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Hohe Arznei-Preise : Was ist unsere Gesundheit wert?

Tabletten, Kapseln, Pillen. Bild: dpa

Die Preise neuer Medikamente steigen drastisch. Die Kosten aus Forschung und Entwicklung wollen wieder eingefahren werden. Aber was, wenn ein Präparat nur dann bezahlt werden müsste, wenn es auch wirkt?

          Der neue Star der Pharmabranche heißt Kymriah. Das Medikament des Schweizer Herstellers Novartis soll Kindern und Jugendlichen helfen, die an einer schweren Form von Blutkrebs leiden. Der Ansatz ist aufsehenerregend: Den Patienten werden körpereigene Abwehrzellen entnommen, im Labor gentechnisch für den Kampf gegen den Krebs fit gemacht, vervielfältigt und dann zur Stärkung des Immunsystems mit einer Infusion wieder in den Körper der Patienten gebracht.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat das Präparat als Durchbruch im Kampf gegen die Krankheit bejubelt und im Schnelldurchgang zugelassen. In Europa soll es in der zweiten Jahreshälfte auf den Markt kommen.

          Novartis verlangt für eine einmalige Behandlung mit Kymriah in den Vereinigten Staaten bis zu 475.000 Dollar (400.000 Euro). Auch das ist aufsehenerregend. Noch vor kurzem waren Medikamentenpreise in dieser Größenordnung unvorstellbar. Vor vier Jahren galt ein neues Hepatits-C-Medikament für umgerechnet 60.000 Euro im Jahr als das teuerste Medikament der Welt. Es ist leicht vorauszusagen: Geht der Anstieg der Arzneimittelpreise so weiter, gibt es bald das erste Präparat für mehr als eine Million Euro. Schon jetzt stellt sich die Frage: Muss das so sein? Und wenn ja: Wer soll das bezahlen?

          Forschung und Entwicklung treiben die Preise in die Höhe

          Die Pharmakonzerne begründen die Preise für ihre Arzneimittel üblicherweise mit den Kosten für Forschung und Entwicklung. Von zehn potentiellen Medikamenten schaffe es im Durchschnitt nur ein einziges bis zur Marktreife. Die von den Zulassungsbehörden vorgeschriebenen klinischen Tests zur Überprüfung der Präparate seien aufwendig.

          Auf zwei Milliarden Dollar, so heißt es aus der Branche, summieren sich im Durchschnitt die Kosten, bevor auch nur ein einziger Cent mit einem neuen Medikament verdient ist. Diese Summen gilt es wieder hereinzuholen, ehe der Patentschutz für ein neues Präparat ausläuft und Wettbewerber günstigere Kopien auf den Markt bringen können.

          Die hohen Preise liegen auch daran, dass die Pharmaforschung viele einfachen Erfolge schon eingefahren hat. Das geschah in der Zeit der sogenannten „Blockbuster“-Medikamente – Präparate auf chemischer Basis, die Millionen von Patienten verschrieben wurden und auf diese Weise Milliarden Euro in die Kassen der Hersteller brachten.

          Gentechnische Verfahren für Arzneimittel

          Heute geht es vor allem um Arzneimittel, die mit gentechnischen Verfahren hergestellt und nur denjenigen Patienten verabreicht werden, deren genetisches Profil dazu passt. Anders gesagt: Die Zielgruppe wird kleiner und der Verwendungszweck spezieller. In manchen Fällen ist es schwierig, überhaupt genug Patienten für die klinische Erprobung zu finden.

          Auch deshalb steigt die Quote der Medikamente, die es nicht bis zur Marktreife schaffen. Im Fall von Kymriah kommt hinzu, dass auch die Herstellung das Gegenteil von Massenproduktion ist: Jede Dosis wird individuell für einen bestimmten Patienten hergestellt. Das macht die Sache teuer.

          Allerdings könnten die Pharmakonzerne auch anders argumentieren. Der Wunsch nach Vollkostendeckung, der hinter dem Verweis auf den Aufwand steckt, ist zwar verständlich, treibt aber nicht unbedingt Effizienz und Erfindergeist an. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, den Preis für ein iPhone oder eine S-Klasse von Mercedes mit den Herstellungskosten von Apple und Daimler zu begründen. Der Preis zeigt in diesen Fällen schlicht, was die Käufer für ein bestimmtes Produkt zu zahlen bereit sind. Was wäre nach dieser Logik ein Medikament wert, das eine schwere Krankheit heilt oder lindert?

          Menschen sind gewillt, mehr Geld auszugeben als angenommen

          Dazu haben Gesundheitsökonomen um den Wissenschaftler Michael Schlander vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg Daten aus 120 Einzelstudien aus allen Teilen der Welt zusammengetragen. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Für ihre Gesundheit sind die meisten Leute willens, viel mehr auszugeben als bisher angenommen.

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