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Aleksander Ruzicka : Vom Manager zum Sträfling

Von außen ganz der Alte: Aleksander Ruzicka musste so lange wie kaum ein anderer Manager ins Gefängnis. Jetzt steht er weder auf der anderen Seite des Zauns der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Bild: Frank Röth

Wie ist es, wenn ein Manager zum einfachen Strafgefangenen wird? Aleksander Ruzicka weiß es. Er war acht Jahre hinter Gittern wegen Untreue. Uns erzählt er, wie es war.

          Es war am 24. Oktober 2006, als sich das Leben des Aleksander Ruzicka schlagartig änderte. Gegen acht Uhr am Abend waren sie gekommen, vier Beamte in Zivil, um ihn zu verhaften. Wenig später saß Ruzicka nicht mehr in seiner Villa auf dem Wiesbadener Sonnenberg, sondern in einer Zelle auf dem Polizeipräsidium. Geflieste Wände, eine gemauerte Bank, zwei Papierlaken für die Nacht, „eins zum Drauflegen, eins zum Zudecken, das war’s“. Alles, was er zu Hause schnell noch eingepackt hatte, den Rasierer, die Zahnpasta, die Hautcreme, was man eben so mitnimmt als reiseerprobter Manager, bekam er sogleich wieder abgenommen. Dann fiel die Tür ins Schloss, und einer der schillerndsten Köpfe der Werbebranche, der ehemalige Chef der Mediaagentur Aegis, war hinter Gittern.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Statt wie zuvor zur Großwildjagd nach Südafrika zu fliegen, musste Ruzicka sich fortan mit einer Freistunde auf dem Gefängnishof begnügen. Mit Drogendealern und Gewaltverbrechern klarkommen, statt mit Managern und Politikern zu plaudern. Die Anweisungen der Vollzugsbeamten befolgen, statt selbst Anweisungen zu erteilen. Sich an der Telefonzelle im Flur anstellen, statt mal eben das Handy zu zücken. Mit ansehen, wie ein Zellennachbar den anderen halbtot schlägt, Kieferbruch, Milzriss, Lungenriss, und wie andere sich das Leben nehmen. Geahnt hat Ruzicka das alles in dieser ersten Nacht noch nicht. „Ich dachte, ich hol die Ordner raus, erkläre alles, und dann ist gut“, sagt er. Doch es sollte noch lange dauern, bis es wieder gut wurde.

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          Viele Jahre musste sich Deutschlands Wirtschaftselite vor der Justiz nicht allzu sehr fürchten. Weitgehend ungestört konnte sie schalten und walten, die Finger im Gerichtssaal zum Victory-Zeichen spreizen, wie es einst Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Mannesmann-Prozess tat. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der frühere FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß wurde im vergangenen Jahr zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt, der ehemalige Bertelsmann- und Arcandor-Frontmann Thomas Middelhoff zu drei Jahren wegen Untreue und Steuerhinterziehung, wenngleich seine Verurteilung noch nicht rechtskräftig ist. Der noch amtierende Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen muss sich gerade vor Gericht verantworten, und mit jeder neuen Razzia wächst die Angst in den Führungsetagen: Was, wenn der Staatsanwalt eines Tages auch vor meiner Tür steht?

          Ruzicka hat das alles schon hinter sich. Die Durchsuchungen. Die Ermittlungen. Den Prozess. Das Urteil. Die Haft. Den Kontrollverlust. Am 12. Mai 2009 verurteilte das Landgericht Wiesbaden ihn wegen Untreue in 68 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und drei Monaten. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Ruzicka mehr als 30 Millionen Euro veruntreut hat, indem er Freiminuten, die Fernsehsender der Agentur als Rabatt gewährten, auf eigene Rechnung an Unternehmen verkaufte. Es ist eine der höchsten Haftstrafen, die es in der deutschen Wirtschaftsgeschichte jemals gab, was auch damit zusammenhängt, dass Ruzicka nichts gestehen, keinen „Deal“ mit der Staatsanwaltschaft wollte, der das Urteil hätte mildern können. Ruzicka ist bis heute davon überzeugt, dass er nichts Unrechtmäßiges getan hat, dass alles in Verträgen geregelt war, er niemandem geschadet hat. Also saß er ein, fast achteinhalb Jahre lang, bis zum 1. April dieses Jahres.

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