Home
http://www.faz.net/-gql-74kke
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Angelika Jahr Die Verlegerin

Jahrzehntelang war sie Journalistin mit Herzblut, ihre eigene Erfindung „Essen & trinken“ verteidigte sie hartnäckig gegen Schließungspläne. Jetzt muss Angelika Jahr dulden, dass Zeitungen des Verlages dichtgemacht werden.

© Gruner + Jahr Vergrößern „Zeitschriften müssen gelesen werden und sich rechnen“, sagte Angelika Jahr einst

Die Sitzung des Aufsichtsrats von Gruner + Jahr dauert lang an diesem Mittwoch. Mittags um 12 Uhr treffen sich die zwölf Mitglieder im Konferenzraum K1 des Verlagshauses am Hamburger Baumwall, und sie werden den Raum erst weit nach 21 Uhr wieder verlassen. Sie entscheiden über die Arbeitsplätze von mehr als 300 Wirtschaftsjournalisten, Layoutern, Grafikern, Marketing- und Verlagsmenschen. Es ist nicht der einzige Tagesordnungspunkt auf ihrer Liste, aber es ist der wichtigste und der schmerzhafteste.

Am Ende stimmt die Runde zu: Das Verlagshaus Gruner + Jahr beerdigt seine wichtigsten Wirtschaftsblätter. Die Financial Times Deutschland (FTD), seit zwölf Jahren auf dem Markt - den zehnten Geburtstag feierte noch die Bundeskanzlerin mit -, wird am 7. Dezember zum letzten Mal erscheinen. Ebenfalls geschlossen werden „Impulse“ und „Börse Online“.

Zupackend, aber geduldig, steinreich, aber bescheiden

Mit in der Runde im K1 sitzt Angelika Jahr-Stilcken, 71 Jahre alt, die Tochter des Verlagsgründers John Jahr. Wie sie abstimmte, ist offiziell nicht bekannt. Aber klar ist: Sie kann nicht dagegen votiert haben. Ihr Veto, ihr Widerstand hätten die Wirtschaftsmedien noch retten können, denn die Jahr Familienholding, als deren Vertreterin Angelika Jahr im Raum sitzt, hält eine Sperrminorität am Verlagshaus.

Die Verlegerin wäre die geborene Verteidigerin der FTD gewesen: Jahrzehntelang war sie Journalistin mit Herzblut, ihre eigene Erfindung „Essen & trinken“ verteidigte sie hartnäckig gegen Schließungspläne, bis das Magazin endlich schwarze Zahlen schrieb. Sie ist die Letzte, die leichten Herzens Zeitungen, Magazine, Redakteursstellen streicht. Aber Angelika Jahr entstammt eben auch einer alten Kaufmannsfamilie. Auch sie konnte nach zwölf Jahren, nach 250 Millionen Euro Investitionskosten ohne ein einziges Jahr mit Profit, die Zahlen nicht länger ignorieren. „Zeitschriften müssen gelesen werden und sich rechnen“, sagte sie einst. „Sonst macht es keinen Spaß. Da bin ich ganz die Tochter meines Vaters.“

In dieser bitteren Woche möchte sich die Verlegerin nicht öffentlich äußern. Wer sich über sie äußert, der möchte meist nicht namentlich genannt werden, und sei er voll des Lobes über Angelika Jahr. Tatsächlich ist nur Lob zu hören: Geradlinig sei die Frau, zupackend, aber geduldig, steinreich, aber bescheiden, kompetent und herzlich - „eine Verlegerpersönlichkeit im besten Sinne“, wie es der langjährige „Brigitte“-Chef Andreas Lebert sagt.

Was man alles mit einer Avocado anstellen kann

Mag die Journalistin Angelika Jahr-Stilcken in den siebziger Jahren auch ohne abgeschlossenes Psychologie- und Germanistik-Studium in das Pressehaus gekommen sein, als Tochter des großen Verlegers und direkt auf den Posten als stellvertretende Chefredakteurin von „Petra“ und „Schöner Wohnen“. Alle solchen beneideten Startvorteile sind lang vergessen. Angelika Jahr hat ihr Können als Erfinderin und Chefredakteurin von einem halben Dutzend Zeitschriften, als Spartengeschäftsführerin, Vorstandsfrau und Aufsichtsrätin zur Genüge bewiesen. Bei Gruner + Jahr hatte sie im Laufe ihrer Karriere fast jede wichtige Funktion einmal inne, ob kaufmännisch oder publizistisch.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Medienhaus Friede Springer gibt die Mehrheit an ihrem  Konzern ab

Axel Springer bekommt eine neue Rechtsform: Aus der Europa AG wird eine Kommanditgesellschaft auf Aktien. So kann die Verlegerwitwe auf die Aktienmehrheit verzichten, ohne Einfluss zu verlieren. Mehr Von Henning Peitsmeier

08.12.2014, 16:31 Uhr | Wirtschaft
Hanser hat keine Modiano-Bücher auf der Messe

Wenige Minuten nach Bekanntgabe des Literaturnobelpreises wurde der Stand des Hanser Verlags von Kameras belagert. Doch dort war man nicht vorbereitet: Ein Buch von Modiano fand sich nirgends. Mehr

09.10.2014, 14:18 Uhr | Feuilleton
Machtkampf beim Spiegel Die Nachricht ist das Nachrichtenmagazin

Beim Spiegel ist was los: Der Chefredakteur und der Geschäftsführer sind bald weg. Doch es geht nicht bloß um die beiden. Wenn sich die Mannschaft nicht zusammenreißt, droht dem Magazin die Existenzkrise. Mehr Von Michael Hanfeld

06.12.2014, 13:08 Uhr | Feuilleton
Die trauen sich was

Ein Smartphone wie den Passport hat die Welt noch nicht gesehen. Das Gerät ist gewöhnungsbedürftig. Aber es begeistert den Geduldigen mit vielen raffinierten Funktionen. Mehr

06.10.2014, 14:30 Uhr | Technik-Motor
Wegen Gebühr Google schaltet in Spanien Nachrichtenseite ab

In Spanien müssen Suchmaschinen ab Januar eine Gebühr an Verlage und Autoren zahlen, wenn sie Auszüge aus deren Texten anzeigen. Google missfällt das und schließt seine dortige Nachrichten-Website. Mehr

11.12.2014, 07:23 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.11.2012, 10:42 Uhr

Gabriels Ente

Von Jan Grossarth

Sigmar Gabriel entsagt der Ente aus Massenhaltung. Das ist gut für die Ente - doch auch ziemlich arrogant, den Entenbraten der meisten Wähler „Mist“ zu nennen. Mehr


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages In Griechenland wird die Arbeit wieder teurer

Jahrelang sanken in Griechenland die Arbeitskosten. Diese Entwicklung scheint nun am Ende zu sein, im vergangenen Quartal stiegen sie erstmals seit 4 Jahren wieder deutlich an. Mehr