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Datenauswertung : Die Macht der Algorithmen

Die Bedeutung von Algorithmen wächst nicht nur bei Onlinehändlern wie Amazon. Gerade der Einzelhandel nutzt Daten. Bild: dpa

An welchem Tag sind rote Blusen besonders gefragt, und wann verkaufen sich schmale Krawatten am besten? Das wissen nicht nur Modefachleute, sondern auch schlaue Algorithmen. Und die mischen den Handel auf.

          Wie kommt die Kleidung zum Kunden, warum kauft wer was? An welchem Tag sind rote Blusen besonders gefragt, und wann verkaufen sich schmale Krawatten am besten? Wer sich mit solchen Fragen beschäftigt, ist entweder ganz nah dran an den Trends der Mode oder ein Meister der Algorithmen. Denn das Einkaufen im stationären Handel wie auch im Netz ist mehr und mehr abhängig von Daten und Rechenregeln. Daten sind das Rohöl der Informationsgesellschaft, heißt es. Der Vergleich passt aber nicht ganz. Denn während die Ölmenge der Erde begrenzt ist und der Preis des Öls als knapper Ressource umso mehr klettert, je weniger von ihr übrig ist, wird der Vorrat an Daten fortwährend aufgefüllt. Durch das Internet, durch die modernen Kommunikationsinfrastrukturen, durch Milliarden Menschen, die jeden Tag soziale Daten über sich selbst, über ihre Bewegung, über ihr Verhalten und ihre Interessen erzeugen. Die Menge der erzeugten Daten wächst exponentiell. Die Zeitspanne, in der sich das Volumen verdoppelt, liegt derzeit bei 18 Monaten. In fünf Jahren wird die Menge also um den Faktor zehn angeschwollen sein, in zehn Jahren um den Faktor 100. Das Datenvolumen, das wir im Laufe des gesamten Jahres 2000 produzierten, wird heute im Laufe eines einzigen Tages erzeugt.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Diese Rohdaten werden verarbeitet, und hier passt der Vergleich mit dem Öl: Wie Öl nicht in seiner Rohform genutzt werden kann und zu Benzin, Plastik oder chemischen Produkten verarbeitet werden muss, sind Daten an sich in ihrer Rohform nutzlos. Ihr Wert wird durch Raffinerien geschaffen, die Daten sammeln, analysieren, vergleichen, filtern und aus ihnen neue Produkte generieren. Wenn Menschen ein Produkt kaufen, ein Restaurant suchen oder sich über ein Reiseziel informieren, kommen die Datenraffinerien zum Einsatz, die bestimmte Entscheidungen nahelegen. Daten werden wertvoll, wenn sie beispielsweise mit anderen Daten verglichen werden, und erst mit den Algorithmen einer Datenraffinerie werden Muster sichtbar, welche der einzelne Mensch nicht sehen kann.

          Amazon ist allwissender Konzern

          Algorithmen von Plattformen, sozialen Netzen und Suchmaschinen sind die Schnittstelle zum Menschen. Algorithmen wirken sich auf unser Verhalten aus, indem sie Entscheidungen beeinflussen. Ein Großteil unserer täglichen Aktivitäten ist durch Algorithmen geprägt. Nicht nur dass mit Algorithmen unser Verhalten beobachtet wird, man versucht auch, unsere Bedürfnisse und unser künftiges Handeln vorherzusagen.

          Das Beispiel schlechthin ist der Online-Händler Amazon. Rund ums Einkaufen ist kein anderer Konzern so allwissend, wenn es um die Kunden, ihre Bedürfnisse und neueste Trends geht. Bei welchem Wetter welche Kleidungsstücke in welchen Regionen am liebsten in welchen Farben gekauft werden: Mit diesen Daten kann Amazon nicht nur potentiellen Kunden zur richtigen Zeit das passende Angebot präsentieren. Sondern Amazon kann auch die Preise entsprechend variieren, bei manchen Produkten sogar stündlich. Am teuersten ist Amazon übrigens abends, wenn gutverdienende Kunden endlich Zeit für den Einkauf haben. Zugespitzt meinen einige Fachleute, Amazon sei ein Unternehmen für Datenanalyse und der Online-Handel die lukrativste Art, die Datenkompetenz zu Geld zu machen.

          Amazon hat Millionen Produkte im Angebot, folglich kann die digitale Auslage nicht mehr per Hand gestaltet werden, sondern muss zwangsläufig algorithmisch erfolgen. Dazu kommt das Wissen über den Kunden, über vorherige Bestellvorgänge, über Produkte, die auf die Merkliste gesetzt wurden. Wer sich mehrfach ein Produkt angesehen hat, wird mit weiterer Werbung gefüttert. Der Einsatz von Algorithmen an sich ist nicht verwerflich.

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