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Der Musikproduzent Christian Berman über die digitalisierte Musikbranche. Bild: privat

Interview mit Musikproduzenten : „Dein Rechner wird zum Tonstudio“

  • Aktualisiert am

Die Digitalisierung macht nicht Halt vor der Musikbranche. Ein Gespräch mit dem Musikproduzenten und Komponisten Christian Berman – über Herausforderungen und Chancen.

          Herr Berman, Sie haben mit Sting, Cher und Coldplay Musik gemacht, auch mit Udo Lindenberg und Xavier Naidoo. Das sind klangvolle Namen, aber die Zeiten ändern sich. Durch die Digitalisierung gewinnen soziale Netzwerke und Online-Medien wie Youtube, Twitter oder Spotify immer mehr an Bedeutung. Heißt das, dass die Funktion der Liedermacher durch diese Medien übernommen wird?

          Das ist in der Tat eine neue Art, Musik an die Menschen zu bringen. Man hat nicht mehr die Schallplattenläden als einzige Möglichkeit, um Musik zu verkaufen. Durch Online-Medien kann man einen direkten Draht zum Konsumenten aufbauen. Auch Medien wie Facebook ermöglichen einem, ohne Zwischenstation an die Menschen zu gelangen, egal, wo sie sind. Unser Geschäft wird durch die Digitalisierung viel demokratischer, weil die Künstler ihre Fanbase direkt erreichen können.

          Es ändern sich aber auch die Produktionsprozesse, oder?

          Ja, auf jeden Fall. Der Produktionsprozess verändert sich stark. Früher musste man, um sein Album zu produzieren, mit enormen Kosten rechnen. Das ist durch die Digitalisierung nicht mehr so, sie bringt das Tonstudio in deinen Computer. Dadurch entstehen neue Vermarktungssysteme, und Künstler haben, wenn man so will, die ganze Welt als Marketplace.

          Wir denken eher daran, ob es schwerer geworden ist als Künstler, seine Musik dauerhaft zu verkaufen. Muss man Angst davor haben, ein One-Hit-Wonder zu sein?

          Das ist das Problem der neuen Möglichkeiten. Es gibt immer zwei Seiten. Man erreicht durch Medien wie Facebook direkt seine Fanbase und kann seine Beiträge an die Masse bringen. Es kann aber auch sein, dass sie einfach weiterzieht. Das wird besonders zum Problem für unbekanntere Künstler. Spotify erschließt da einen neuen Markt, weil es eine riesige Menge an Musik auf solchen Plattformen gibt. Es ist nur leider so, dass viel Geld bei den Firmen und nicht bei dem Künstler hängenbleibt. Da werden künftig sicherlich andere Möglichkeiten entstehen. Oder die Verträge werden sich ändern.

          Wird der Markt von Streaming beherrscht werden?

          Die Märkte sind unterschiedlich. In Schweden, einem diesbezüglich fortgeschrittenen Land, werden schon rund 70 Prozent der Musik gestreamt. Da kauft kaum noch jemand eine CD. Die Vereinigten Staaten sind auch deutlich erkennbar auf diesem Weg. Nur in Deutschland entwickelt sich das Geschäft noch nicht so, aber das wird auch noch kommen.

          Es gibt aber noch Bewegungen gegen das Streaming.

          Ja. Vinylplatten und der Retrotrend sind wieder im Kommen. Musik digital und virtuell zu konsumieren heißt ja auch, keine CD in Händen halten zu können. Vielen fehlt das haptische Erlebnis. Die kaufen sich Schallplatten oder CDs.

          Bekommen die großen Musikproduzenten Probleme, wenn jeder alles in seinem Wohnzimmer herstellen kann?

          Ich glaube nicht, dass es eine große Gefahr für etablierte Musikproduzenten gibt. Schließlich geht es am Ende des Tages um das Gespür für Hit-Songs. Eine Mischung aus Bauchgefühl und Erfahrung. Dieses kann einem die Technologie nicht abnehmen. Eher ergeben sich spannende Kollaborationen mit jungen Künstlern, die einem den Horizont erweitern.

          Sollen sich noch unbekannte Künstler am Mainstream orientieren, um verkaufbare Musik zu machen, oder geht es auch abseits von dem, was gerade in ist?

          Natürlich gibt es Künstler, deren Musik beliebt ist und sich gut verkauft. Die bleiben dann oft auf der gleichen Schiene. Es entstehen im Moment aber viele Nischen, Jazzmusik oder klassische Musik sind wieder recht beliebt. Hier interferiert die Digitalisierung auch, denn um solche Bewegungen abseits des Mainstreams populär zu machen, sind Plattformen wie Spotify perfekt, weil man neue kritische Masse erreicht.

          Es ist also gar nicht so, dass Musik durch die Digitalisierung zwangsweise an Individualität verliert?

          Nein, ich denke nicht. Es entwickeln sich mehr Nischen. Künstler aus allen Regionen können sich auf der ganzen Welt bekannt machen. Ich entdecke mehr Musik und Künstler als früher, das bringt viel Positives für die kreative Szene.

          Wird oder ist Musik somit Teil der Massenkultur?

          Das denke ich. Sie war es schon immer irgendwie. Musik spielt sogar eine große Rolle. Ich denke an die Art, wie sie Menschen beeinflusst. Auch in der Musikszene gibt es Trendmacher und Influencer. Die bleiben zwar oft im Hintergrund, aber sie beeinflussen das Geschehen auf vielen Ebenen. Und das wird noch stärker durch die Omnipräsenz, die Musik heutzutage hat. Sein Handy mit seinen Alben und Playlists hat doch heute eigentlich jeder überall dabei. Musik schafft es so, sich viel mehr in dein Leben einzuflechten. Sie macht uns glücklich oder traurig.

          Musik wird also nicht banaler durch die Digitalisierung?

          Es gibt trotzdem diesen Einheitsbrei. Aber tendenziell bringt die Digitalisierung der Musik viele neue Einflüsse und Chancen. Man entdeckt neue Künstler und neue Playlists, so wie man neue Einflüsse durch seine Freunde gewinnt. Musik wird nicht normaler im Sinne von gewöhnlicher, sie wird eher unabdinglich.

          Das Gespräch führten Beatrix Bültemeier und Holger Appel.

          Quelle: F.A.Z.

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