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Mayers Weltwirtschaft : Das Versagen der Ökonomen

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Wirtschaftswissenschaftler haben die Finanzkrise nicht kommen sehen. Schlimmer noch: Sie haben seitdem nichts dazugelernt.

          Kurz nach der Pleite der amerikanischen Bank Lehman Brothers stellte die britische Königin Elisabeth II. im November 2008 die Frage, warum denn keiner der ökonomischen Experten die Finanzkrise vorhergesehen habe. Bis heute hat es die Zunft der Ökonomen nicht geschafft, der Queen eine schlüssige Antwort zu geben. Kürzlich titelte daher eine große englische Finanzzeitung: „Haben die Wirtschaftswissenschaften versagt?“ Akademische Ökonomen können die Frage ignorieren, solange eine von akademischen Titeln eingeschüchterte öffentliche Hand und devote private Stiftungen ihrem selbstreferenziellen Wissenschaftsbetrieb nicht den Geldhahn abdrehen. Der Praktiker hat es da schon viel schwerer, denn er muss seine Kunden vom Nutzen ökonomischer Beratung überzeugen. Elegante Analysen in von Akademikern gekürten „Top-Journals“ sind dafür belanglos. Es zählt, „was hinten rauskommt“. Viele Kunden sind inzwischen der Meinung, dass das nicht viel ist. Entsprechend gering ist ihre Zahlungsbereitschaft für volkswirtschaftlichen Rat. Dies ist an den Preisen abzulesen, die Banken ihren institutionellen Kunden für Research in Rechnung stellen, seit sie die Kosten von Analysen nicht mehr in den Handelsgebühren verstecken können.

          Seit beinahe drei Jahrzehnten verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit wirtschaftlicher Beratung im Privatsektor. Vor der Finanzkrise von 2007/08 hatte ich ein entspanntes Verhältnis zum akademischen Wissenschaftsbetrieb. Nicht alles, aber doch so manches schien für die praktische Arbeit nützlich. Da die Zentralbanken große Konsumenten wissenschaftlicher Studien waren, konnte man ihre Denkweise besser verstehen, wenn man die wissenschaftliche Debatte verfolgte. Seit der Finanzkrise hat sich mein Verhältnis jedoch entscheidend geändert. Zwar sind die Zentralbanken dem Wissenschaftsbetrieb treu geblieben, aber immer mehr Praktiker stehen ihm – und daher mittelbar auch den Zentralbanken – skeptisch gegenüber. Wie kann es sein, höre ich oft, dass die Folgen der Finanzkrise von den Zentralbanken mit den gleichen Mitteln bekämpft werden, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben? Wie kann es sein, dass Regulierer von Finanzinstituten Risikomodelle, die in der Finanzkrise versagt haben, weiter nutzen und den von ihnen regulierten Instituten vorschreiben? Haben die Wirtschaftswissenschaften insgesamt versagt?

          Meine Antwort darauf ist, dass der Vorwurf so pauschal nicht zutrifft. Viele wichtige Einsichten der ökonomischen Wissenschaft haben weiterhin Bestand. Zwei Bereiche stecken jedoch in der Krise: die makroökonomische Theorie und die sogenannte moderne Finanztheorie. Im Verlauf der 1990er Jahre haben sich die Makroökonomen, die vorher in die Schulen der Keynesianer und der Neoklassiker gespalten waren, auf ein keynesianisch-neoklassiches Fusionsmodell geeinigt und damit ihre Sicht verengt. Die „neu-keynesianische“ Theorie wurde zur Arbeitsgrundlage für Wissenschaft und Zentralbanken und diente daher auch Praktikern zur Orientierung. Die auf dieser Theorie fußenden Wirtschaftsmodelle hatten jedoch einen kardinalen Fehler: Ihnen fehlte eine detaillierte Beschreibung des Bankensektors und des Kapitalmarkts. Folglich waren die Nutzer dieser Modelle blind für die Entwicklungen, die zur Finanzkrise führten.

          Ähnlich verhielt es sich mit der modernen Finanztheorie, die mit unrealistischen Modellen die Finanzmärkte beschrieb und das Verhalten der Marktteilnehmer abbildete. Die auf dieser Theorie fußenden Modelle zum Risikomanagement ließen die Anwender direkt ins Messer der Finanzkrise laufen. Man hätte vermuten können, dass nach der Krise eine umfassende Schadensanalyse vorgenommen worden wäre. Doch dem war nicht so. Schnell gingen der Wissenschaftsbetrieb und mit ihm die Zentralbanken und Regulierungsbehörden zum „business as usual“ zurück. Statt ihren Ansatz zu ändern, wollen sie diesen lieber noch umfassender durchsetzen. So sagte der Vize-Präsident der Europäischen Zentralbank Vitor Constancio kürzlich, dass er es in Übereinstimmung mit akademischen Analysen für notwendig halte, das Zinsmanagement durch die Zentralbank künftig grundsätzlich über den Geldmarktzins hinaus auf weitere Zinsen auszudehnen.

          Als Praktiker würde ich mir von meiner Zunft mehr Selbstkritik und Demut wünschen. Die ökonomische Wissenschaft sollte sich stärker als Sozialwissenschaft begreifen, die nicht auf Naturgesetze vertrauen und sich die Welt wie ein Ingenieur konstruieren kann. Dafür hilfreich wären mehr interdisziplinäre Arbeit und die Einsicht, dass das in den Köpfen der Menschen steckende wirtschaftliche Wissen nur ihnen bekannt ist und daher nicht von Volkswirten in mathematische Formeln gegossen werden kann.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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