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Angelika Jahr Die Verlegerin

 ·  Jahrzehntelang war sie Journalistin mit Herzblut, ihre eigene Erfindung „Essen & trinken“ verteidigte sie hartnäckig gegen Schließungspläne. Jetzt muss Angelika Jahr dulden, dass Zeitungen des Verlages dichtgemacht werden.

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© Gruner + Jahr „Zeitschriften müssen gelesen werden und sich rechnen“, sagte Angelika Jahr einst

Die Sitzung des Aufsichtsrats von Gruner + Jahr dauert lang an diesem Mittwoch. Mittags um 12 Uhr treffen sich die zwölf Mitglieder im Konferenzraum K1 des Verlagshauses am Hamburger Baumwall, und sie werden den Raum erst weit nach 21 Uhr wieder verlassen. Sie entscheiden über die Arbeitsplätze von mehr als 300 Wirtschaftsjournalisten, Layoutern, Grafikern, Marketing- und Verlagsmenschen. Es ist nicht der einzige Tagesordnungspunkt auf ihrer Liste, aber es ist der wichtigste und der schmerzhafteste.

Am Ende stimmt die Runde zu: Das Verlagshaus Gruner + Jahr beerdigt seine wichtigsten Wirtschaftsblätter. Die Financial Times Deutschland (FTD), seit zwölf Jahren auf dem Markt - den zehnten Geburtstag feierte noch die Bundeskanzlerin mit -, wird am 7. Dezember zum letzten Mal erscheinen. Ebenfalls geschlossen werden „Impulse“ und „Börse Online“.

Zupackend, aber geduldig, steinreich, aber bescheiden

Mit in der Runde im K1 sitzt Angelika Jahr-Stilcken, 71 Jahre alt, die Tochter des Verlagsgründers John Jahr. Wie sie abstimmte, ist offiziell nicht bekannt. Aber klar ist: Sie kann nicht dagegen votiert haben. Ihr Veto, ihr Widerstand hätten die Wirtschaftsmedien noch retten können, denn die Jahr Familienholding, als deren Vertreterin Angelika Jahr im Raum sitzt, hält eine Sperrminorität am Verlagshaus.

Die Verlegerin wäre die geborene Verteidigerin der FTD gewesen: Jahrzehntelang war sie Journalistin mit Herzblut, ihre eigene Erfindung „Essen & trinken“ verteidigte sie hartnäckig gegen Schließungspläne, bis das Magazin endlich schwarze Zahlen schrieb. Sie ist die Letzte, die leichten Herzens Zeitungen, Magazine, Redakteursstellen streicht. Aber Angelika Jahr entstammt eben auch einer alten Kaufmannsfamilie. Auch sie konnte nach zwölf Jahren, nach 250 Millionen Euro Investitionskosten ohne ein einziges Jahr mit Profit, die Zahlen nicht länger ignorieren. „Zeitschriften müssen gelesen werden und sich rechnen“, sagte sie einst. „Sonst macht es keinen Spaß. Da bin ich ganz die Tochter meines Vaters.“

In dieser bitteren Woche möchte sich die Verlegerin nicht öffentlich äußern. Wer sich über sie äußert, der möchte meist nicht namentlich genannt werden, und sei er voll des Lobes über Angelika Jahr. Tatsächlich ist nur Lob zu hören: Geradlinig sei die Frau, zupackend, aber geduldig, steinreich, aber bescheiden, kompetent und herzlich - „eine Verlegerpersönlichkeit im besten Sinne“, wie es der langjährige „Brigitte“-Chef Andreas Lebert sagt.

Was man alles mit einer Avocado anstellen kann

Mag die Journalistin Angelika Jahr-Stilcken in den siebziger Jahren auch ohne abgeschlossenes Psychologie- und Germanistik-Studium in das Pressehaus gekommen sein, als Tochter des großen Verlegers und direkt auf den Posten als stellvertretende Chefredakteurin von „Petra“ und „Schöner Wohnen“. Alle solchen beneideten Startvorteile sind lang vergessen. Angelika Jahr hat ihr Können als Erfinderin und Chefredakteurin von einem halben Dutzend Zeitschriften, als Spartengeschäftsführerin, Vorstandsfrau und Aufsichtsrätin zur Genüge bewiesen. Bei Gruner + Jahr hatte sie im Laufe ihrer Karriere fast jede wichtige Funktion einmal inne, ob kaufmännisch oder publizistisch.

Aber so viel sie auch in Management-Funktionen mit Zahlen zu tun hatte oder haben musste - Angelika Jahrs journalistischer Schwerpunkt war ganz klar nicht das Wirtschaftsressort. Sie begeisterte sich eher für die Frage, was man alles mit einer Avocado anstellen kann. Die Antwort konnten die staunenden Leser schon in der allerersten Ausgabe der „Essen & trinken“ im Jahr 1972 erfahren - Jahrs „brainchild“. Die meisten Leser dürften damals noch nie von dieser seltsamen Frucht gehört haben.

Jahr begeisterte sich für die Inhalte ihrer Magazine bis ins letzte Detail, und sei es, welcher Pfeffer zu welcher Schokolade passt und ob gemahlen oder nicht. Notfalls meldete sie sich abends von zu Hause mit letzten Änderungswünschen. Denn für ihre Tochter und ihren Sohn, die heute erwachsen sind, verließ Jahr ihr Büro konsequent um 16 Uhr - auch in einer Zeit, als noch nicht von Work-Life-Balance, Teilzeit und derlei Gedöns die Rede war.

Bis heute hat sie ein Büro gegenüber vom Pressehaus

Als Verlegertochter konnte sie sich das leisten. Aber sie bemühte sich auch, es für die anderen Verlagsfrauen selbstverständlich zu machen. „Ich habe mit Angelika Jahr in vielen Innovationsrunden des Verlags gesessen“, erinnert sich Andreas Lebert. „Da saß sie als einzige Frau und hörte sich geduldig unsere Debatten an. Wenn es ihr zu viel wurde, dann ging sie dazwischen, mit einem angriffslustigen Lächeln: Also jetzt muss ich doch auch mal als Frau etwas sagen...“

Jahrs Magazine waren und blieben allerdings auch deshalb erfolgreich, weil sie keine allzu große Scheu vor den Kooperationen hatte, die den G+J-Lifestyle-Magazinen heute angekreidet werden: Koch-Aktionen, gesponsert von Anzeigenkunden, Vermischung von Artikeln und Werbung - alles eine Tradition, die noch auf Angelika Jahrs Zeit zurückgehen soll.

Ihre journalistische Karriere endete 2008, als sie in den Aufsichtsrat des Verlags wechselte. Jetzt arbeitet sie in der PR-Agentur ihres Mannes Rudolf Stilcken mit. Doch bis heute hat die Verlegerin ein Büro am Stubbenhuk, direkt gegenüber vom Pressehaus. Aus ihrem Fenster im Bug des spitz zulaufenden Gebäudes kann sie ihren Verlag beobachten. „Das Blattmachen wird mir am meisten fehlen“, sagte sie damals. Sie sei „von Haus aus und in meiner Seele“ Journalistin. Ihre früheren Kollegen schätzen aber auch, „dass sie Zeitschriften nicht nur erfinden und erfolgreich machen konnte, sondern die Größe hat, Veränderungen zu dulden“, wie es ein ehemaliger Kollege formuliert. So seien in Jahrs Chefredakteurszeit bei „Schöner Wohnen“ noch alle Fotos im Studio inszeniert und fotografiert worden - eine Methode, die irgendwann out war. Echte Wohnzimmer von echten Menschen waren gefragt. Also habe Jahrs Nachfolgerin Julia Jäkel beschlossen, heißt es, das Foto-Atelier in der Hamburger Lederstraße dichtzumachen. Und Jahr habe ihr nicht reingeredet.

„Wir könnten jetzt ganz anders dastehen“

Heute sitzt Jäkel, die einst selbst geschäftsführende Redakteurin der FTD war, im Vorstand von Gruner + Jahr, und der Beschluss über die Wirtschaftsmedien fiel in ihr Ressort. Hätte Angelika Jahr ihr dieses Mal Einhalt gebieten müssen? Auf 2,45 Milliarden Euro wird das Familienvermögen geschätzt, es verschafft ihnen einen festen Platz in den Top-50-Listen der reichsten Deutschen. Der Gewinn des Verlags wurde in den vergangenen zehn Jahren stets brav an die Eigentümer abgeführt. Zwei Milliarden Euro flossen anteilig zu Bertelsmann, wo 74,9 Prozent der Anteile liegen, und an die Familienholding, die seit Anfang November zum Großteil Jahrs Kindern gehört, sie selbst hält nur noch ein Prozent.

Haben die Eigentümer den Verlag ausgesaugt? „Der Springer-Verlag hat im selben Zeitraum 1,8 Milliarden Euro ins Digitalgeschäft investiert“, klagt ein G+J-Manager. „Wir könnten jetzt ganz anders dastehen, es könnte die FTD noch geben.“ Wäre nur mehr investiert worden, sagen sich viele im Verlag, gäbe es heute vielleicht eine Idee, wie sich das Gedruckte gewinnbringend ins Digitale übertragen lässt.

Aber auf Bertelsmann lastet ein Schuldenberg, seit die Gütersloher vor sechs Jahren selbst 4,5 Milliarden Euro für den Rückkauf ihrer Unternehmensanteile ausgaben. „Allein hätten die Jahrs die Investitionen in den Verlag nicht stemmen können“, seufzt der G+J-Manager.

Verlegerische Größen gingen bei Jahrs ein und aus

Dafür schenkte die Familie den Wirtschaftsmedien aber ihre Geduld, und die personifizierte Geduld war Angelika Jahr. Als journalistisches Mitglied saß sie bis 2008 im G+J-Vorstand, wo die Manager um sie herum große Pläne schmiedeten. Die Manager waren angestellt, ihr gehörte der Laden (zum Teil). Dennoch soll sie sich stets zurückgehalten haben, heißt es. „Sie wusste genau, wann sie welche Rolle spielt.“

Heute hat der Verlag das Glück, dass nicht die jüngste Jahr-Generation im Aufsichtsrat sitzt. Für manche Nachkommen dürfte Gruner + Jahr eine normale Beteiligung sein, so wie die Familie auch in eine Spielbank investiert hat, in Immobilien und eine Privatbank. Für Angelika Jahr ist es noch die Herzensangelegenheit ihres Vater, der G+J mit dem Druckereibesitzer Richard Gruner und „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius gründete. Verlegerische Größen erlebte Angelika von klein auf persönlich, sie gingen bei Jahrs ein und aus.

Kein Wunder also, dass die Jahr Holding die Verluste der Wirtschaftsmedien geduldiger gesehen hat als der Mehrheitseigner Bertelsmann. Im Verhältnis zu dem Konzern hatte die G+J-Mannschaft in Angelika Jahr immer eine engagierte Fürsprecherin, heißt es. „Die Unabhängigkeit des Verlags von der globalen Krake Bertelsmann war für sie immer sehr wichtig“, sagt ein einstiger Topmanager. Auch Jahrs Verhältnis zu Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn soll nicht das herzlichste sein. Schon mehrere Versuche der Gütersloher, die Anteile der Jahrs zu übernehmen, sind gescheitert, zuletzt im Oktober dieses Jahres. Und die Bewertungsfragen, die offiziell als Grund genannt wurden, dürften dabei nicht das einzige Hindernis gewesen sein.

Der Mensch

Angelika Jahr-Stilcken, Jahrgang 1941, ist das jüngste von vier Kindern des Verlegers John Jahr senior, dem Gründer des Verlags Gruner + Jahr . Sie studierte Psychologie, Germanistik und Philosophie, vor dem Abschluss verließ sie aber die Universität und machte ein Volontariat bei der „Welt“. Nachdem sie das Mediengeschäft bei einem amerikanischen Verlag gelernt hatte, ging sie Anfang der siebziger Jahre zu G+J.

Die mit einem Unternehmensberater verheiratete Mutter von zwei Kindern war dort 38 Jahre lang Chefredakteurin, Herausgeberin und Geschäftsführerin mehrerer Lifestyle-Magazine und entwickelte Titel wie „Essen & trinken“ oder „DOGS“. Von 2000 bis 2008 war sie journalistisches Vorstandsmitglied des Verlags, seit 2008 sitzt sie im Aufsichtsrat von G+J.

Das Unternehmen

Das Vermögen der Verlegerfamilie ist in der Jahr Familienholding gebündelt. Neben Immobilien und diversen Unternehmensbeteiligungen ist der größte Batzen des Familienvermögens die Beteiligung über 25,1 Prozent an G+J, Europas größtem Verlagshaus mit gut 500 Titeln in mehr als 30 Ländern.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass G+J seine Wirtschaftsmedien aufgeben will: Die „Financial Times Deutschland“, „Impulse“ und „Börse Online“ werden eingestellt, nur „Capital“ wird fortgeführt. Patriarch John Jahr senior hatte G+J 1965 mit dem Druckereibesitzer Richard Gruner und „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius gegründet. Nach Gruners Ausstieg 1969 stieg Bertelsmann ein, heute hält der Konzern 74,9 Prozent.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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