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Mayers Weltwirtschaft : Geldexperimente von gestern

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Notenbanken fluten die Welt mit immer mehr Geld. Ein ähnliches Experiment ist früher schon mal schiefgegangen.

          We are all doomed“, raunt der Finanzgeist-Trinitus, von dem ich Ihnen am 18. März hier erzählt habe, in mein Ohr. Wen höre ich da nur? Vielleicht ist es ja der Geist des schottischen Abenteurers, Spielers und zeitweiligen französischen Finanzministers John Law, der im Frankreich des 18.Jahrhunderts unser heutiges Geldexperiment vorwegnahm.

          Law wurde im Jahr 1671 in Edinburgh geboren. Mit 17 Jahren ging er nach London und betätigte sich dort als Glücksspieler. Nach einem Duell mit tödlichem Ausgang floh er nach Holland, wo er in der Bank von Amsterdam das Geldgeschäft kennenlernte. Dabei kam ihm eine zündende Idee: Wenn Geld nicht länger an Gold und Silber gebunden wäre, dann könnte der Staat es so vermehren, dass die Bedürfnisse der privaten Wirtschaft und der öffentlichen Hand befriedigt werden konnten. Anfang des 18. Jahrhunderts kam Law nach Frankreich und lernte an den Spieltischen Philipp II., Herzog von Orleans, kennen. Nach dem Tod Ludwigs XIV. wurde Philipp bis zur Volljährigkeit des Thronfolgers zum Regenten Frankreichs berufen. Das ermöglichte Law, seinen Plan für ein neues Geldsystem zu verwirklichen.

          Mit Unterstützung des Regenten gründete Law im Jahr 1716 eine Bank, die zunächst Papiergeld gegen die Einlage von Münzgeld ausgab. Zwei Jahre später wurde die Bank verstaatlicht und firmierte fortan als „Königliche Bank“. Ende 1717 schuf Law eine Firma zur Entwicklung der französischen Besitzungen in Amerika, die von 1718 bis 1719 die französischen Besitzungen in Asien und Afrika übernahm und die Rechte zur Eintreibung aller Steuern in Frankreich erwarb. Im Jahr 1720 fusionierte Law diese Firma mit der Königlichen Bank und übernahm als Finanzminister die Herrschaft über Frankreichs Geld- und Finanzwesen.

          Das Ziel von Laws Firma war es, den Regenten und die Wirtschaft mit billigen Krediten zu versorgen. Gegen die Staatsschuld und die Überseebesitzungen gab er Aktien, gegen die Kredite an die Wirtschaft und das eingesammelte Münzgeld gab er Papiergeld aus. Auf dem Höhepunkt seiner Aktivitäten fixierte er einen festen Preis der Aktien gegenüber dem Papiergeld. Nun war die umlaufende Geldmenge nicht länger an Silber oder Gold gebunden, sondern konnte über die Ausgabe von Aktien und Papiergeld vermehrt werden. Solange die Leute Vertrauen in die Erträge aus den Steuereinnahmen und Überseebesitzungen hatten, waren sie gewillt, neu ausgegebenes Papiergeld zum Kauf von neu emittierten Aktien zu verwenden. Law hatte einen Coup gelandet: Die Leute liebten das Papiergeld und rissen sich um die Aktien. Der Zins auf Staatsanleihen sank von acht auf zwei Prozent. Law, selbst Großaktionär der Firma, galt als reichster Mann der Welt.

          Richard Cantillon, ein Pariser Bankier irischer Abstammung, war Partner in Laws Firma zur Entwicklung der amerikanischen Besitzungen gewesen. Dem neuen Geldsystem misstraute er. Seiner Meinung nach würde es nur so lange funktionieren, wie die Leute das Papiergeld zum Erwerb von Vermögenswerten nutzten. Sobald sie es aber zum Kauf von Gütern, Dienstleistungen oder Edelmetallen einsetzen wollten, würden sie seine Wertlosigkeit erkennen. Cantillon schloss also Wetten auf den Verfall der französischen Währung ab. Law wollte den Herausforderer in den Kerker werfen lassen, aber dieser hatte sich klugerweise nach London abgesetzt.

          Es kam, wie Cantillon es vorausgesehen hatte. Im Frühjahr 1720 kippte die Stimmung und mit ihr der Aktienkurs von Laws Firma. Er versuchte, ihn mit neuem Papiergeld zu stützen, doch die Leute flohen in Gold und Silber. Er verbot den Besitz von Gold und Silber, doch das führte zur Abwertung der französischen Währung gegen das mit Metall gedeckte Geld anderer Länder. Die Importpreise stiegen, und es kam zur galoppierenden Inflation. Schließlich wurde die Unzufriedenheit so groß, dass der Regent gezwungen war, Law zu entlassen. Es gab eine Währungsreform, in der Laws Papiergeld entwertet und durch an Metall gebundenes Geld ersetzt wurde. Law floh verarmt aus Frankreich, während Cantillon reich wurde.

          Laws Geldexperiment war regional und kurz. Unser heutiges Geldexperiment ist global und langwierig. Beide Experimente sind sich darin ähnlich, dass neue staatliche und private Aktivitäten durch die Ausgabe von Finanzinstrumenten und Zentralbankgeld finanziert werden. Von Cantillon können wir lernen, dass dieses System eine Schwachstelle hat: Wenn das Geld aus dem Finanzkreislauf ausbricht und die Preise von Gütern, Dienstleistungen und Edelmetallen zu treiben beginnt, sind seine Tage gezählt. Auch Laws Nachfolger dürfte es nicht gelingen, das System dann zu stabilisieren.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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