19.04.2003 · Ralf Däinghaus, Gründer der ersten Internet-Apotheke, über den Haß der Zunft, Detektive vor seiner Haustür und Viagra aus dem Netz.
Ralf Däinghaus, Gründer der ersten Internet-Apotheke, über den Haß der Zunft, Detektive vor seiner Haustür und Viagra aus dem Netz.
Herr Däinghaus, haben Sie einen Überblick, in wie vielen Fällen sich die Justiz mit Ihnen beschäftigt?
Däinghaus: Genau weiß das nur mein Anwalt. Wir haben vier Hauptsacheverfahren, dazu gibt es ein gutes Dutzend einstweilige Verfügungen.
Die Sie alle munter ignorieren.
Das ist nicht richtig. Wir sagen nicht: Ätsch, wir sind in Holland - rechtsfreier Raum. Wir stehen mit beiden Füßen auf der rechtssicheren Seite.
Tatsache ist: Sie versenden Medikamente, obwohl das in Deutschland verboten ist.
Der Versandhandel ist nur innerhalb Deutschlands verboten. Aus dem Ausland darf man für den eigenen Bedarf importieren.
Aber Sie dürfen nicht nach Deutschland liefern.
Wir liefern nicht. Der Kunde holt sich die Ware offiziell ab. Was er natürlich nie wirklich tut. Also läßt er sie abholen, durch einen Kurierdienst.
Den Sie bezahlen.
Genau. Mit diesem Trick umgehen wir eine einstweilige Verfügung. Wir verstoßen aber nicht gegen Recht - das ist ein wichtiger Unterschied. Mit juristischen Mitteln ist unser Geschäft nicht zu stoppen, weil wir immer ein Quentchen schneller und schlauer sind.
Mit diesen Tricks treiben Sie die Apotheker zur Weißglut.
Ach, wir haben es mit einem Wust von Anfeindungen zu tun.
Sie fühlen sich ganz wohl als Buhmann.
Ich finde es legitim, wenn die Apotheker die Frage zivilrechtlich klären wollen. Was nicht geht, ist die Strafanzeige wegen angeblicher Körperverletzung gegen mich persönlich. Da reden sie immer von Ethik, und dann so ein Murks. Absurde Vorwürfe. Aber ich lasse mich von den Verbandskaspereien nicht entmutigen. Der Versandhandel kommt. Auch wenn Pharmakonzerne uns bekämpfen, Großhändler uns nicht beliefern.
Woher beziehen Sie dann Ihre Ware?
Von den Großhändlern. Bloß sagen die das nicht.
Der Handel verdammt Sie öffentlich und liefert heimlich?
Klar liefern die. Je lauter die schreien, um so häufiger tun sie es. Wir liefern deutsche Medikamente nach Deutschland. Und bekommen diese Medikamente vom deutschen Großhandel.
Dieses doppelte Spiel treiben alle Großhändler?
Nicht alle. Ich verrate Ihnen auch nicht, wer uns beliefert, sonst kriegen die Probleme. Da gibt es Gegner, die drohen ganz offen: Woher habt ihr eure Ware? Denen machen wir den Garaus! Weil sie das von mir nicht erfahren, spionieren sie uns hinterher, schicken uns Detektive mit riesigem Objektiv vor die Tür. Den armen Jungs bringe ich schon mal einen Kaffee raus. Ein Apotheker, der uns beliefert hat, den hat sein Landesapothekerverband gewarnt: Wenn du weiter machst, sorgen wir dafür, daß du deine Approbation verlierst. Die wollen uns mit allen Mitteln stoppen. Aber ich gebe nicht klein bei.
Und profilieren sich weiter als Robin Hood im Kampf gegen eine übermächtige Lobby.
Natürlich ziehen wir aus den Streitereien Kapital. Als die Apotheker 7,7 Millionen Unterschriften gegen den Versandhandel gesammelt haben, konnte ich nur sagen: Vielen Dank! Jetzt wissen 7,7 Millionen Menschen mehr, daß es uns gibt. Dazu haben sich die Apotheker mit der Aktion politisch völlig aus dem Rennen geschossen.
Die Gesundheitsministerin steht auf Ihrer Seite, will Internet-Apotheken noch dieses Jahr zulassen.
Frau Schmidt kommt aus Aachen. Die kennt den kleinen Grenzverkehr und hat zum Ausland ein anderes Verhältnis als die Funktionäre, die behaupten, es gibt nirgendwo ein so gutes System wie in Deutschland - das stimmt hinten und vorne nicht. Da sind Verbandskasper am Werk, die mit allen Mitteln ihre Pfründe verteidigen.
Es geht auch um ganz konkrete Wettbewerbsvorteile: DocMorris hat keinen Sonn- und Feiertagsdienst, keine Nachtbereitschaft.
Da ist was dran. Andererseits haben wir im Gegensatz zu einer normalen Apotheke zwölf Stunden am Tag geöffnet, auch samstags. Wir behaupten auch nicht, daß wir die stationären Apotheken abschaffen wollen. Wir sind eine Ergänzung. Soll der Kunde doch mit den Füßen abstimmen, was er will.
In Amerika erreichen Versandapotheken einen Marktanteil von 13 Prozent, wie hoch ist das Potential in Deutschland?
In Deutschland werden etwa 6 Prozent des Einzelhandelsumsatzes im Versandhandel gemacht - diese Zahl ist in jedem Fall zu schaffen. Da Arzneimittel sich besonders für den Versand eignen, halte ich acht Prozent für realistisch. Das wird aber ein paar Jahre dauern.
Wieviel Umsatz knapsen Sie den Apothekern heute ab?
Sagenhafte 1,1 Promille. Und für diese 1,1 Promille gibt es den riesigen DocMorris-Aufstand.
Wie erklären Sie sich das?
Ganz einfach: Wir wirbeln soviel Staub auf, weil da soviel Staub liegt. Die Apotheker fürchten, daß weitere Privilegien fallen. Und die müssen auch fallen: Mehrbesitzverbot, Festpreise - die Garanten für staatlich garantierte Monopolgewinne. Ein bißchen Wettbewerb schadet nicht.
Die Apotheke in Konkurrenz zu Aldi, wo es auch Aspirin gibt.
Das sage ich nicht. Es muß eine Grundversorgung mit Medikamenten geben. Deswegen muß der Staat regelnd eingreifen. Aber es kann nicht sein, daß Regeln, die im Mittelalter aufgestellt wurden, heute noch gelten.
Die Apotheker argumentieren mit ihrer besonderen Aufgabe, dem Schutz der Gesundheit.
Ja, klar. Aber schauen Sie mal nach Holland: Hier gibt es weniger Apotheken pro Kopf, und die Holländer werden statistisch älter, haben zudem weniger Gesundheitskosten.
Sie wollen damit sagen, ein Internet-Kunde wird genauso kompetent bedient wie in der Apotheke.
Wir bieten mehr Sicherheit als der stationäre Apotheker. Jede Bestellung wird von Fachkräften am Computer genau überprüft, auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, auf frühere Bestellungen. Beratung fängt nicht da an, wo der grauhaarige Apotheker seine Lesebrille zurechtrückt.
Und wie wollen Sie verhindern, daß Medikamente mit gefälschten Rezepten bestellt werden?
Das kann kein Apotheker verhindern. Auch in der stationären Apotheke holt nur jeder zweite Kunde seine Medizin persönlich ab. Diese Mär, daß der Apotheker den Kunden samt Krankengeschichte an der Nasenspitze erkennt, ist eben nur eine Mär.
In jedem Fall gibt es bei ihm Pillen gegen jedes Wehwehchen. Sie dagegen verkaufen nur teure Medikamente, an denen Sie gut verdienen - sagen zumindest die Apotheker. Auch das gern genommene Argument der Rosinenpickerei stimmt nicht. Bei uns gibt es alle Medikamente, abgesehen von Betäubungsmitteln. Das geht auch nicht anders: Stellen Sie sich vor, auf dem Rezept steht ein günstiges und ein teures Medikament. Sollen wir dann das billige durchstreichen? Auch in den Niederlanden hat jede Apotheke Kontrahierungszwang, die Pflicht, Rezepte einzulösen.
Dennoch lohnt sich der Kurier nur ab einem bestimmten Umsatz. Wer Sie in den Ruin treiben will, bestellt jeden Tag ein Zäpfchen.
Genau das haben die Apotheker schon versucht. Hunderte haben Paracetamol für 1 Euro 32 Cent bestellt. Das haben wir durchschaut und ihnen einen lustigen Brief geschrieben. Daraus bastelten sie die Schlagzeile: DocMorris beliefert nur 2 von 92 Patienten. Unsere Antwort war: Mist, da haben wir 2 übersehen. Eines dieser Spielchen halt.
Trotzdem: Sie zahlen bei jeder billigen Bestellung drauf.
Richtig. Wir bezahlen den Kurier, wir bezahlen das Telefongespräch, wir erstatten den Patienten die Zuzahlung - all das gehört zum Service. Es rechnet sich trotzdem, weil wir eine Mischkalkulation haben.
Was ist Ihr meistverkauftes Medikament?
Viagra. Platz zwei: Viagra. Platz drei: Viagra. Wir sind eine hervorragende Viagra-Apotheke, weil wir so schön diskret sind. Zudem ist die Großpackung bei uns 12 Euro günstiger. Die ganzen Kassen arbeiten ja auch deswegen so gern mit uns zusammen, weil wir helfen, ihre Kosten zu senken. Und somit die Lohnnebenkosten entlasten. Die Arbeitgeber sehen das ebenso, die sind alle für Versandhandel.
Und wenn er tatsächlich erlaubt wird, dann kommen Sie zurück nach Deutschland?
Wenn das Gesetz gekippt wird, dann sind wir da. Ich halte schon Ausschau nach einem neuen Gelände - zehnmal so groß wie hier.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.380,70 | −0,96% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2460 | −0,23% |
| Rohöl Brent Crude | 105,95 $ | −0,84% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?