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Gründe für Zulauf der AfD : Reich und frustriert

Wo drückt der Schuh? Die AfD findet mit ihren einfachen Parolen viele Anhänger – wie hier bei einer Demonstration im Mai am Hauptbahnhof in Berlin Bild: dpa

Die Wirtschaft boomt und die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Trotzdem blüht der politische Radikalismus. Warum? Und lässt sich das Problem mit der AfD durch Geld lösen?

          Deutschland geht es prächtig. Knapp 44,8 Millionen Menschen gehen einer Erwerbstätigkeit nach, so viele wie noch nie. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund fünf Prozent, so niedrig wie seit den frühen achtziger Jahren nicht mehr. Die Wirtschaft wächst, die Löhne steigen allmählich, die Ungleichheit der Einkommen wächst seit zehn Jahren nicht mehr.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Trotzdem sind die Leute unzufrieden. Der Zuspruch für die Regierungsparteien sinkt, die Protestpartei AfD erreicht in Umfragen Rekordwerte. Bundesweit kam sie zuletzt auf rund 15 Prozent, das sind gut zwei Punkte mehr als bei der Bundestagswahl. Nur knapp darunter liegt sie in Bayern und Hessen, wo demnächst gewählt wird. In Ostdeutschland kam sie in einer Erhebung von Infratest dimap sogar auf den ersten Platz, mit 27 Prozent.

          Das Phänomen bedarf einer Erklärung. Für viele Politiker schien die Antwort bisher klar zu sein: Weil die AfD etwa unter Arbeitslosen oder in abgehängten Regionen überdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielt, hat ihr Erfolg eben doch wirtschaftliche Ursachen, trotz des allgemeinen Booms. Also hilft nur Geld. Dass die selbsternannte Partei des Volksinteresses mit großzügigen Rentenversprechen in die nächsten Wahlkämpfe ziehen will, hat die Panik bei den Etablierten verstärkt.

          Die Leute wirtschaftlich bestechen

          Mehr Polizisten und Lehrer soll es geben, stabile Altersbezüge werden versprochen, eine bessere Infrastruktur für die ländlichen Regionen sowieso. Zugespitzt gesagt: Man muss die Leute wirtschaftlich bestechen, um politisch die Liberalität zu wahren.

          Die CDU hat dabei bislang kräftig mitgemacht. Jetzt setzt die neue Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer erstmals einen anderen Akzent. „Wir werden der Versuchung des Sozialpopulismus nicht nachgeben“, sagt sie im Interview mit der F.A.S.. Gerade wegen der guten wirtschaftlichen Lage sei die Sorge um die ökonomische Zukunft des Landes in den Hintergrund getreten. Nur deshalb könnten andere Themen wie die Migrationsdebatte derart ins Zentrum rücken.

          Sie könnte recht haben. Viele Sozialwissenschaftler kommen zu der überraschenden Erkenntnis: Für die Entstehung radikaler Strömungen werden wirtschaftliche Gründe bisher klar überschätzt. Da sind sich ausnahmsweise das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung einig. „Allein durch wirtschaftliche Schwäche lässt sich der regionale Erfolg der AfD nicht erklären“, heißt es in einer IW-Studie: Ihre westdeutschen Hochburgen habe die Partei in Bayern und Baden-Württemberg, zwei reichen Ländern, während sie im ärmeren Nordwesten von Nordrhein-Westfalen bis Schleswig-Holstein bei der Bundestagswahl über einstellige Ergebnisse nicht hinauskam.

          Ausschlaggebend seien vielmehr „kulturhistorische, soziokulturelle oder sozialpsychologische Faktoren“. Auch die Böckler-Forscher sagen, eigene Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit hätten „keinen signifikanten Einfluss auf das Wahlverhalten“. Wohl aber spielten Abstiegsängste eine Rolle.

          Keiner der Forscher bestreitet, dass die AfD unter Arbeitslosen oder Geringverdienern viele Stimmen einfährt (siehe Grafik). Aber nicht nur. Neben dem „prekären Milieu“ sei die „bürgerliche Mitte“ unter den Anhängern der Partei stark vertreten, ermittelte die Bertelsmann-Stiftung nach der Bundestagswahl. Die AfD werde „zwar häufiger von Modernisierungsverlierern, aber auch einem Teil der Mittelschichten getragen“, haben Leipziger Forscher um den Soziologen Holger Lengsfeld herausgefunden.

          Und der Osnabrücker Politologe Armin Schäfer glaubt, seit den siebziger Jahren habe sich die politische Auseinandersetzung von der klassischen Links-rechts-Achse (Markt gegen Staat) auf eine kulturelle Konfliktlinie verschoben: Individualismus gegen Gemeinschaft.

          Wen gut aussehende junge Syrer stören

          Auf der einen Seite stehen die „Kosmopoliten“, erläutert der Leipziger Forscher Lengsfeld, also jene Globetrotter, die sich in Berlin, New York und Schanghai gleichermaßen wohl fühlen und zufrieden seufzend feststellen, wie klein die Welt doch inzwischen geworden ist. Auf der anderen Seite stehen die „Kommunitaristen“, denen die große weite Welt gestohlen bleiben kann, vor allem auf dem heimischen Marktplatz. Sie sehen die Globalisierung als kulturelle und ökonomische Bedrohung, auch weil sie die Konkurrenz einschleppt:

          Wettbewerb um Jobs, Wohnungen – und womöglich auch um Frauen. In manchen ländlichen Regionen Ostdeutschlands gibt es durch weibliche Abwanderung ohnehin schon einen starken Überhang an Männern. Da kann eine Erweiterung des Angebotspools durch gut aussehende junge Syrer nur stören. „Es wäre erstaunlich, wenn das keine Rolle spielte“, sagt der Leipziger Soziologe Andreas Tutic.

          Gefühle schlagen Statistik

          Nicht nur Modernisierungsverlierer haben eine Schwäche für radikale Ideen. Die Arbeitslosenquote kann noch so niedrig, das Wachstum noch so hoch sein, ein Teil der Bevölkerung fühlt sich trotzdem zurückgelassen. „Mit Statistik kommt man nicht gegen Gefühle an“, sagt der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer. „Die AfD schafft es, aus der individuellen Ohnmacht kollektive Machtphantasien zu bauen.“

          Diese Art der Radikalisierung fand schon lange vor Chemnitz und Köthen statt, sogar vor der Gründung der Pegida-Bewegung vor vier Jahren. Das Potential war latent schon vorher da, Heitmeyer hat es schon Anfang des neuen Jahrtausends auf rund 20 Prozent der Bevölkerung taxiert – in ganz Deutschland, quer durch alle Bevölkerungsschichten.

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          Der einzige Faktor von Gewicht, so Heitmeyer, ist Anerkennung. Die drückt sich nicht nur in Geld aus. „Wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts“, sagt der Forscher. Dabei zählt, ob die eigene Meinung gehört wird – und ob man das auch so empfindet. „Für uns hat der Staat keinen Cent übrig, aber für die Flüchtlinge zahlt er Milliarden“: So formulieren AfD-Anhänger das Gefühl der eigenen Herabsetzung. Fakten spielen dabei allenfalls eine untergeordnete Rolle.

          Wenn die Anerkennung fehlt, sehnen sich die Leute nach der starken, autoritären Hand. Die bietet derzeit die AfD, die Partei des „autoritären Nationalradikalismus“, wie Heitmeyer sie nennt. Das Deutschsein ist der zentrale Identitätsanker, die Wiederherstellung der Kontrolle das Versprechen. Das verfängt nicht nur bei Arbeitslosen und Geringverdienern. Die AfD ist inzwischen tief in das Bürgertum eingedrungen, ihre Anhängerschaft umfasst Professoren genauso wie Ärzte oder Anwälte.

          Westen konnte Hoffnungen nicht erfüllen

          Gut möglich, dass sie getrieben sind von Statusängsten, also von der puren Angst, dass sie oder ihre Nachkommen an Prestige und Einfluss in der Gesellschaft verlieren. Genauso denkbar ist, dass sie einfach nur eine lange Tradition des Herrschaftsdenkens pflegen – geprägt von einem herablassenden „Wir hier oben, ihr da unten“ – mit Flüchtlingen auf unterster Hierarchie-Ebene.

          Es gibt vieles, was AfD-Anhänger in Ost und West eint, aber ebenso einiges, was sie trennt. Auch im Westen wird die Partei gewählt, in so reichen Städtchen wie Heilbronn oder den Orten im Taunus. Aber im Osten ist der Zuspruch weit größer, in manchen Regionen ist die AfD stärkste Partei, und selbst in den Szenevierteln der Großstädte kommt sie noch auf zehn statt auf die im Westen üblichen fünf Prozent.

          Auch das ist erstaunlich, wenn man nur aufs Materielle schaut. Nach der Wende mag es zwar gebrochene Erwerbsbiographien gegeben haben, aber viele haben sich auch objektiv verbessert, sagt der Leipziger Soziologe Tutic. Die Zeit der großen Arbeitslosigkeit ist vorbei. Das allerdings ist nicht das einzig Entscheidende. Womöglich haben sich viele noch mehr erhofft vom goldenen Westen. Gemessen daran wäre das Erreichte eine herbe Enttäuschung.

          Viel wird über die Integration von Ausländern gesprochen, aber ein Teil der Deutschen könnte mit dem gleichen Maßstab als nicht integriert gelten. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping hat darüber gerade ein Buch geschrieben: „Integriert doch erst mal uns“. Der Satz bezieht sich auf den Status der Ostdeutschen als Minderheit in der vereinten Bundesrepublik. Auch Köpping stolperte über den Widerspruch zwischen materiellem Erfolg und kulturellem Unbehagen. „Sachsen ist ein Bundesland, dem es gut geht“, schreibt sie. Und trotzdem gebe es eine „ungeahnte Erregung“, Hass auf „die da oben“, auf Flüchtlinge und auf „das System“.

          Die Ministerin sieht die Ursache in „unbewältigten Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten“ aus der Nachwendezeit während der neunziger Jahre. Sie zieht auch vorsichtig Parallelen zu anderen Bevölkerungsgruppen, die auf einmal als Minderheit in einer anders geprägten Mehrheitsgesellschaft wiederfinden: zu den Migranten. Auch hier kommt nach einer Generation oft die heikelste Phase im Integrationsprozess, zu dem Zeitpunkt also, an dem sich das vereinte Deutschland jetzt befindet.

          Ständiges Nachahmen verursacht Identitätsverlust

          Das ist kein rein deutsches Phänomen. In Ungarn und Polen sind Parteien, die in manchem der AfD nahestehen, schon an der Regierung – und das, obwohl die Länder im wirtschaftlichen Aufholprozess weit vorangekommen sind. Gerade im ständigen Aufholen und Nachahmen könnte das Problem liegen. „Im Leben des Nachahmenden vermischen sich zwangsläufig Gefühle der Unzulänglichkeit, Unterlegenheit und Abhängigkeit, des Identitätsverlustes und der unwillkürlichen Unaufrichtigkeit“, schreibt der bulgarische Politologe Ivan Krastev. „Imitatoren sind niemals glückliche Menschen.“

          Einfacher macht diese kulturelle Kluft die Sache nicht. Wie leicht wäre es doch, wenn sich das Problem mit der AfD durch Geld lösen ließe.

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