Auch aus Sicht von Hartmut Mehdorn gab es nichts zu beschönigen. 2011 war ein „rabenschwarzes Jahr“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Air Berlin am Freitag. Der Fehlbetrag von 271 Millionen Euro sei ein „schlechtes Ergebnis“, man sei „nicht zufrieden“. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft habe im vergangenen Jahr erhebliche Mehrkosten zu tragen gehabt, die sie nicht zusätzlich verdienen konnte. Allein die Luftverkehrssteuer habe 166 Millionen Euro gekostet. Unterm Strich verblieb ein Verlust, der fast dreimal so groß ausfiel wie im Vorjahr.
Mehdorn gab sich dennoch hoffnungsvoll. Obwohl die Eigenkapitalquote zum Jahresende auf von zuvor 21 Prozent auf bedrohliche 11 Prozent gesunken war, sagte er: „Das Unternehmen ist nicht gefährdet. Im Gegenteil: Wir sind in eine höhere Liga aufgestiegen und nicht mehr so einfach abschaffbar.“ Für dieses Jahr strebe die Gesellschaft operativ ein „ausgeglichenes Ergebnis“ an, sagte Mehdorn.
Im vergangenen Sommer hatte Mehdorn nach dem überraschenden Rückzug von Joachim Hunold als Interimschef den Vorstandsvorsitz übernommen und kurz darauf verkündet, mindestens eineinhalb Jahre lang die Funktion ausüben zu wollen. Nun bleibt er voraussichtlich länger, Ende 2013 will er den Posten räumen. Der Aufsichtsrat habe ihn gebeten, länger im Amt zu bleiben. „Es ist klug und weise, erstmal Kontinuität ins Unternehmen zu bringen“, sagte er. Wie aus Branchenkreisen verlautete, soll vor allem Etihad-Chef James Hogan auf die verlängerte Amtszeit Mehdorns gedrängt haben. In dieser Zeit soll er die gerade angelaufene Partnerschaft mit der Fluggesellschaft aus Abu Dhabi, die auch 29 Prozent der Air-Berlin-Anteile hält, vorantreiben.
Dass Air Berlin etwas mit der Tradition von Hunold gebrochen hat, ließ sich erahnen, als der Vorstandschef von der „alten“ und der „neuen“ Air Berlin sprach, die „in die nächsthöhere Klasse migriert“ sei. Fortan sieht sich die Gesellschaft nicht mehr als „Hybrid-Carrier“ - ein Begriff mit dem Hunold die Mischung aus Billig-, Urlaubs- und Geschäftsflieger umschrieben hatte. Mehdorn stellte Air Berlin nun als „Full-Service“-Unternehmen vor, das in globale Netzwerke und Vielfliegerprogramme eingebunden ist. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die im Dezember bekanntgegebene Partnerschaft mit Etihad, die schnell Veränderungen im Flugplan mit mehr Verbindungen nach Abu Dhabi nach sich zog und künftig auch eine gemeinsame Wartung von Flugzeugen einschließt.
Erst an zweiter Stelle nannte Mehdorn den für kommenden Dienstag anstehenden Beitritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld um British Airways und American Airlines. In diese Reihenfolge sei jedoch keine Prioritätenliste hineinzudeuten, betonte er. Beide Allianzen zusammen sollen 2012 das Ergebnis um 20 Millionen Euro verbessern - und somit für ein Zehntel der mit dem Restrukturierungskonzept vorgesehenen Entlastungen sorgen.
„Wir werden mehr Gäste in unsere Flugzeuge bekommen, und das wirkt sich positiv auf Umsatz und Ergebnis aus“, sagte Mehdorn. Doch die Nachfrage nach Plätzen in Air-Berlin-Flugzeugen war zuletzt nicht das größte Problem - 2011 war mit 35,3 Millionen Fluggästen sogar ein Rekordwert erzielt worden, auch der Umsatz lag mit 4,2 Milliarden Euro fast 10 Prozent über dem Vorjahr. Weitere Streichungen von Verbindungen, die nicht zu Air-Berlin-Drehkreuzen in Berlin, Düsseldorf oder Wien führen, Verbesserungen in der Flugzeugwartung und vor allem eine Modernisierung des Ticketvertriebs sollen in größerem Maße zur Genesung des Unternehmens beitragen. Rund ein Drittel der angestrebten Verbesserung des operativen Ergebnisses um 200 Millionen Euro soll dadurch erzielt werden, dass Air Berlin den Ticketverkauf optimiert, unter anderem mit einer neuen Software, die Preise kurzfristig an Nachfrageschwankungen anpasst, wie es der Rivale Lufthansa seit langem macht.
Obwohl Mehdorn davon sprach, dass Air Berlin viele Hausaufgaben erledigt habe, schlug sich das nicht im Jahresergebnis nieder. Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer sagte, dass sich der wesentliche Teil der Einsparungen und Veränderungen erst in den Geschäftszahlen des Zweiten Halbjahres niederschlagen werde. Doch schon für das Auftaktquartal 2012, das gut begonnen habe, sei eine Verbesserung des Gewinns vor Zinsen und Steuern um 25 Millionen Euro eingeplant. „Wenn der März wie bisher läuft, können wir besser abschneiden als geplant“, sagte er.
Keine Spur von „Full-Service“
Michael Posthoff (MisterMischa)
- 16.03.2012, 17:43 Uhr