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Termine werden knapp : Grippewelle bringt Ärzte an ihre Grenzen

Volle Wartezimmer in den Arztpraxen: Sind wir vielleicht einfach zu weinerlich diesen Winter? Bild: dpa

Zweieinhalb Millionen Grippekranke waren innerhalb einer Woche beim Arzt. Noch scheint sich die Grippewelle nicht abzuschwächen. Der Ärztechef warnt vor einer Überlastung.

          Husten und Schniefen, Kopf- und Gliederschmerzen sorgen derzeit für viele Krankmeldungen, leere Werkhallen und Büros, aber für volle Wartezimmer der Ärzte. Die jahreszeitlich typische Grippewelle hat das Land inzwischen in der neunten Woche im Griff. Und jede Woche gehen mehr Menschen mit Atemwegsbeschwerden, Husten und Heiserkeit zum Arzt, wie neue Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigen. Vorige Woche waren es so viele wie kaum je einmal zuvor.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Grippe-Karte der „Arbeitsgemeinschaft Influenza“ zeigt für die meisten Regionen Deutschlands in leuchtendem Rot eine „stark erhöhte“ oder „erhöhte“ Grippeaktivität. Das Institut wertet dafür unter anderem Daten aus knapp 600 Praxen aus. Demnach hatten die in der vorigen Woche beinahe dreimal so viel Besuch wie in der Nicht-Grippe-Saison Oktober/November. Genau gesagt, war die Zahl der Patienten um den Faktor 2,7 Mal höher. Der „Praxisindex“ erreichte den höchsten Wert der vergangen zehn Jahre, heißt es im RKI. Die Vorjahresmarke von etwa 6 Millionen grippebedingten Arztbesuchen dürfte übertroffen werden. Allein in der vorigen Woche besuchten laut RKI-Schätzung 2,5 Millionen Menschen mit einer akuten Atemwegserkrankung eine Haus- oder Kinderarztpraxis.

          Kassenärztechef Andreas Gassen sagt, „teilweise gelangen die Praxen an ihre Kapazitätsgrenzen“. Doch die Ärzte stemmten die Herausforderung und versorgten die außergewöhnlich vielen grippekranken Patienten. Deshalb bittet der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in der F.A.Z. „um Verständnis, falls Terminplanungen aufgrund des Ansturms auf die Praxen kurzfristig verändert werden müssen“.

          Die Welle flacht noch nicht ab

          Ähnlich heftig hat die Grippewelle in Europa Schweden, Finnland, Irland und die Slowakei erwischt. Allenfalls Albanien und Luxemburg stehen mit „sehr hohen“ Infektionsraten schlechter da. Der Ansturm auf die Praxen hierzulande könnte noch andauern. Voriges Jahr ging die Grippewelle Mitte Februar zurück, sie galt Ende März nach 13 Wochen als erledigt. Allerdings gab es in der Vergangenheit auch schon Grippeviren, die die Leute erst nach 19 Wochen in Ruhe ließen. Nun sagen Dauer und Häufigkeit der Arztbesuche wenig über den Schweregrad einer Influenza aus.

          Die Zahl nachgewiesener Grippetote liegt mit bislang 216 unter der des Vorjahres mit 723 Todesfällen. Ein Grund dürfte sein, dass aktuell in drei von vier getesteten Fällen das Virus vom Typ „B“ ermittelt wurde, Viren des Typs „A“ (H1N1, H3N2) seltener vorkommen. Fachleute mahnen aber, die Todesfallzahlen mit Vorsicht zu betrachten. Zum einen erschwere die Häufigkeit vorgenommener Tests den Jahresvergleich, zum anderen könnten sich Grippetote hinter Krankheiten wie Lungenentzündung „verstecken“, die durch Influenzaviren ausgelöst wurden.

          Arbeitsausfall kann in Teilen kompensiert werden

          Dennoch gäben die Daten klare Hinweise auf den Verlauf der akuten Grippewelle: Anders als im Vorjahr sind diesmal offensichtlich alte und damit eher anfällige Menschen weniger oft betroffen als im Vorjahr. Dagegen gehen Leute im Alter von 35 bis 59 Jahren überdurchschnittlich oft wegen Grippe zum Arzt. Da dies die Gruppe ist, die aktiv im Berufsleben steht, dürfte die Zahl der Krankschreibungen von etwa 3,4 Millionen aus dem Vorjahr übertroffen werden. Über die dadurch ausgelösten volkswirtschaftlichen Kosten macht das RKI keine Angaben.

          Die Kosten der Grippewelle seien auch kaum zu beziffern, sagt Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Man werde die Grippewelle „vermutlich nicht in den Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wiedererkennen“. Zusatzkosten entstünden nur, wenn die Ausfallzeiten höher seien als früher. Dazu fehlten aber Daten und Erkenntnisse. Pimpertz warnt auch davor, Krankheit mit dem Ausfall von Produktion gleichzusetzen. Es sei „wenig treffsicher“, krankheitsbedingte Ausfälle mit Hilfe durchschnittlicher Zahlen hochzurechnen. Denn dabei werde übersehen, dass der Arbeitsausfall erkrankter Kollegen durch gesunde Mitarbeiter „zumindest zum Teil kompensiert werden kann“.

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