja immer erst viel später.

Nach dem Abi will ich BWL studieren, da ist man, was potentielle Arbeitgeber angeht, besonders von der wirtschaftlichen Lage abhängig, darum hoffe ich, dass es nicht so schlimm kommt. Um später einen Job zu bekommen, ist es mittlerweile echt notwendig, sich von anderen Bewerbern abzuheben, darum plane ich Praktika und Auslandsaufenthalte. Wegen der Unsicherheiten würde ich sagen, dass ich neutral bis pessimistisch in meine Zukunft blicke. Ganz wichtig ist mir, dass ich eine feste Stelle und ein geregeltes Einkommen haben werde und das mit dem Familienleben verbinden kann.

Marvin Fuchs (18) „Man landet schnell in Hartz IV“

Die Krise ist bei uns zu Hause in Duderstadt oft ein Thema. Mein Vater arbeitet in der Metallbranche, und als in seinem Betrieb Kurzarbeit eingeführt wurde, da haben wir uns alle Sorgen gemacht. Zum Glück war er persönlich am Ende nicht betroffen, aber wir haben uns ausgemalt, was passieren würde, wenn er seinen Job verliert und wir umziehen müssten. Eigentlich schaue ich immer eher optimistisch in die Zukunft, aber ich weiß, dass man wegen der Krise sehr schnell seine Arbeit verlieren kann - auch dann, wenn man immer seine Leistung bringt. Und wenn man nicht schnell etwas Gleichwertiges findet, landet man in Hartz IV. Das macht mir schon Angst. Außerdem macht mir Sorgen, dass es hohe Inflation geben könnte. Das, was meine Eltern für mich gespart haben, wäre dann weg.

Bei mir hat die Unsicherheit zu höherer Leistungsbereitschaft geführt. Ich lerne mehr für Klausuren und mache mehr Hausaufgaben. Ich hoffe, ich schaffe im Abitur die Note 2, das ist mein Ziel. Eigentlich wollte ich früher immer Industriemechaniker werden, aber durch die Wirtschaftskrise und meinen Vater habe ich gesehen, wie unsicher das ist. Darum habe ich mich entschieden, eine Ausbildung als Industriekaufmann zu machen, den Platz habe ich schon.

Nach dem Abschluss möchte ich noch einen Bachelor nachlegen, vielleicht sogar einen Master, das verbessert die Perspektiven. In der Schule habe ich mich gerade mit dem Fachkräftemangel beschäftigt. Einerseits ist es ja schon beruhigend, dass es in manchen Bereichen mehr Arbeitsplätze als Bewerber gibt. Andererseits verlagern Unternehmen auch ihre Produktion ins Ausland, weil sie hier nicht genug qualifizierte Arbeitskräfte finden. Der Fachkräftemangel hat also auch schlechte Seiten für mich.

Anna Wetzel (19) „Lehrer ist ein sicherer Job“

Mit 16 habe ich angefangen, die Nachrichten zu verfolgen und Zeitung zu lesen. Da war die Krise schon da. So richtig verstanden habe ich nie, was da genau passiert, leider haben wir das auch in der Schule nicht behandelt. Und wenn man sich selbst damit beschäftigt, dann versteht man die größeren Zusammenhänge nicht. Man denkt immer nur: So kann es nicht ewig weitergehen. Obwohl ich nie richtige Angst wegen der Krise hatte, hat sie für mich eine Rolle gespielt, als ich nach dem Abi über meine Zukunft nachgedacht habe. Mein Vater ist arbeitslos, vielleicht auch darum ist mir Sicherheit sehr, sehr wichtig. Ich will später eine Familie gründen, aber das kann nur klappen, wenn ich mich wirklich abgesichert fühle. Darum habe ich mich entschieden Lehrerin zu werden, wie meine Mutter. Sie ist zwar nicht verbeamtet, aber trotzdem ist das ein Beruf, der Sicherheit gibt.

Ich bin noch nicht lange an der Uni Potsdam, aber schon jetzt hört man, dass es einen harten Kampf um die Referendariatsplätze gibt. Es ist mir darum total wichtig, einen guten Studienabschluss mit guten Noten zu machen. Danach will ich noch für ein Jahr ins Ausland, am liebsten nach Indien - vielleicht hilft mir das dann später auch. In Indien war ich letztes Jahr auch schon, da habe ich viel Armut und Elend gesehen, das relativiert das Ganze mit der Krise ein wenig. Man vergleicht das Leben hier mit dem in Indien und merkt, dass es gar nicht so schlimm ist, dass man nicht viel Bafög bekommt oder der Bus mal nicht pünktlich kommt.

Jonas Schramm (19) „Muss mich eben anstrengen“

Ich habe es damals im Fernsehen verfolgt, als die Bundeskanzlerin und Peer Steinbrück gesagt haben, dass die Ersparnisse angeblich nicht in Gefahr sind. Seitdem war die Krise für mich irgendwie immer präsent und im Hinterkopf. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie in meiner näheren Umgebung stattfindet, Griechenland und Spanien sind für mich weit weg, und Massenarbeitslosigkeit gibt es hier nicht. Wenn ich heute in den Nachrichten höre, dass es wieder ein Problem mit Spanien gibt, dann ist das irgendwie Normalität.

Mit meinem Vater habe ich über die Sache ein paarmal gesprochen. Er arbeitet bei BMW, und es hat mich beruhigt, dass er sich keine Sorgen um seine Firma und seinen Job macht. In der Schule war die Krise schon ein Thema, mit Freunden habe ich aber eigentlich noch nie darüber gesprochen. Jetzt, an der Uni, ist das auch nicht anders. Ich habe das Gefühl, die Leute lassen sich davon nicht beeinflussen. Ich selbst habe keine Konsequenzen aus der Krise gezogen und zum Beispiel angefangen alles Geld zu sparen.

Natürlich hoffe ich, dass es einen Weg aus der Krise gibt. Keine Ahnung, wie der aussieht. Meine eigene Zukunft sehe ich optimistisch. Wenn ich mich reinhänge und gute Arbeit leiste, werden die Arbeitgeber das schon merken. Ich will Journalist werden, mir ist klar, dass der Einstieg in den Beruf nicht einfach wird und ich am Anfang vielleicht nicht gleich eine Festanstellung bekomme. Aber ich habe schon vor dem Studium ein Praktikum gemacht und plane ein Auslandssemester in Amerika. Das wird schon klappen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Lieber ehrlich

Von Johannes Pennekamp

Die SPD und noch mehr die Grünen haben höhere Steuern für Top-Verdiener angekündigt - und finden sich dabei besonders ehrlich. Was sie gerne verschweigen: Zu den Top-Verdienern im Land zählen nicht nur Millionäre mit Sportwagen, sondern auch schon leitende Angestellte, Handwerksmeister und Beamte. Mehr 1 10


Wichtigste Werte
Name Kurs Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --