Herr Müschenich, ist Arzt kein Traumjob mehr?
Doch. Arzt ist ein unglaublich toller Beruf. Man ist so nah an den Menschen, wie es in keinem anderen Job möglich ist, außer vielleicht als Pfarrer. Wenn man etwas machen möchte, wo Kommunikation mit Menschen, die Nähe zu ihnen und Vertrauen eine Rolle spielen, dann ist das der Top-Beruf.
Die Ärzte sehen das anders. Sie schließen ihre Praxen und protestieren. Es geht ums Geld.
Es ist die Frage, ob es wirklich ums Geld geht. Der niedergelassene Arzt verdient durchschnittlich 5500 Euro netto im Monat. Das ist nicht schlecht. Auch im Vergleich zu anderen Akademikern ist das ein guter Verdienst. Dazu kommt, dass 5500 Euro der Durchschnitt sind. Wenn ich richtig viel verdienen will, dann kann ich das auch. Dann muss ich eben Radiologe werden. Wenn ich mit weniger auskomme, gehe ich zum Gesundheitsamt, habe dann aber auch eine Stelle, die mich nach 17 Uhr nicht mehr beschäftigt.
Man kann als Arzt also noch reich werden?
Ja.
Und jetzt haben die niedergelassenen Ärzte für sich auch noch ein Plus von drei bis vier Prozent fürs nächste Jahr herausgehandelt. Jammern sie auf hohem Niveau?
Ja. Einen Inflationsausgleich hat jeder verdient, denke ich. Aber wenn die Ärzte argumentieren, ihre Arbeit sei mehr wert als die der anderen, dann bewegen sie sich auf sehr dünnem Eis.
Die Frage ist: Mit wem kann man sich vergleichen?
Genau. „Wir retten Leben“, sagen die Ärzte immer als Begründung, wieso sie mehr verdienen müssen als andere. Aber Architekten etwa verdienen sehr wenig, obwohl sie auch Gebäude berechnen, die möglichst nicht zusammenbrechen sollten. Sie können auch Fehler machen, die Menschenleben kosten. Sogar der Mechaniker, der meine Winterreifen montiert, kann einen Fehler machen, der mindestens ein Menschenleben, nämlich meines, gefährdet. Im Prinzip kann man also nur einen Vergleich anstellen mit den Verdiensten anderer Berufe mit ähnlicher Ausbildung, und da stehen die Ärzte ganz gut da.
Wieso dann die Proteste?
Ich habe lange im Krankenhaus-Management gearbeitet und da auch immer wieder Gehaltsverhandlungen geführt. Dabei habe ich eins gelernt: Wenn ein Mitarbeiter zu Ihnen kommt und sagt, er verdiene zu wenig Geld, dann können Sie sicher sein, dass etwas anderes dahintersteckt als das Geld.
Was denn?
Wenn ich nachgehakt habe, war es oft so, dass die Mitarbeiter sagen: Ich bin mit irgendetwas in meinem Job unzufrieden, und wahrscheinlich bin ich zufriedener, wenn ich dafür mehr Geld bekomme. Die Gehaltserhöhung ist dann so eine Art inneres Bestechungsgeld.
Heißt das, die Ärzte wollen gar nicht mehr Geld?
Wenn alle Ärzte in Deutschland extrem unzufrieden mit ihren Honoraren wären, dann gäbe es die Honorierung in dieser Art wahrscheinlich gar nicht mehr. Die Ärzte, die ich kenne, sind mit ihrem Verdienst zufrieden. Aber sie merken, dass sie zunehmend gegängelt werden. Die Freiräume sind geringer geworden, weil manche Dinge nicht mehr bezahlt werden und weil die Patienten anspruchsvoller geworden sind. Sie fragen nach, sind anstrengend. Und die Krankenkassen sagen heute ganz klar: Wir bezahlen euch, also wollen wir euch auch sagen, was ihr macht.
Ist das nicht normal: Wer zahlt, darf bestimmen?
Vielleicht. Aber die Krankenkassen greifen auch in Bereiche ein, die immer den Ärzten vorbehalten waren. Zum Beispiel in das ärztliche Definitionsmonopol von Krankheit. Das Preußische Oberverwaltungsgericht hat vor mehr als hundert Jahren gesagt: Krank ist man, wenn der Arzt sagt, dass man krank ist. Die Kassen sehen das heute anders.
Ob ich krank bin, weist mir doch immer noch der Arzt auf dem Krankenschein nach, nicht die Kasse.
Ja, aber heute kann es passieren, dass der Arzt sagt, der Patient ist behandlungsbedürftig und muss ins Krankenhaus, dieser Bescheid geht zur Krankenkasse und die sagt: Nein. Ein typisches Beispiel aus dem Krankenhaus geht so: Ein Patient liegt fünf Tage im Krankenhaus für einen bestimmten Betrag. Die Kasse zweifelt an, dass das sinnvoll war und schickt den Medizinischen Dienst vorbei. Der stellt fest, dass an Tag 2 gar nichts passiert ist, und sagt: Da hätte der Patient auch zu Hause sein können, also gibt es weniger Geld. Die Kasse zweifelt damit die Kompetenz der Ärzte an. Sie sagt, sie könnten nicht erkennen, ob einer krank ist oder nicht. Das tut weh.
Aber irgendeiner muss doch aufpassen, dass die Ärzte kein Geld verschwenden. Wieso nehmen die Ärzte das so persönlich?
Das ist ja nicht das Einzige, was die Kassen tun. Sie versuchen auch, die Ärzte zu beschädigen, den Ruf zu ruinieren. Kurz bevor neue Honorare verhandelt werden, kocht immer irgendein Skandal hoch, an dem Ärzte schuld sind.
Entschuldigen Sie, aber so weit kann es mit der Beschädigung doch nicht sein. Arzt ist immer noch der angesehenste Beruf überhaupt.
Das stimmt. Nichtsdestotrotz fühlen die Ärzte sich durch die Diskussionen beschädigt.
Sind sie vielleicht etwas empfindlich?
Ärzte sind sehr sensibel, wenn sie in Dingen kritisiert werden, die ans eigene Selbstverständnis gehen, wenn es ums Gesundmachen und Helfen geht. Sie sind ja normalerweise das autoritäre Gegenüber, das dem Patienten sagt: Sie machen jetzt das, denn ich weiß es am besten. Wenn jemand diese Autorität anzweifelt, dann ist das natürlich ungewohnt und verletzend. Es passt, dass sich die Ärzte dann auch autoritär wehren.
Müssen die Ärzte von ihrem Sockel heruntersteigen?
Ja, aber sie sind längst dabei. Die Zeit der Halbgötter in Weiß ist vorbei. Das liegt auch daran, dass die Patienten immer besser informiert in die Praxen kommen und nicht mehr alles hinnehmen, was der Arzt sagt.
Das klingt wie ein Grund, nicht Arzt zu werden.
Das sehen Sie falsch - und viele Ärzte übrigens auch. Das ist doch eine Chance. Endlich können die Ärzte richtig kommunizieren mit ihren Patienten. Auch die Probleme des Gesundheitssystems sind eine Chance für die Ärzte. Sie müssen endlich herauskommen aus ihrer passiven, erduldenden Rolle und die Chance ergreifen, ein neues Gesundheitssystem mitzugestalten. Eines, in dem die Kosten im Rahmen bleiben.
Wie sollen die Ärzte da helfen? Ist das nicht eher eine Aufgabe für Ökonomen?
Die Ökonomen sind doch schon seit Jahren zugange. Wir haben all ihre Rezepte ausprobiert, sie waren auch bitter nötig. Aber jetzt sind die Ökonomen mit ihren Rezepten am Ende, und es läuft immer noch nicht gut im Gesundheitssystem. Jetzt ist es Zeit, dass die Ärzte ihre Ideen einbringen, auch um Geld zu sparen.
Was könnten sie vorschlagen?
Sie könnten die Vergütung verändern. Das können nur Leute, die etwas von Medizin verstehen. Heute bringen Röntgenaufnahmen so viel Geld, dass Patienten viel mehr geröntgt werden als nötig. Das Patientengespräch hingegen bringt kaum etwas. Das können die Ärzte doch verändern. Solche Aufgaben sind für mich übrigens neben dem Umgang mit Menschen der zweite große Reiz des Arztberufs. Als Arzt kann man die Zukunft eines ganzen Systems gestalten, wenn man sich darauf einlässt.
Um mich zu überzeugen, den Job zu wechseln, müssen Sie aber noch mehr liefern. Was ist so toll an den Ärzten? In fünf Sätzen, bitte!
Wenn Ärzte etwas machen, dann machen sie es richtig. Ärzte verdienen nicht nur Geld, sie haben eine eigene Bank und die erfolgreichste Altersversorgung aller Berufe. Ärzte gewinnen nicht irgendwelche Preise, sondern Nobelpreise. Und Ärzte sagen dem Papst, welche Leute er heiligsprechen soll, also welche Heilungen göttliche und nicht ärztliche waren. Das ist doch nicht schlecht.
Sie selbst arbeiten aber schon lange nicht mehr in ihrem alten Beruf als Kinderarzt. Wieso?
Ich bin damals ausgestiegen, weil ich noch ein zweites Interesse hatte: Modefotografie. Ich habe versucht, das zu meinem Beruf zu machen, aber nach einem halben Jahr wusste ich: Fotograf bin ich nicht. Dann habe ich für die Ärztekammer Düsseldorf das Handbuch „Alternative Berufsfelder für Ärztinnen und Ärzte“ geschrieben.
Und das brachte Sie auf Ideen?
Genau. Nachdem ich mein eigenes Handbuch gelesen hatte, habe ich Gesundheitswissenschaften studiert und mich als Unternehmensberater verdingt. Die Beratungen hatten damals alle die Krankenhäuser entdeckt, hatten aber keine Ärzte an Bord. Und als Nicht-Arzt kriegt man in der Chefärzte-Runde so viel Haue, wenn man Einsparungen verkündet, dass die einen Vorzeige-Doktor brauchten, der die Sprache der Ärzte verstand. Das habe ich ein paar Jahre gemacht und bin dann wieder ins Krankenhaus gegangen, aber nicht mehr im Kittel, sondern im Anzug, als Manager.
Bereuen Sie es manchmal, dass Sie kein richtiger Kinderarzt mehr sind, so wie früher?
Nein, denn ich sehe mich immer noch als Arzt. Wenn am Wochenende Freunde mit Kindern Bedarf haben, dann nehme ich meine kleine Arzttasche mit und gehe vorbei. Und es macht Spaß, wenn ich merke: Ich kann es noch.
Die Liebe zum Arztberuf liegt Markus Müschenich (51) im Blut. Schon seine Mutter hatte eine Praxis. Er selbst war neun Jahre Kinderarzt, studierte dann Gesundheitswissenschaften. Das Studium finanzierte er mit Praxisvertretungen. Dann tauschte er den Kittel gegen den Anzug, war erst Berater in Kliniken und ging später ins Krankenhausmanagement, zuletzt als Vorstand bei den Sana Kliniken. Gerade ist sein Buch „55 Gründe, Arzt zu werden“ im Murmann-Verlag erschienen.
Vielleicht wie bei vielen Dienstleistern
Werner Fett (KollegeSchiwago)
- 16.10.2012, 19:55 Uhr
Zur Versachlichung der Diskussion ein Zitat zu einer Studie von PWC...
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 16.10.2012, 14:26 Uhr
Wer heute in Deutschland als Arzt reich werden will,
Uwe Blaettner (amidufou)
- 16.10.2012, 12:53 Uhr
Neue Herausforderung für Müschenich - als Arzt arbeiten...
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 16.10.2012, 11:47 Uhr
Zweiklassengesellschaft
Dieter Weber (dieter.weber)
- 15.10.2012, 21:29 Uhr