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Mayers Weltwirtschaft : Mein Jahr 2017

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Unser Kolumnist über Politiker auf Irrwegen und Finanzmärkte im Drogenrausch

          Wir sind noch einmal davongekommen“ ist der Titel eines Stücks des amerikanischen Dramatikers Thornton Wilder. Dieser Titel scheint mir gut zum vergangenen Jahr zu passen, das vor allem ein Jahr der politischen „Nicht-Ereignisse“ war. 2017 sind all die schlimmen Dinge, die man nach dem „annus horribilis“ 2016 erwartet hatte, nicht passiert. Aber aufgeschoben muss ja nicht aufgehoben sein.

          Gleich zu Anfang des Jahres malte Donald Trump bei seinem Amtsantritt das Land in düsteren Farben und versprach, „es wieder groß zu machen“. Aufgeschreckte Kommentatoren sahen das Ende des liberalen Rechtsstaats, den Untergang der Nato, einen Handelskrieg mit China und einen Atomkrieg mit Nordkorea am Horizont heraufziehen. Die Finanzmärkte träumten dagegen von Steuersenkungen, einer Reform der Gesundheitsversicherung, höheren Zinsen am Kapitalmarkt und einem stärkeren Dollar. Fast nichts davon ist passiert. Die Väter der amerikanischen Verfassung waren sehr kluge, klassisch-liberale Geister, die das Recht der Bürger über die Befugnisse der Regierung stellten. Sie rechneten damit, dass auch weniger kluge Politiker an die Spitze des Staates gewählt werden könnten und setzten deshalb der Regierungsmacht klare Grenzen. Trump war klug genug oder zumindest nicht mächtig genug, diese Grenzen zu überschreiten. Und so verliefen viele seiner dunklen Drohungen im Sande. Dagegen gelang ihm am Ende seines ersten Amtsjahres die lang ersehnte Steuerreform. Die mag zwar nicht perfekt sein, aber die Märkte sind zufrieden: Der Aktienmarktindex S&P 500 stieg im Verlauf des Jahres um rund 20 Prozent.

          Nachdem das britische Volk 2016 mehrheitlich für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hatte, erwarteten viele, dass die britische Wirtschaft dieses Jahr in die Rezession fallen und die Risse in der EU sich vertiefen würden. Aber auch in Europa wurde längst nicht so heiß gegessen, wie gekocht worden war. Die britische Wirtschaft dürfte dieses Jahr um die 1,5 Prozent gewachsen sein, und wenn der „Brexit“ überhaupt einen Einfluss auf die EU hatte, dann bestand dieser eher darin, dass die EU-Politiker enger zusammengerückt sind. Sogar der glücklosen britischen Premierministerin Theresa May gelang gegen Ende des Jahres noch ein Achtungserfolg: Sie konnte die erste Stufe der Austrittsverhandlungen abschließen, in der es um die Rechte der jeweiligen Staatsbürger der anderen Seite in Großbritannien und der EU, die Grenze mit Nordirland und die Austrittsgebühr ging.

          Im Frühjahr dieses Jahres zitterte die halbe Welt vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Der Vorsitzenden des Front National, Marine Le Pen, wurde zugetraut, zur ersten Präsidentin Frankreichs gewählt zu werden. Ihr folgenschwerstes Ziel: Austritt aus der Europäischen Währungsunion. Hätte sie die Wahl gewonnen und ihre Absicht wahr gemacht, würde jetzt wohl kein Stein der EU mehr auf dem anderen stehen. Doch mit Emmanuel Macron trat ein weißer Ritter auf die Bühne und rettete den Euro mitsamt der EU. Nun ist er der neue Hoffnungsträger nicht nur für Frankreich, sondern ganz Europa. Störend ist nur, dass es mit der Bildung einer neuen Regierung in Deutschland nicht so recht klappt. Die wäre aber als Partner nötig, damit Macron seine hochfliegenden Pläne für die Vertiefung der Europäischen Union voranbringen kann.

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