31.07.2010 · 600 Kilometer entfernt vom Meer errichten die Stadtwerke Völklingen eine Anlage zur Zucht von Seefisch. Die CDU setzte den Bau durch, und die Linkspartei tritt nun, da das Vorhaben zu scheitern droht, als Retterin der ordnungspolitischen Disziplin auf.
Von Jan Grossarth, VölklingenEinsam steht die Betonhalle auf dem steinigen Gelände, wo sich vor Jahren noch die alte Kokerei befand. Dieses Relikt der saarländischen Bergbau-Epoche ist schon abgerissen. Die neue Halle und ihre öde Umgebung sind menschenleer. Problematischer aber ist, dass die Halle auch fischfrei ist. Eigentlich sollten darin schon seit mehreren Monaten Doraden, Störe und Wolfsbarsche heranwachsen. Weihnachten 2010, hieß es beim Baubeginn vor rund zwei Jahren, kämen die ersten saarländischen Meeresfische auf den Teller – Fische aus Bassins, die rund 600 Kilometer von der deutschen Nordseeküste, 500 Kilometer vom Ärmelkanal und 900 Kilometer vom Atlantik entfernt liegen.
Heute wären alle Beteiligten froh, wenn wenigstens im Winter 2011 die ersten Weihnachtsgänse durch Doraden ersetzt würden. Aber auch daran zu glauben fällt zunehmend schwer. Denn fast ein Jahr hat sich der Bau bereits verzögert, die skeptische Öffentlichkeit wird von dem Hauptinvestor MFV (Meeresfischzucht Völklingen GmbH), einer Tochtergesellschaft der Stadtwerke Völklingen, immer wieder auf spätere Termine für die Inbetriebnahme eingestellt. Derzeit ist wieder Baustopp. Die klammen Stadtwerke haben Rechnungen in siebenstelliger Höhe noch nicht bezahlt. Schon im April stoppte der Hauptfinanzier, die Landesbank Saar LB, ihre Kreditauszahlungen. Die Stadt Völklingen war durch dramatische Gewerbesteuereinbrüche infolge der Finanzkrise plötzlich hoch verschuldet. Am Ende könnte schlimmstenfalls der Steuerzahler für das unternehmerische Risiko der Stadt mit der Meeresfischzuchtanlage geradestehen, denn die Stadt bürgte für ihre Stadtwerke bereits mit 4,5 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Geschäftsführung der MFV wegen des Anfangsverdachts der Insolvenzverschleppung.
Das Meer zu den Fischen transportieren
Die Zuchtfische sollen eines Tages teuer verkauft werden und so auch die leeren Kassen der Stadtwerke füllen. Viele Millionen Euro wollen diese mit ihrer Fischzucht verdienen. 500 Tonnen Seefisch sollen hier dann im Jahr produziert werden, längerfristig sind auch neue Anlagen und eine Gesamtproduktion von 5000 Tonnen anvisiert. „Das ist die weltweit erste Anlage dieser Art“, sagt Jochen Dahm, der Geschäftsführer der Stadtwerke. Er führt durch die leere Zuchthalle, wirkt zerknirscht und äußert sich doch immer noch optimistisch: Bald würde sich alles zum Guten wenden, die ersten Fische würden ab Januar 2011 eingesetzt, die Stadtwerke profitieren. In der Halle ist es kühl, es riecht nach frischem Beton. Der Rohbau steht, doch innen fehlt noch das Wesentliche: die Technik. Die Filter- und Fütteranlagen stehen seit Monaten bei den zunehmend nervösen Herstellern in den Lagern. In den Betonbecken liegen Plastikflaschen und Bretter, Wasserpfützen haben sich gesammelt. Becken liegt an Becken, 1,88 Meter tief, 30 mal 30 Meter breit. Vielleicht könnte die Stadt daraus auch ein riesiges Spaßbad machen, wenn der Plan mit den Fischen nicht aufgeht. Derzeit zwitschern Vögel in der Halle.
Die Kernaufgaben von Stadtwerken sind eigentlich die Strom- und Gasversorgung, der öffentliche Personennahverkehr. Die Tierzucht gehört nicht dazu (und auch nicht der Betrieb eines Hotels oder eines Feuerbestattungsunternehmens, wie sie die Stadtwerke Völklingen Holding überdies in ihrem Portfolio haben). In dem Gesetz, das die Grenzen kommunalen Unternehmertums festschreibt, steht, dass eine Gemeinde wirtschaftliche Unternehmen nur errichten oder sich an solchen beteiligen darf, wenn „der öffentliche Zweck das Unternehmen rechtfertigt, das Unternehmen nach Art und Umfang in einem angemessenen Verhältnis zu der Leistungsfähigkeit der Gemeinde und zum voraussichtlichen Bedarf steht, der öffentliche Zweck nicht ebenso gut und wirtschaftlich durch einen privaten Dritten erfüllt wird oder erfüllt werden kann“.
Alle drei Punkte erscheinen in Sachen Fischzucht fraglich. Die Kommunalaufsicht kann zwar eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Aber die haben die Stadtwerke Völklingen nicht beantragt. Mehr als 17 Millionen Euro soll die Fischzuchtanlage bis zum Betriebsbeginn kosten, davon 14,8 Millionen reine Baukosten, vor Baubeginn war noch von rund 12 Millionen die Rede gewesen. Je länger die Arbeiten unterbrochen sind, desto höher werden die Finanzierungskosten, desto später werden die ersten Einnahmen auf den städtischen Konten eingehen.
Die Fische sollen fortan nicht mehr so weit zum Kunden transportiert werden müssen. Dafür müsste künftig das Meer zu den Fischen transportiert werden. Kann das wirtschaftlich sein? „Geschlossene Kreislaufanlagen wie die in Völklingen sind die mit Abstand komplizierteste und teuerste Produktionsform, die wir in der Aquakultur kennen“, sagt der Fachjournalist Manfred Klinkhardt vom Fachjournal „Fischmagazin“. „Diese Salzwasserfischarten können Sie auf dem Weltmarkt sehr günstig produzieren und in 24 Stunden ins Saarland transportieren.“ Der Unternehmer Heribert Reinhardt, der ohne städtische Fördergelder kleinere Zuchtanlagen für Süßwasserfische verkauft, hat beim Verwaltungsgericht Saarlouis Klage darauf eingereicht, dass die Stadtwerke ihren Anteil an der MFV abgeben. „Wenn die damit durchkommen, dann haben wir bald DDR-Verhältnisse. Dann kommt morgen irgendeine Kommune und macht ein Bordell auf und die nächste eine Wasserstoff-Autofabrik“, sagt er.
Völklingen kämpfte mit dem Strukturwandel
Wolfsbarsch und Doraden werden seit Jahren auch in Aquakultur-Anlagen gezüchtet, aber diese liegen alle am oder im Meer – in Griechenland, Italien, Norwegen. Für Süßwasserfische gibt es auch geschlossene Zuchtanlagen, mehr als ein Dutzend allein in Mecklenburg-Vorpommern, wo die EU üppige Fördergelder zahlt. Die Zuschüsse gibt es aber nicht für solche Anlagen im küstenfernen Saarland. Die MFV wird auf dem Markt aber mit den Preisen der subventionierten Konkurrenz mithalten müssen. Jungfische müssen aus Zuchtanlagen in Spanien oder Frankreich angekarrt werden, auch das Salz kommt aus der Ferne. Die salzigen Abfälle sollen in einer Biogasanlage verwertet werden, die neben der Fischhalle errichtet werden soll.
Vor zweieinhalb Jahren muss alles sehr verlockend geklungen haben: Überfischung der Weltmeere, steigende Preise, neue Zuchttechnologien. Völklingen kämpfte mit dem Strukturwandel, riesige Flächen lagen brach, die Sehnsucht nach Innovationen, nach Zukunftstauglichkeit muss groß gewesen sein. Alle damals im Stadtrat vertretenen Fraktionen stimmten 2007 dafür: die SPD, die CDU, die NPD. Heute distanziert sich die SPD.
Keine Meerfischzucht im Binnenland
Wie kam die Fischzucht nach Völklingen? Ein leitender Mitarbeiter der Stadtwerke lernte vor vielen Jahren irgendwo im Norden Uwe Waller kennen, der nicht nur so hieß wie eine Fischart, sondern anerkannter Experte für Aquakulturen war. Später fuhr eine Delegation der Stadtwerke nach Niedersachsen, um eine Testanlage zu besichtigen, die IFFT („International Fish Farming Technology“) aus Bergisch-Gladbach warb im Aufsichtsrat der Stadtwerke für das Projekt und servierte Meeresfisch. Sie versprach Völklingen 2007 in einer Pressemitteilung „eines der innovativsten und ehrgeizigsten Projekte Deutschlands“. Tatsächlich gibt es in ganz Europa keine Meerfischzucht im Binnenland. Uwe Waller arbeitete am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel und war auch Teilhaber der Firma IFFT. Die IFFT hat sieben Mitarbeiter und ist heute mit 10,1 Prozent Gesellschafter der Meeresfischzucht Völklingen, die Stadtwerke halten mittelbar 89,9 Prozent. IFFT bietet den Bau von Aquakulturanlagen an. Es hat schon Projekte für „Sealife“-Großaquarien durchgeführt. Die IFFT ist in Völklingen der Generalbauunternehmer. Sie hat selbst kein Geld investieren müssen und trägt daher fast kein Risiko, abgesehen von der Minderheitsbeteiligung.
Viele haben mit der Meeresfischzuchtanlage bislang ihr Geschäft gemacht, nur die Stadtwerke Völklingen noch nicht. Die hat 5,4 Millionen Euro Eigenkapital eingebracht und mehr als 10 Millionen Euro Kredit aufgenommen. Waller hat jetzt einen neuen Posten an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes – eine Professur für Aquakulturen. Derzeit streiten Stadtwerke und IFFT um die Auszahlung eines siebenstelligen Betrages. Man sei nicht zahlungsunfähig, aber unwillig, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Jochen Dahm. „Die haben uns schon genug über den Tisch gezogen.“
Ein strahlendes Beispiel in einem Zukunftssektor
Jetzt ist in Völklingen Bürgermeisterwahlkampf. Und nach Dahms umstrittenen unternehmerischen Aktivitäten, die vom Bürgermeister Lorig (beide CDU) unterstützt werden, bohrt nun ausgerechnet die Partei Die Linke in den ordnungspolitischen Wunden. Paul Ganster, Stadtratsfraktionsführer und auch Aufsichtsratsmitglied der MFV, fällt nun im Wahlkampf eine ursprüngliche Rolle der bürgerlichen Parteien zu – die des Wächters der marktwirtschaftlichen Ordnung. „Wenn das lukrativ wäre, hätte sich ein privater Investor gefunden“, sagt Ganster. Er trägt sein graues Haar fast schulterlang, einen grauen Schnauzbart, aus seiner Hemdtasche schaut eine Zigarettenschachtel „Ernte 23“. „Fischzucht hat mit kommunalen Aufgaben so wenig zu tun wie Schweine- oder Kanickelzucht“, sagt Ganster, „da könnten wir auch Ananas züchten, das wäre genauso rational.“
„Wenn die Halle funktionsfähig dasteht, gehe ich davon aus, dass sich auch mal ein Forschungstourismus hier etabliert“, sagt der Aquakultur-Forscher Waller. Das Motiv der Stadtwerke, hier zu investieren, war nicht nur die Hoffnung darauf, strahlendes Beispiel in einem Zukunftssektor zu werden: Der Versorger wollte sich selbst die Energienachfrage schaffen, die von den vielen Privathaushalten nicht kam, und in der Region gab es kaum noch gewerbliche Großstromverbraucher. Die vielen Tochtergesellschaften der Völklinger Stadtwerke bereiten der Holding jährlich einen niedrigen einstelligen Millionenverlust. „Wir mussten auf Dauer irgendetwas anders machen“, sagt Jochen Dahm. „Wenn wir die gewerblichen Kunden nicht haben, dann müssen wir sie uns schaffen.“ Und jetzt soll die energieintensive Fischzuchtanlage den Stadtwerken ein größeres Stromgeschäft bringen; Völklinger Industriepolitik.
Tropische Mangrovenwälder schützen
Nun wäre es den Stadtwerken lieb, fände sich ein privater Investor. Drei Interessenten seien schon da gewesen, einer aus der Schweiz, sagt Dahm. Bereits im April hatten die Stadtwerke publik gemacht, ein Investor aus Hamburg habe Interesse am Kauf der Anlage, doch daraus wurde nichts. Auch IFFT-Geschäftsführer Friedrich Esser sagt, es liefen wieder konkrete Gespräche mit Investoren. Bedingung für deren Einstieg sei aber wohl, dass die Anlage fast fertig sei.
„Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass die Fischzuchtanlage uns das Überleben sichern wird“, sagt Jochen Dahm von den Stadtwerken. „Wir waren mit unserer Meeresfischzucht zwei Jahre zu früh. Wir werden mehr Geld aus der Fischzucht verdienen, als unser Verkehrsbetrieb braucht.“ Es werde nicht bei vier Becken bleiben, zwölf würden es schon, wenn weitere Investoren gefunden seien. In einer viel kleineren Halle neben der Fischzucht-Baustelle tanzen bereits einige asiatische Garnelen durch kleine Wasserbecken. Deren Zucht hier im Saarland soll dazu beitragen, tropische Mangrovenwälder zu schützen; die Bundesstiftung Umwelt gab einen sechsstelligen Betrag.
Ausgeblendet? - Nachhaltigkeit durch verantwortliches Handeln
Uwe Waller (uwaller)
- 31.07.2010, 03:16 Uhr
@ uwe Waller
Ullrich Schnappe (JohnBrown)
- 31.07.2010, 20:06 Uhr
Weshalb wurde das zunächst nicht in kleinem Stil erprobt ?
K Zinser (klaus_zinser)
- 31.07.2010, 21:25 Uhr
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