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Mayers Weltwirtschaft : Aufschwung in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Bild: Thilo Rothacker

Die Zinserhöhungen in Amerika machen der Welt zu schaffen. Besonders bedrohlich ist die Lage in Ländern, die hoch in Dollar verschuldet sind.

          Kürzlich habe ich auf die weltweit hohe Verschuldung als eine Last hingewiesen, durch die der gegenwärtige Konjunkturaufschwung zerbrechen könnte. Steigen die Zinsen oder fallen die Einkommen, könnte uns die hohe Schuldenlast in die nächste Krise stürzen. Solange dies aber nicht der Fall ist, geht es uns wie Bill Murray: Wie den Schauspieler im Film das Murmeltier, grüßt uns scheinbar ewig der Aufschwung, wenn wir den Tag beginnen. Doch immer wieder sieht man Blitze, die darauf hindeuten, dass die Zeitschlaufe reißen könnte. Solche Blitze waren der Kollaps des argentinischen Pesos, der das Land veranlasste, Unterstützung beim Internationalen Währungsfonds zu suchen, und der Absturz der türkischen Lira.

          Seit seiner Wahl im Jahr 2015 versucht Präsident Mauricio Macri, die argentinische Wirtschaft auf einen marktwirtschaftlichen Kurs zu bringen. Die internationalen Anleger schienen ihm dabei zunächst zu vertrauen und kauften vor einem Jahr willig eine Staatsanleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren. Seit Anfang dieses Jahres laufen die Dinge jedoch aus dem Ruder. Der Preis der Staatsanleihe ist um gut 15 Prozent gefallen und der argentinische Peso abgestürzt, obwohl die Zentralbank ihren Leitzins zeitweilig auf 40 Prozent angehoben und am Devisenmarkt heftig interveniert hat. Was ist geschehen?

          Heimische Fehler spielten eine Rolle. Die Zentralbank senkte im Januar voreilig den Zins, und das Parlament stellte sich gegen Macris Reformen. Wichtiger war vermutlich, dass die Erwartungen für Zinserhöhungen in den Vereinigten Staaten und damit der Wechselkurs des Dollars angestiegen sind. Höhere Zinsen und ein stärkerer Dollar sind Gift für Länder, die international hoch verschuldet sind und einen gewichtigen Teil dieser Schulden in Dollar aufgenommen haben. Die Anleger fliehen aus der Währung, und den Schuldnern wachsen die Dollar-Verbindlichkeiten über den Kopf.

          Kommt nach Argentinien nun die Türkei?

          Inzwischen ist Argentinien kein Einzelfall mehr. Seit dem Herbst fällt die türkische Lira, besonders stark in der vergangenen Woche. Die türkische Regierung unter Präsident Erdogan hat die Konjunktur durch Anreize zur Kreditaufnahme aufgeheizt. Dabei stieg auch die Verschuldung gegenüber ausländischen Gläubigern auf zuletzt 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein erheblicher Teil davon ist in Dollar denominiert. Zwar hat die Türkei ein etwas geringeres Budgetdefizit als Argentinien, dafür aber ein wesentlich höheres Außenhandelsdefizit. Vor allem aber hat sie einen Präsidenten, der Anleger mit der Aussage verschreckt, dass er die Zentralbank an die Kandare nehmen und persönlich dafür sorgen will, dass die Zinsen niedrig bleiben.

          Mit der Aufkündigung des Iran-Abkommens durch Amerikas Präsident Trump haben sich die Aussichten der Schuldnerländer verschlechtert. Die dadurch ausgelösten Ölpreiserhöhungen verschärfen den Kostendruck auf die Transportindustrie in Amerika, die schon jetzt an einem Mangel an Lkw-Fahrern leidet. Steigende Transportkosten werden die Internethändler veranlassen, ihre Preise zu erhöhen. Dadurch könnte ein breit wirkender Auftrieb für die Konsumentenpreise entstehen. Bei einer Arbeitslosigkeit auf Rekordtief und Stimulierung der Nachfrage durch die Steuerreform könnte die Notenbank Fed ihren Kurs der Zinserhöhungen verschärfen. Der aus Amerika kommende Zinsdruck könnte nach Argentinien und der Türkei weitere in Fremdwährung verschuldete Schwellenländer in Schwierigkeiten bringen.

          Nach den Schwellenländern leiden auch die Industriestaaten

          Steigt dadurch die Risikoaversion der internationalen Anleger, springt der Funke auf die Industrieländer über. Besonders bedroht sind Länder an der Peripherie der Europäischen Währungsunion, die in einer Währung hoch verschuldet sind, welche sie nicht selbst kontrollieren. Sie befinden sich daher in einer ähnlichen Lage wie die in Fremdwährung verschuldeten Schwellenländer. Wie im Fall der Türkei würde die Anfälligkeit der Eurozone weiter erhöht, wenn eine populistische Regierung in Italien die Verschuldung des Staates rücksichtslos nach oben treibt. Natürlich würden am Ende auch die Vereinigten Staaten leiden, wenn die Schwellenländer und mit ihnen die Eurozone vom Anstieg der Zinsen auf Dollaranlagen in die Krise gezogen würden. Aber es könnte eine Weile dauern, bis Amerika davon so betroffen wäre, dass die Fed eine Wende in ihrer Zinspolitik einleiten würde. Bis dahin könnte die Weltwirtschaft auf dem Weg in die nächste Rezession sein.

          Wie schon des Öfteren erklärt, sehe ich am Ende dieser Entwicklung eine breit angelegte Politik der Reflation durch die Zentralbanken, um durch monetäre Finanzierung den völligen Kollaps des globalen Schuldengebirges zu verhindern. Bis die Zentralbanken jedoch in die Gänge kommen, könnten aber noch erhebliche Gerölllawinen abgehen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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