12.12.2006 · Die Übernahmeschlacht um Pro Sieben Sat.1 nähert sich dem Ende: Die drei Interessenten haben ihre Gebote abgegeben. Nun muß Haim Saban entscheiden, an wen er seine Anteile verkauft: an einen türkischen Mischkonzern oder lieber an Finanzinvestoren.
Von Marcus Theurer, MünchenDer Showdown im Milliardenpoker um die Münchner Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 ging am Dienstag fernab der Bayernmetropole über die Bühne. Im Londoner Finanzviertel, in dem die Europazentralen der mit dem Verkauf des größten deutschen Privatfernsehkonzerns beauftragten Investmentbanken stehen, fand das Bieterrennen sein – zumindest vorläufiges – Ende. Bis zum Mittag und in versiegelten Umschlägen mußten die drei Kaufinteressenten ihre Offerten einreichen. In Bieterkreisen wurde am Dienstag damit gerechnet, daß die Verkäufer – ein Investorenkonsortium um den amerikanischen Medienunternehmer Haim Saban – die Prüfung der Gebote bis Freitag abschließen. Die Alteigner hoffen auf einen Verkaufserlös von mehr als 3 Milliarden Euro für ihren Anteil von 50,5 Prozent am gesamten Aktienkapital von Pro Sieben Sat.1.
Die Entscheidung über den künftigen Eigentümer von Pro Sieben Sat.1 ist eine industriepolitisch weitreichende Weichenstellung. Zwar rechnet unter den Beteiligten niemand damit, daß andere Kriterien als der höchste Preis und eine sichere Abwicklung des Geschäfts eine Rolle spielen werden. Doch für den einst vom Münchner Privatfernseh-Altvater Leo Kirch geschmiedeten Konzern eröffnen sich, je nachdem, wer den Zuschlag bekommt, grundlegend unterschiedliche Perspektiven.
Vorbehalte aus der Politik gegen die Türken
Kurz vor Ablauf der Gebotsfrist ist auch auf Seiten anderer Bieter die türkische Dogan-Gruppe favorisiert worden. Der Mischkonzern hat bereits in einer früheren Phase des Verkaufs auf unverbindlicher Basis das Höchstgebot abgegeben. Sollte Pro Sieben Sat.1 an Dogan gehen, würde erstmals ein türkisches Unternehmen im deutschen Mediengeschäft Regie führen. Die in ihrer Heimat sowohl in der Industrie als auch in der Versicherungsbranche aktive Dogan-Gruppe gibt unter anderem auch die auflagenstarke Zeitung Hürriyet heraus und ist der mächtigste Medienkonzern in der Türkei. In der Politik gibt es Vorbehalte gegen den Einstieg Dogans in das deutsche Fernsehen, doch öffentlich wollte diese, wohl auch wegen der ohnehin angespannten Beziehungen zur Türkei, bisher kein deutscher Politiker formulieren. „Da traut sich keiner ran“, heißt es im Lager der Dogan-Konkurrenten frustriert.
Dogan hat in den vergangenen Tagen versucht, das Mißtrauen abzubauen: Nein, die deutsche Sendergruppe werde nicht als Satellit von Istanbul aus gesteuert, sondern solle eigenständig agieren. Ja, man wolle als Neuling deutsche Medienunternehmen als Mitgesellschafter gewinnen. Wer dafür in Frage käme, ist bisher allerdings unklar. Am ehesten vermutlich der Axel Springer Verlag (Bild-Zeitung), der schon 11,8 Prozent an Pro Sieben hält und sich auch an der Mediensparte der Türken beteiligen will. Andere deutsche Verlage, wie die Essener WAZ-Gruppe und der Heinrich Bauer Verlag (Magazin Bravo) winken dagegen ab.
Sprung in den Dax möglich
Deutschen Industriepolitikern wären die beiden anderen Bietergruppen aus der Finanzinvestoren-Branche als neue Eigner von Pro Sieben lieber: Goldman Sachs und Apax glauben, bei der Sendergruppe noch weitere Potentiale zur Steigerung der Profitabilität nutzen zu können und hoffen, in einigen Jahren über eine Börsenplazierung mit Gewinn wieder auszusteigen. Aus Sicht der Industriepolitiker ist allerdings das dritte Bietergespann, bestehend aus den Beteiligungsgesellschaften Permira und KKR, das attraktivste.
Die beiden Finanzinvestoren kontrollieren gemeinsam schon die vor allem in Skandinavien aktive Sendergruppe SBS, die mit einem für dieses Jahr erwarteten Umsatz von rund einer Milliarde Euro knapp halb so groß ist wie Pro Sieben Sat.1. Die Investoren wollen aus den beiden Gruppen einen europäischen Fernsehkonzern schmieden. Pro Sieben Sat.1 soll dazu SBS übernehmen. Unternehmenssitz wäre München. Der Fernsehkonzern bliebe an der Börse und könnte mit seinen mehr als drei Milliarden Euro Umsatz sogar den Sprung in den Deutschen Aktienindex Dax schaffen.
Synergien werden überschätzt
Angeblich favorisiert auch Vorstandschef Posch diese Variante und will weiter an Bord bleiben. Für Permira und KKR wäre die Zusammenlegung der beiden Sendergruppen unmittelbar vorteilhaft: Sie könnten die Pro-Sieben-Minderheitsgesellschafter am Kaufpreis für SBS beteiligen und so schon bei der kleineren Sendergruppe teilweise Kasse machen. Mittelfristig soll dann der Komplettausstieg über die Börse oder durch den Verkauf an einen Großinvestor folgen.
Branchenfachleute bezweifeln allerdings, daß – wie von Permira und KKR geplant – durch eine grenzüberschreitende Fusion von Pro Sieben und SBS wesentliche Verbundvorteile (Synergien) entstehen, welche das neue größere Unternehmen profitabler machen würden als zuvor die beiden kleineren. „Solche Synergien gibt es im Fernsehgeschäft kaum“, sagt Nick Bertolotti, Medienanalyst bei der Credit Suisse in London. Zwar gebe es etwa in der Verwaltung Einsparmöglichkeiten, doch rund 80 Prozent der Senderkosten entfallen auf das Programm. „Im Programmeinkauf werden die Synergien aber regelmäßig überschätzt“, warnt ein im Mediengeschäft erfahrener Investmentbanker.
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