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Mayers Weltwirtschaft : Wie der Euro kollabieren kann

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Italien bringt mit seiner Politik die Währungsunion ins Wanken. Der Euro kann viel schneller zusammenbrechen, als wir alle ahnen.

          Nach der deutschen Wiedervereinigung stiegen die Zinsen Anfang der 1990er Jahre auf mehr als neun Prozent. Andere Länder, deren Zinsen über den Wechselkursverbund des Europäischen Währungssystems an die D-Mark gekoppelt waren, konnten nicht mithalten. Währungsspekulanten erzwangen Abwertungen und schließlich die weitgehende Entkoppelung der am System teilnehmenden Währungen. Nicht zuletzt diese Erfahrung motivierte viele Politiker, auf die schnelle Einführung einer einheitlichen europäischen Währung zu drängen. Aus der Währungsunion sollte kein Land mehr durch schiere Marktkräfte herausgebrochen werden können.

          Aber ist der Euro heute vor zerstörerischen Marktkräften wirklich sicher? Diese Frage verneint der Ökonom Stefan Homburg von der Universität Hannover in einer jüngst erschienenen Analyse. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Euroland durch einen „Run“ auf die dort befindlichen Bankeinlagen durchaus aus der Währungsunion herausgebrochen werden könnte. Wie wäre das möglich? Aus gegebenem Anlass soll das am Beispiel Italiens illustriert werden. Angenommen, italienische Bankkunden würden das Vertrauen in die Sicherheit ihrer Giralgeldeinlagen verlieren und diese nach Deutschland verlagern. Statt ihren italienischen Partnern nun Interbankkredite zu gewähren, würden die deutschen Banken wohl von ihnen verlangen, dass sie zur Deckung der neuen Verpflichtungen werthaltige Forderungen in Form von Zentralbankgeld übertragen. Mit dem Abfluss von Giralgeld verringern sich daher die Zentralbankreserven der italienischen Banken.

          Was geschieht, wenn die Reserven der italienischen Banken aufgebraucht sind? Damit die Überweisungen nach Deutschland weitergehen können, müssen sich die italienischen Banken neues Reservegeld besorgen. Das können sie, wenn sie von ihnen vergebene Kredite mit einer Vereinbarung zum späteren Rückkauf im Tausch gegen Zentralbankgeld an die italienische Zentralbank abgeben. Solange dies verbriefte Kredite ordentlicher Qualität sind, können sie dafür die üblichen Finanzierungsfazilitäten der Europäischen Zentralbank (EZB) nutzen, und wenn sie nur noch zweifelhafte Kredite für den Tausch haben, können sie sich von der Banca d’Italia (BdI) im Rahmen der „Emergency Liquidity Assistance“ (ELA) das nötige Zentralbankgeld holen. Theoretisch könnten von den Bilanzen der italienischen Banken alle Kredite und Einlagen verschwinden. Die Kredite lägen nun bei der Banca d’Italia und die Einlagen in Deutschland. Als Gegenposten hätte die BdI im Interbankzahlungssystem Target2 entsprechende Verpflichtungen und die Bundesbank die dazu gehörigen Forderungen. Rein theoretisch könnte der Euro also auch durch einen Bank-Run nicht geknackt werden.

          Praktisch werden sich die italienischen Banken aber unter diesen Umständen nicht das nötige Zentralbankgeld holen können, das sie zur Finanzierung des Abflusses ihrer Sichteinlagen brauchen. Der Zentralbankrat der EZB kann nämlich mit einfacher Mehrheit die Vollzuteilung und mit einer Mehrheit von zwei Dritteln seiner Mitglieder die Ausgabe von Zentralbankgeld durch die BdI im Rahmen von ELA beenden. Vielen Ratsmitgliedern wird es mulmig werden, wenn ein Bank-Run zu einer immer größeren Flucht von Giralgeld aus Italien in andere Länder führen würde. Könnte die BdI verhindern, dass eine Zweidrittelmehrheit gegen eine von ihr gewollte ELA zu Stande käme?

          Dazu bräuchte sie mindestens 8 der 21 Stimmen im Rat. Die sechs Stimmen der südeuropäischen Länder würden allein nicht ausreichen. Dazu müssten der italienische Präsident und der spanische Vizepräsident ebenfalls nach ihrer Herkunft abstimmen, oder andere Ratsmitglieder müssten von der Notwendigkeit weiterer ELA für die Banca d’Italia überzeugt werden können. Das wäre wohl der Fall, wenn ein Austritt Italiens drohte, der die Währungsunion sprengen würde. Also sitzt Italien doch am längeren Hebel?

          Nicht unbedingt. Der Rat könnte sich zwar dazu entschließen, ELA an die italienischen Banken nicht zu verhindern, aber diesen Entschluss wie im Falle Griechenlands mit der Einfuhr von Kapitalverkehrskontrollen verbinden. Dann wäre ein Export von Sichteinlagen aus Italien nur noch sehr begrenzt möglich. Um einen darauf einsetzenden Schmuggel von Bargeld aus dem Land zu erschweren, könnte die Bargeldausgabe eingeschränkt und Grenzkontrollen eingeführt werden.

          Theoretisch ist der Euro zwar nicht zu knacken. Praktisch könnte eine Massenflucht von Sichteinlagen aus einem Land aber die Währungsgemeinschaft beenden. Denn wenn Giral- und Bargeld im Euroraum nicht frei fließen können, dann hat der Euro aufgehört, eine einheitliche Währung zu sein.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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