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Mayers Weltwirtschaft : Die Enteignung

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Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Europäische Zentralbank soll eigentlich für Preisstabilität sorgen. Das macht sie schon längst nicht mehr. Zum Schaden von uns allen.

          Der Wert des Geldes wird durch seine Kaufkraft bestimmt. Er sinkt, wenn die Kaufkraft sinkt oder, andersherum betrachtet, alle Preise steigen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Mandat, für Preisstabilität zu sorgen, so dass die Kaufkraft des Geldes erhalten bleibt. Doch die EZB hat ihr Mandat auf eine Weise ausgelegt, die dem widerspricht.

          Im Mai dieses Jahres stieg der harmonisierte Konsumentenpreisindex um 1,9Prozent gegenüber dem Vorjahr. Daraus könnte man schließen, dass die Kaufkraft des Geldes abnimmt. Aber die EZB definiert „Preisstabilität“ offiziell als ein Anstieg dieses Indexes von „unter aber nahe bei zwei Prozent“. Also herrschte nach der Definition der EZB Preisstabilität? Nicht unbedingt. Die Inflation ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise, die sogenannte „Kerninflation“, betrug nur 1,3 Prozent. Seit ein paar Jahren betrachtet die EZB die Kerninflation inoffiziell als ein besseres Maß für Preisstabilität, weil stärker schwankende Preise wie die für Energie oder saisonale Nahrungsmittel darin nicht enthalten sind. So gesehen liegt die Inflation noch immer unter dem Zielwert, den die EZB als Preisstabilität bezeichnet.

          Dagegen betrug der Anstieg der Vermögenspreise nach dem Flossbach von Storch Vermögenspreisindex Ende 2017 im Euroraum 5,7 Prozent. Nicht einmal die EZB würde dies als Preisstabilität bezeichnen. Aber Vermögenspreise lässt die EZB bei der Messung von Preisstabilität außen vor, obwohl sich auch in ihnen die Kaufkraft des Geldes widerspiegelt. Es scheint, als ob für die EZB Preisstabilität ist, was sie als solche definiert. Das ist zwar bequem, denn mit dieser Tautologie kann die EZB so gut wie jede Politik begründen, die ihr gefällt. Aber so war das Mandat nicht gemeint.

          Carl Menger, der Begründer der österreichischen Schule der Ökonomie, unterschied zwischen dem äußeren und inneren Wert des Geldes. Der äußere Wert ist die Kaufkraft des Geldes gemessen an einer Grundgesamtheit von Objekten, die gegen Geld eingetauscht werden können. Er kann gemessen werden: Die Statistiker definieren die Grundgesamtheit der Tauschobjekte für einen repräsentativen Geldnutzer und berechnen den äußeren Wert des Geldes als gewichteten Durchschnitt der Preisveränderungen dieser Objekte, wobei sie die Gewichte aus den Tauschpräferenzen dieses repräsentativen Nutzers ableiten. Die Grundgesamtheit der Tauschobjekte wird von den Statistikern auf Güter und Dienstleistungen begrenzt. Vermögenswerte, die gegen Geldvermögen getauscht werden können, bleiben außen vor. Heraus kommt der „Konsumentenpreisindex“.

          Doch die Grundgesamtheit der Objekte, die für Geld getauscht werden, ist für jeden Geldnutzer unterschiedlich, weil seine Tauschabsichten verschieden sind. Dem einen sind die Preise für Unternehmensbeteiligungen egal, weil er nie Aktien kaufen wird. Den anderen lassen die Preise für Autos kalt, weil er dieses Verkehrsmittel ablehnt. Der „repräsentative Nutzer“, für den ein äußerer Wert des Geldes gemessen werden kann, ist also eine Fiktion. Für den individuellen Nutzer ist der „innere Wert“ des Geldes entscheidend, der von der Kaufkraft des Geldes für die nach seinen Präferenzen bewerteten Objekten bestimmt wird. Da diese Präferenzen nur ihm bekannt sind, kann der innere Wert des Geldes nicht objektiv gemessen werden. Dennoch nimmt für den individuellen Nutzer der innere Wert des Geldes ab, wenn die Kaufkraft des Geldes systematisch verringert wird.

          Die EZB verstößt gegen ihr Mandat

          Geld ist auch ein Mittel zur Aufbewahrung von Eigentum für den Tausch zu einem späteren Zeitpunkt. Artikel 14 des Grundgesetzes schützt privates Eigentum. Das Mandat der EZB, für Preisstabilität zu sorgen, ist im Einklang mit dem vom Gesetzgeber gewollten Schutz des Eigentums. Man sollte daher meinen, dass Geldvermögen vor staatlicher Enteignung durch eine gezielte Verringerung der Kaufkraft des Geldes sicher sei.

          Dem ist aber nicht so. Die EZB will die Kaufkraft des Geldes durch die Verfolgung eines positiven Inflationsziels systematisch verringern. Dafür hat sie kein Mandat. Da der innere Wert des Geldes, auf den es ankommt, nicht objektiv gemessen werden kann und die Absicht, diesen systematisch zu verringern, dem Mandat der Preisstabilität widerspricht, müsste die EZB ihre geldpolitische Strategie eigentlich grundlegend ändern. Sie müsste anhand verschiedener Maße für den äußeren Wert (Konsumentenpreise, Vermögenspreise, Geldmenge, „gefühlte“ Inflation, etc.) auf Verschiebungen des inneren Werts schließen und danach handeln. Und sie müsste den Erhalt des inneren Werts anstreben. Doch die Politik hat nicht den Willen, der EZB die schleichende Enteignung der Eigentümer von Geldvermögen zu verwehren.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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