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Meinungsforschung Das schwierige Geschäft mit den Umfragen

 ·  Meinungsforschung ist eine anspruchsvolle Arbeit. Treffgenaue politische Umfragen sind heute schwieriger als früher - und die Konkurrenz unter den verschiedenen Instituten ist härter.

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© dpa Vergrößern Öder Wahlkampf - öde Umfragen?

„Noch nie gab es einen so langweiligen Wahlkampf, und noch nie wurden so viele Umfragen gemacht“, sagt Manfred Güllner, Chef des Forsa-Umfrageinstituts. Allerdings ist das ein Zitat vom Politikwissenschaftler Max Kaase, der schon 1976 darüber klagte, dass ein öder Wahlkampf durch viele Umfragen nur mäßig interessanter werde.

Die Branche der Markt- und Sozialforschungsinstitute, zu der auch die Wahlforscher gehören, ist ein weites Feld. Rund 200 Anbieter kommen jährlich auf einen Umsatz von etwa 2,5 Milliarden Euro, schätzt Hartmut Scheffler, der Vorsitzende des Arbeitskreises der deutschen Markt- und Sozialforschungsinstitute (ADM). Politik- und Sozialforschung ist nur der kleinste Umsatzbringer. Fast zwei Drittel des Umsatzes wird mit Marktforschung für die Konsum- und Gebrauchsgüterindustrie gemacht. Nur 10 Prozent des Umsatzes wird mit Medien gemacht, die sich auch für politische Umfragen interessieren. „Politische Parteien sind keine tollen Auftraggeber, die sind grundsätzlich arm“, sagte Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer von TNS-Emnid.

„Bedenkliche Tendenz zur Monopolisierung“

Der mit Abstand größte Anbieter in der Marktforschung ist die GfK-Gruppe. In der Branche wird der deutsche GfK-Umsatz auf 350 Millionen Euro geschätzt. Zweitgrößtes Unternehmen ist TNS-Infratest, das 225 Millionen Euro in Deutschland umsetzt. Mit Sozialforschung macht die Gruppe dabei bis zu 30Millionen Umsatz, auf die reine Wahlforschung entfallen 6,5 Millionen Euro, sagt Scheffler, der im Hauptberuf Geschäftsführer der TNS Infratest Holding ist. „Vom Volumen ist die Politik- und Wahlforschung ein relativ kleines Stück, aber durchweg sehr publikumswirksam.“

Neben Infratest Dimap und Emnid, die beide zur TNS-Infratest-Gruppe gehören, tummeln sich auf dem Markt der politischen Umfragen das 1984 gegründete Forsa-Institut, das 1947 gegründete, älteste Institut für Demoskopie Allensbach am Bodensee sowie die Forschungsgruppe Wahlen. Verglichen mit der TNS-Gruppe, sind sie relativ klein. Allensbach macht 8 Millionen Euro Umsatz, etwas mehr ist es bei Forsa. „Es gibt eine bedenkliche Tendenz zur Monopolisierung bei der Wahlforschung“, kritisiert Forsa-Chef Güllner. Infratest-Ableger wie Emnid, TNS und Infratest Dimap hätten inzwischen einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent im Bereich der Wahlumfragen, sein Unternehmen käme noch auf ein Fünftel des Marktes. „Vielfalt verhindert Manipulationen“, sagt Güllner. Gezielte Manipulationen will er allerdings keinem unterstellen.

„Die Bindekraft der etablierten Parteien lässt nach“

Vor vierzig oder dreißig Jahren sind die Umfragemitarbeiter von Haustür zu Haustür gezogen. So macht es Allensbach zum Teil heute noch, 1600 freie Interviewer sind für das Institut tätig. Die meisten anderen setzen auf Telefonumfragen. Eine Umfrage unter rund tausend Bürgern, repräsentativ ausgewählt, kostet 15.000 bis 25.000 Euro, je nach Anzahl der Fragen, erzählt Güllner. Doch der Preiskampf nimmt zu. Günstiger sind Online-Umfragen. Das junge INSA-Institut von Hermann Binkert nutzt die Internetumfragen des internationalen Marktforschungsinstituts YouGov, das in seinem Deutschland-Panel rund 150.000 Adressen hat. Schöppner bleibt skeptisch bei Online-Umfragen: „Der Anteil der Onliner an der Bevölkerung sind etwa 75 Prozent, da wissen Sie aber nicht, wen Sie da erreichen“, sagt er. Aber auch Telefonumfragen erfassen nicht jeden. Etwa jeder zehnte Bürger habe keinen Festnetzanschluss mehr, sie sind nur noch mobil zu erreichen, erklärt Schöppner. „Außerdem steigt die Quote der Verweigerer, die sich gar nicht befragen lassen wollen“, sagt der Emnid-Chef. Manche hätten keine Lust, andere zweifelten an der Seriosität der Umfrage oder vermuten einen kommerziellen Hintergrund. „Man will sich heute weniger stören lassen“, sagt er.

Kopfzerbrechen bereitet den Demoskopen auch ein selektives Antwortverhalten. Zu manchen Themen äußern die Bürger nur ungern ihre wahre Meinung. Bei kontroversen Fragen, die als „politisch unkorrekt“ gelten, wirke eine Schweigespirale, erkannte die Allensbach-Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann. „Politische Parteien, die mit Gegenwind agieren, werden unterbewertet“, erklärt Schöppner. Das sei 1980 beim CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß der Fall gewesen.

Heute kommt hinzu, dass die alten Milieus sich auflösen und die Wähler unberechenbarer geworden sind. „Die Bindekraft der etablierten Parteien lässt nach. Wechselwähler und Nichtwähler sind Gruppen, die deutlich zugenommen haben, die Stammwähler kommen erst an dritter Stelle“, sagt Forsa-Chef Güllner. Schwierig sind Umfragen auch mit Blick auf neue Parteien, die Protestwähler ansprechen: Ein Beispiel war der überraschende Erfolg der Piraten bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl vor zwei Jahren. Inzwischen blickt Güllner „mit Sorge“ auf die eurokritische Partei Alternative für Deutschland. Die steht in Umfragen zwar nur bei 3 Prozent, doch könnte sie mehr Zulauf bekommen, vor allem aus einem radikalisierten eurokritischen Mittelstand. „Inzwischen habe ich Bammel davor“, ließ sich Güllner im „Stern“ zitieren. Wenn die AfD auf 4 Prozent steige, sei eine neue Dynamik möglich, die die Eurokritiker bis in den Bundestag tragen könne. Auch INSA-Chef Binkert sagt: „Die Stimmung wird positiver für die AfD, entgegen den Erwartungen.“

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21.08.2013, 21:09 Uhr

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