Die Frau, deren Brüste Tausende Menschen gesehen haben, trägt heute einen schwarzen Pulli. Ganz hochgeschlossen. Und eine blaue Jeans. Angelika Taschen schwebt ins Café Einstein an der Berliner Kurfürstenstraße, sehr groß, sehr schlank, sehr biegsam, sehr herzlich. Aber auch sehr souverän. Kein Problem, selbstverständlich, Sie können den Ecktisch haben, flötet die Kellnerin, die kurz zuvor erklärt hatte, dass leider alles am Fenster reserviert sei.
Aber da war Angelika Taschen noch nicht da. Diese Frau muss nicht ihre Brüste zeigen, sie muss nur hereinkommen und lächeln, damit die Leute verstehen: Nobody puts Angelika in a corner. Es sei denn, sie will genau da sitzen.
Angelika Taschen, 53 Jahre alt, ist Verlegerin. Sie hat einen kleinen Kunst-Verlag, den wenige Menschen kennen, aber sie war davor bei einem großen Verlag, dem Weltmarktführer für Bildbände, dem Taschen Verlag. Mit dem Verleger, ihrem langjährigen zweiten Ehemann Benedikt Taschen, hat sie das Haus groß gemacht. Sie hat den Deutschen Kunstbücher für 9 Euro gegeben, ein Buch von Leni Riefenstahl verlegt, der Welt gezeigt, wie die Apartments von Julianne Moore und Julian Schnabel aussehen.
Ganz oder gar nicht
Sie hat sich und ihren Gatten in verrücktesten Posen ablichten lassen, nackt wie angezogen, und sie hat vier Jahre in einem der aufregendsten Häuser der Welt gelebt, dem Chemosphere House in Los Angeles, einer Art Raumschiff, das auf einem großen Pfeiler über Los Angeles schwebt. „Ich bin kreative Unternehmerin“, sagt sie. Gerade erfindet sie sich wieder neu.
Eigentlich ist das Leben von Angelika Taschen eine Reihe von Neuerfindungen. Ganz am Anfang sah es so aus, als würden nicht Bücher ihr Leben bestimmen, sondern die Bühne. Sie wollte Tänzerin werden, lernte zehn Jahre lang Ballett bei Carole Maré in Bonn. Warum aus der Tanz-Karriere nichts wurde, dafür gibt es viele Erklärungen.
Eine Erklärung lautet, dass Taschen zu groß ist. Sie habe sogar mit dem Gedanken gespielt, ihre langen Beine operativ zu verkürzen, um auf der Bühne stehen zu können, erfährt man. Die andere Erklärung ist einfacher: Taschen wollte ihrem Leben mehr Tiefgang geben. Das Kind zweier Buchhändler, das sogar in einer Buchhandlung gezeugt wurde, wie sie gern erzählt, wollte den Büchern näherkommen. Heute tanzt sie nicht mehr, sondern macht Yoga. „Ich tanze nur mit meiner Enkelin. Wenn man älter wird, rutscht man als Tänzerin schnell auf ein Hausfrauen-Niveau. Und wer mal wirklich ernsthaft getanzt hat, leidet darunter. Sie können nur ganz oder gar nicht Ballett tanzen.“
Buildings, breasts und Angelika
Also gar nicht. Taschen studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Heidelberg, schrieb eine Dissertation über „Bühne und Bildende Kunst im Futurismus“ und entdeckte bei einem Streifzug über die Frankfurter Buchmesse den Verlag, der über 23 Jahre ihre Heimat sein sollte. An einem Messestand fiel ihr eine junge, hippe Truppe auf, die Spaß zu haben schien: das Team des Taschen Verlags.
Angelika Taschen, damals Angelika Muthesius, fuhr heim, schrieb eine Bewerbung, stellte sich in Köln vor und wurde als Lektorin eingestellt. The rest is history. Sie stieg auf zur Cheflektorin, und irgendwann schloss sie eine kongeniale private und berufliche Allianz mit dem Chef.
„Buildings and breasts have made Benedikt Taschen rich“, schrieb der „Guardian“ einmal über den Verlagsgründer. Und Angelika, sollte man ergänzen. Der Siegeszug von Taschen begann aber mit Magritte. Ein Buch über den Maler mit einer Auflage von 40.000 Stück war die Basis für den weltweit erfolgreichsten Bildband-Verlag, der jedes Jahr 20 Millionen Bücher verkauft.
Die Taschen-Basic-Reihe über die großen Maler liegt in jedem Museumsshop. Dank Taschen kann jeder Deutsche für ein paar Euro Klimt oder Da Vinci verstehen oder Annie Leibovitz’ Fotos daheim bewundern. Und nackte Menschen aller erdenklichen Formate. Angeblich ging zeitweise alle 16 Sekunden irgendwo ein Taschen-Buch über die Theke. 2011 machte der Verlag 38 Millionen Euro Umsatz. Aber Angelika ist nicht mehr an Bord.
„Echte Spürhundqualitäten“
Das Ende ihrer Ehe verkündete das Verlegerpaar 2003 per Pressemitteilung („To whom it may concern...“), wohl ein normales Vorgehen für ein Paar, das stets im Doppelpack auftrat, sich in Sado-Maso-Pose fotografieren ließ, sie nur mit einer Augenmaske bekleidet und einer Peitsche in der Hand, er im Anzug mit nacktem, hochgerecktem Po.
Nach der Scheidung blieb Angelika Taschen noch sechs Jahre im Verlag. Jetzt hat sie ihren eigenen Betrieb, und weil ihr der Nachname Taschen zwar noch gehört, aber eben nur ihr als Mensch, heißt die neue Firma: Angelika Publishers. Mit ihrem Vornamen darf sie machen, was sie will, und er ist auch eine Marke. „Angelika hat dem Taschen-Verlag Grandezza gebracht“, sagt Christian Boros, Kunstsammler, Werber, Freund, Weggefährte. Er preist ihr Gespür für Kunst. „Sie hat ein kindliches Entdecker-Gen, echte Spürhundqualitäten.“
Taschen nennt ihr Mini-Unternehmen einen „Boutique Verlag“. Sie macht kunstvolle Bücher über Mode, Fotografie, Malerei, aber als Künstlerin fühlt sie sich nicht. „Man kann nicht beschließen, Künstler zu werden. Das ist eine Berufung. Für so ein Leben bin ich auch zu pragmatisch.“ Ihr Pragmatismus fängt beim Geschäftsmodell an: Taschen betreibt eine Mischkalkulation. Sie ist Verlegerin, Beraterin, Brand-Designerin. Mal macht sie ein aufwendiges Buch mit Schwarzweißbildern einer unbekannten jungen Modefotografin, dann eines im Auftrag von und über einen französischen Parfumeur, samt Vorwort von Catherine Deneuve.
Außerdem berät die Jetsetterin eine Hotelkette, schreibt an einem Style-Guide für Berlin (für einen anderen Verlag) und entwirft nebenbei die Corporate Identity für eine neue Fairtrade-Gewürz-Firma - plus Flyer für eine Messe.
„Man muss der Tatsache ins Auge sehen: Bücher sterben aus“, klagt die Verlegerin in ihrem rheinischen Singsang. „Heute können Sie nicht nur ein klassischer Buchverlag sein, Corporate Publishing wird mehr und mehr die Zukunft sein.“ Das hätten große Bildbandverlage längst eingesehen. Sie veröffentlichten auch auf Rechnung von Luxusfirmen wie Dior oder Louis Vuitton. Angelika Taschen selbst hätte nach dem Taschen-Verlag wieder bei einem Großverlag in führender Position einsteigen können, berichtet sie, sich aber bewusst für das eigene, kleine Projekt entschieden, weil sie nicht mehr „24/7“ arbeiten und sich weiterentwickeln wollte.
Sie müsste nicht mehr arbeiten, Geld ist genug da, aber die Arbeit macht ihr zu viel Spaß, um vom Ersparten zu leben. „Eigentlich will ich nie aufhören zu arbeiten. Mit 65 ist man ja heute noch nicht alt, solange man nicht am Fließband arbeiten musste. Und mein Leben hat mir gezeigt, dass Planung für mich Quatsch ist.“ Für die Frührente ist Angelika Taschen aber auch zu vorsichtig. „Es ginge, aber man stelle sich vor, dass eine neue Wirtschaftskatastrophe kommt.“ Eine Katastrophe wie der Milliarden-Schwindler Bernie Madoff etwa. Eine gute Freundin von Taschen verlor in seinem Schneeballsystem ihr gesamtes Vermögen.
Wohnungen auf Bling Bling trimmen
Auf die Börse gibt Taschen sowieso keinen Pfifferling, seit sie in den Crashs von 2003 und 2008 viel Geld verlor. Der Vorteil: Jetzt ist da ein befreundeter Anlageberater mit furchtbar schlechtem Gewissen, auf dessen Loyalität sie zählen kann. Trotzdem baut Taschen am liebsten auf Beton: Ihr gehören Häuser in Berlin. Keine Straßenzüge, „wenige Objekte in guten Lagen“. Denn: „Immobilien passen zu mir. Wenn ich eine Wohnung saniere, dann mit Herzblut. Da wird nicht schrubb schrubb gemacht.“
Dass die Stadt Investoren wie ihr verbieten will, Wohnungen auf Bling Bling zu trimmen, stört sie nicht. „Berlin muss sich weiterentwickeln, aber darf nicht werden wie London, wo keine Krankenschwester sich eine Miete in der Stadt leisten kann.“ Berlin lebe davon, dass kreative Leute mit vielen Ideen und wenig Geld tolle Dinge machten.
Taschen selbst lebt inmitten kreativer Leute mit viel und wenig Geld. Wenn ein Stardesigner in der Stadt ist, sitzt sie in der ersten Reihe, aber sie kennt auch coole, kleine Galeristen. Ihr Tagesablauf: früh aufstehen, Mails lesen und Telefonate, dann Yoga, nachmittags dann Verlagstermine. Abends: Essen, Freunde treffen, Frauen-Netzwerke pflegen, Vernissagen besuchen. „Das Social Life kann sehr anstrengend sein in Berlin. Ich musste erst lernen, dass man nur so viel machen kann, wie man aushält. Anfangs wollte ich alles erleben.“
Angelika Taschen, Jahrgang 1959, ließ sich nach dem Abitur zur Ballett-Tänzerin ausbilden. Aber bald zog es sie ins Metier der Eltern, die Buchhändler waren. Nach Germanistik- und Kunstgeschichte-Studium und einer Promotion stieg sie 1986 in den Benedikt Taschen Verlag ein, mit dessen Gründer sie bis 2004 verheiratet war. Beide lebten mehrere Jahre im futuristischen „Chemosphere House“ von Architekt John Lautner in Los Angeles. Seit 2004 lebt Taschen in Berlin; seit 2010 verfolgt die Mutter einer Tochter und Oma zweier Enkel eigene Projekte.
Seit 2011 verlegt Angelika Taschen Bücher über Kunst, Architektur, Fotografie und Mode in ihrem Boutique-Verlag Angelika Publishers. Auch berät sie Hotels, entwickelt Brands für Firmen und schreibt Bücher. Ihr gehören mehrere Häuser in Berlin, die sie vermietet. Ihr Verlag soll in das Königliche Hofbaudepot in Berlin umziehen, das derzeit von einem Stararchitekten umgebaut wird. Berühmt wurde die Verlegerin durch ihre Arbeit beim Taschen Verlag ihres Ex-Ehemanns. Es ist der erfolgreichste Bildband-Verlag der Welt, der jährlich 20 Millionen Bücher verkauft.
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